Sprengstoff am Leipziger Flughafen: Das macht Semtex so gefährlich
KI-Stimme. Info
Der Flughafen Leipzig/Halle entging gestern womöglich nur knapp einer Tragödie. Kurz vor Mitternacht bemerkte ein Busfahrer eine Drohne, die tief über den Sicherheitsbereich des Flughafens flog. Sie befand sich in der Nähe zweier ukrainischer Frachtmaschinen vom Typ Antonow AN-124 Condor. Der Mitarbeiter des Flughafens soll ausgestiegen sein und die Drohne eigenhändig zu Boden gebracht haben. Erst später stellte sich heraus, was an ihr befestigt war: ein Sprengsatz. Spezialisten der Bundespolizei untersuchten die Drohne mit einem Roboter und entfernten den Zünder. Verletzt wurde niemand.
Nach dpa-Informationen ist inzwischen bestätigt, dass in der Sprengladung auch Semtex verwendet wurde. Die Ermittler gehen außerdem vom Einsatz von PETN (Pentaerythrittetranitrat) aus. Wie der Sprengsatz genau aufgebaut war und wie groß die Ladung war, ist öffentlich nicht abschließend bekannt.
Auch interessant

Der Sprengstoff Semtex ist seit Jahrzehnten mit Anschlägen verbunden. Während des Kalten Krieges gelangten große Bestände in Staaten wie Libyen und später auch in die Hände terroristischer Gruppen. Beim Anschlag auf Pan-Am-Flug 103 über Lockerbie im Jahr 1988 wurde Semtex verwendet. Dabei starben 270 Menschen.
Gleichzeitig ist Semtex ein industriell hergestellter Sprengstoff für zivile und militärische Zwecke. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt sprach von einem „hybriden Anschlagsszenario“. Einen möglichen Auftraggeber nannte er nicht. Was genau steckt dahinter? Wie wird Semtex hergestellt? Wofür wird der Sprengstoff verwendet?
Was ist Semtex?
Semtex ist der Handelsname eines plastischen Hochleistungssprengstoffs. „Plastisch“ bedeutet hier allerdings nicht, dass der Sprengstoff aus Kunststoff besteht. Gemeint ist, dass sich die Masse formen, teilen und an eine Oberfläche oder einen Hohlraum anpassen lässt. Sie ähnelt in ihrer Konsistenz eher fester Knete.
Semtex ist deshalb kein einzelner chemischer Stoff mit einer immer gleichen Formel. Es gibt mehrere Varianten mit unterschiedlicher Zusammensetzung. Der Sprengstoff wurde 1966 vom Chemiker Stanislav Brebera in der damaligen Tschechoslowakei entwickelt. Sein Name stammt von “Semtín”, einer Vorstadt der tschechischen Stadt Pardubice, in dem er hergestellt wurde.
Auch interessant

Um Semtex ranken sich viele Mythen. Der Entwickler Brebera sagte dem SPIEGEL bereits 1993, Semtex unterscheide sich „technisch gesehen nur unwesentlich von anderen plastischen Sprengstoffen“. Behauptungen, der Stoff sei 20-mal stärker als vergleichbare Sprengstoffe oder 40-mal stärker als Dynamit, bezeichnete er als „völligen Unsinn“.
Woraus besteht Semtex?
Die explosive Wirkung stammt vor allem von PETN, das auf Deutsch auch Nitropenta genannt wird und ein sehr leistungsfähiger Explosivstoff ist. Hinzu kommen nicht explosive Bestandteile.
Synthetischer Kautschuk als Bindemittel und Mineralöl als Weichmacher machen die Masse formbar. Farbstoffe sorgen dafür, dass sich einzelne Varianten optisch unterscheiden lassen. Anschließend kann das Material etwa zu Blöcken oder Platten geformt werden. Moderne Ware enthält zudem chemische Markierungsstoffe, die das Aufspüren erleichtern sollen.
Artikel über die Ukraine – für Sie recherchiert
Wofür wird Semtex verwendet?
Semtex ist ein sogenanntes Dual-Use-Produkt. Es kann sowohl zivil als auch militärisch eingesetzt werden. Spezielle Varianten werden zum Beispiel zur Bearbeitung von Metallen angeboten. Dabei kann die genau berechnete Kraft einer Explosion etwa zum Härten oder zum Verbinden verschiedener Metallschichten genutzt werden.
Im militärischen Bereich wird plastischer Sprengstoff eher für technische Abbrucharbeiten eingesetzt. Seine Formbarkeit ist dabei Entscheidend. Er kann gezielt an einem Bauteil angebracht und an die gewünschte Form angepasst werden, ohne dass der Sprengstoff explodiert.
Wie gefährlich ist Semtex?
Semtex ist hochexplosiv. Bei einer Detonation läuft die chemische Reaktion nicht nur schnell ab. Eine Stoßfront bewegt sich mit Überschallgeschwindigkeit durch das Material. Bei mehreren Semtex-Varianten liegt die Detonationsgeschwindigkeit bei ungefähr 7000 Metern pro Sekunde.
Innerhalb kürzester Zeit entstehen heiße Gