Spree fällt auf Niedrigstand: Forscherin sieht Berlin bereits in „Stresssituation“
Der Wasserstand der Elbe fällt auf ein Rekordtief, auf dem Rhein müssen Frachter ihre Ladung reduzieren – und auch die Spree führt deutlich zu wenig Wasser. Die Trockenheit trifft inzwischen weite Teile Deutschlands. An der Spree ist die Lage so angespannt, dass Berlin, Brandenburg und Sachsen Ende Juli eigens eine gemeinsame Ad-hoc-Arbeitsgruppe eingesetzt haben.
Die Wasserforscherin Pascale Rouault warnt im Interview davor, sich auf die bislang verlässliche Versorgung zu verlassen. „Wir haben schon eine Stresssituation“, sagt die 56-jährige Geschäftsführerin des Kompetenzzentrums Wasser Berlin. Sie ärgert sich, dass das Thema Wasser noch nicht „zur Chefsache“ gemacht wurde. Berlin müsse sich künftig fragen, welche Unternehmen sich die Stadt noch leisten kann – und wie man Wasser „recyceln“ könnte.
Wie man Wasser in Industriegebieten verteilen kann
Frau Rouault, ist Wasser für Berlin ein Standortfaktor?
Wasser war eigentlich schon immer ein Standortfaktor für Städte. Deswegen liegen viele Großstädte am Wasser. Früher war das vor allem eine Verkehrsfrage. Heute müssen wir sehr darauf achten, dass wir genügend Wasser für alle zur Verfügung stellen können.
Für Berlin wird davon ausgegangen, dass wir künftig mehr Trinkwasser benötigen, weil die Stadt wächst. Die Kapazitäten sind aber nicht unbegrenzt. Wenn wir eine Industrie haben, die sehr viel Wasser verbraucht, müssen wir genau schauen: Passt das eigentlich in die Strategie der Stadt? Können wir uns das leisten oder nicht? Gleichzeitig stellt sich die Frage: Wie stark kann diese Stadt wachsen und wie viel Wasser können wir zur Verfügung stellen?
Welche Unternehmen benötigen besonders viel Wasser?
Zum Beispiel Getränkehersteller oder Rechenzentren für die Kühlung. Man muss aber auch sagen: Industrie kann lernen, Wasser stärker im Kreislauf zu nutzen, sodass am Ende vergleichsweise wenig neues Wasser gebraucht wird.
Wir haben Forschungsprojekte gemacht, bei denen wir uns damit beschäftigen, wie Wasser in Industriegebieten verteilt werden kann: Wer braucht welche Qualität und zu welchem Zeitpunkt? Man muss auch nicht immer Trinkwasser für alles verwenden. Wenn Wasser beispielsweise nur zur Kühlung gebraucht wird, braucht man dafür nicht unbedingt Trinkwasserqualität.
Könnte also das Wasser eines Unternehmens anschließend von einem anderen Betrieb genutzt werden?
Ja, grundsätzlich kann man Betriebe hintereinanderschalten. Wasser aus einem Industriezweig könnte für einen anderen noch geeignet sein. Aber die Anforderungen müssen zusammenpassen.
Das Problem ist die langfristige Planung. Man kann am Anfang ein gutes Konzept entwickeln. Aber Unternehmen verschwinden vielleicht irgendwann wieder oder verändern ihre Produktion. Dann funktioniert ein System, das sehr stark auf einzelne Betriebe zugeschnitten ist, möglicherweise nicht mehr.
KWB
Zur Person
Pascale Rouault, 56, ist Geschäftsführerin des Kompetenzzentrums Wasser Berlin (KWB). Die promovierte Wasserbauingenieurin forscht seit vielen Jahren zu urbanem Wassermanagement, Klimaanpassung und Schwammstadt-Konzepten.
Warum Berlin bereits in einer Stresssituation ist
Können wir in Berlin bereits von einer Wasserknappheit sprechen?
Wir haben schon eine Stresssituation. Wir haben drei große Herausforderungen: Zum einen wächst die Bevölkerung, dann haben wir den Klimawandel. Hinzu kommt der Ausstieg aus der Braunkohle, der dazu führen wird, dass weniger Wasser durch die Spree fließt.
Was wir nicht genau wissen, ist, wie stark der Klimawandel Berlin treffen wird. Wir wissen nicht, wie extrem zukünftige Dürreperioden werden. Gleichzeitig haben wir auf der anderen Seite immer häufiger extreme Starkregenereignisse.
Heißt das, Berlin könnte irgendwann tatsächlich zu wenig Wasser haben?
Wir wissen bereits, dass wir aufpassen müssen. Deswegen gibt es den Masterplan Wasser. Bisher hat es funktioniert und wir sind durch jede Krise gekommen. Aber ich kann Ihnen nicht sagen, ob wir nicht schon nächstes Jahr eine noch extremere Trockenperiode bekommen.
Gleichzeitig sollen in Berlin mehr Bäume gepflanz werden. Verschärft das den Wasserbedarf zusätzlich?
Natürlich. Bäume ohne Wasser haben auch keine Wirkung. Gerade neue Bäume müssen bewässert werden. Das bedeutet, dass wir für die Klimaanpassung teilweise sogar mehr Wasser benötigen werden. Und ich glaube, dafür gibt es noch kein vollständiges Konzept: Wie schaffen wir das? Mir ist jedenfalls keine vollständige Bezifferung bekannt, wie viel zusätzliches Wasser solche Maßnahmen künftig brauchen werden.
So könnte Wasser mehrfach genutzt werden
Sie sagen, eine Lösung wäre die sogenannte Schwammstadt. Was bedeutet das konkret?
Wir müssen Wasser stärker dort halten, wo es anfällt. Regenwasser sollte nicht einfach möglichst schnell abgeleitet werden. Es kann gespeichert werden, verdunsten, versickern und später wieder genutzt werden.
Ihr Kompetenzzentrum forscht auch zur Wasserwiederverwendung. Was ist darunter zu verstehen?
Wasserwiederverwendung ist inzwischen ein großes Thema in Europa. Länder wie Spanien oder Griechenland machen das bereits. In Deutschland wird noch viel darüber diskutiert. Die Idee ist beispielsweise, Wasser aus einer Kläranlage weiterzubehandeln, zu desinfizieren und anschließend für andere Zwecke zu nutzen – etwa für bestimmte industrielle Prozesse oder Bewässerung.
Es könnte sich lokal beispielsweise lohnen, Industrie in der Nähe von Kläranlagen anzusiedeln und genau dieses Wasser gezielt zu nutzen. Wir haben uns viel mit den technischen Lösungen zur Erreichung der richtigen Wasserqualität, zu ihren Kosten und ihrem CO₂-Fußabdruck beschäftigt, zu den Risiken und dem notwendigen Monitoring für eine Umsetzung.
Warum wird das bislang nicht viel stärker gemacht?
Weil die Aufbereitung aufwendig sein kann. Wenn man eine bestimmte Wasserqualität erreichen möchte, kann das sehr teuer werden. Aber wenn an einem Standort ein echter Engpass besteht, kann es sich trotzdem lohnen.
Berlin recycelt Wasser aber schon heute mehrfach, oder?
Ja, genau. Im Grunde haben wir in Berlin bereits einen fast geschlossenen Kreislauf. Das Wasser wird in den Kläranlagen gereinigt und anschließend in die Gewässer geleitet. Dann laufen die natürlichen Prozesse ab. Das Wasser gelangt durch den Boden und wird dabei über Boden- und Sandschichten weiter gefiltert. Später kann es wieder für die Trinkwassergewinnung genutzt werden.
Ich glaube aber, dass wir uns stärker als Region betrachten müssen. Momentan reden wir über die Trinkwasserversorgung in Berlin und separat über die Trinkwasserversorgung in Brandenburg. Wir haben keine gemeinsame Strategie. Dabei haben wir ein regionales Thema, ein regionales Problem. Wir werden das als Berliner nicht allein lösen. Wir brauchen gemeinsame Lösungen für Berlin und Brandenburg.
Wasser
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Ein Blick auf Frankreich zeigt: Wir müssen lernen, Wasser zu respektieren
Sie kommen aus Frankreich. Dort ist Wasserknappheit in einigen Regionen schon stärker im Alltag angekommen. Wie sieht das konkret aus?
Dort gibt es Regionen, in denen man in Trockenzeiten den Garten nicht mehr bewässern oder den Pool nicht mehr befüllen darf.
Wie haben die Menschen das dort aufgenommen?
Solche Einschränkungen sind für die Menschen irgendwann Realität geworden. Ich glaube, dass dadurch auch das Bewusstsein gewachsen ist. Am Anfang haben manche vielleicht noch versucht, Regeln zu umgehen oder nachts trotzdem den Garten zu bewässern. Heute wird darüber nicht mehr so gelacht. Ich glaube, man hat gelernt, das Wasser zu respektieren.
Hat die Wasserknappheit dort auch politisch etwas verändert?
Ja. Wenn Wasser wirklich knapp wird, wird das Thema plötzlich sehr viel wichtiger. Dann macht man sich Gedanken darüber, welche Infrastruktur gebaut werden muss und was das kostet. Die Bereitschaft, dafür zu investieren, wächst. Auch über höhere Wasserpreise wird dann anders gesprochen. Wenn klar ist, dass sehr viel investiert werden muss, verändert sich die Diskussion.
Es gibt bereits sehr große Konflikte darum, wer Wasser nutzen darf. Regelrechte Wasserkriege. Gerade die Landwirtschaft baut große Speicher, um Wasser zurückzuhalten. Darüber gibt es in Frankreich heftige Auseinandersetzungen. Wenn Wasser knapper wird, geht es irgendwann um Verteilung: Wer bekommt wie viel? Die Landwirtschaft braucht Wasser, die Städte brauchen Wasser, die Bevölkerung braucht Wasser. Das kann zu sehr starken Konflikten führen.
Ist Frankreich damit ein Ausblick darauf, was auch Deutschland bevorstehen könnte?
Ich glaube, wir können auf jeden Fall daraus lernen. Zum einen können wir die Bevölkerung früher einbeziehen und erklären, warum bestimmte Entscheidungen notwendig sind. Zum anderen müssen wir uns strategisch besser aufstellen. Man sieht zum Beispiel in Paris, dass Wasser inzwischen auch stärker als Teil der Klimaanpassung verstanden wird. Während großer Hitze brauchen die Menschen Orte, an denen sie sich abkühlen können. Solche Fragen bekommen dadurch eine ganz andere Bedeutung.
Warum nicht einfach Ostseewasser?
Könnte Berlin nicht einfach Wasser aus der Ostsee nutzen?
Technisch kann man da viel machen. Man könnte Meerwasser entsalzen, aber dafür müsste man eine riesige Infrastruktur über mehrere Bundesländer aufbauen. Das Wasser müsste transportiert werden, die Entsalzung benötigt Energie und anschließend bleibt hochkonzentriertes Salzwasser übrig. Man muss sich deshalb auch fragen, ob das nachhaltig ist.
Ich glaube, wir sollten viel stärker über kleinere Kreisläufe in Berlin und Brandenburg sprechen. Darüber, Wasser zu speichern, Grundwasser anzureichern und vorhandenes Wasser intelligenter zu nutzen.
Hat das Thema Wasser in der Berliner Politik die nötige Priorität?
Bisher habe ich keine Wahlplakate zu dem Thema Wasser gesehen. Natürlich gibt es den Masterplan Wasser und inzwischen deutlich mehr Aufmerksamkeit für Klimaanpassung, aber wir müssen Maßnahmen auch umsetzen. Wir müssen Genehmigungen vereinfachen, die Zusammenarbeit mit Brandenburg voranbringen und in Infrastruktur und Forschung investieren.
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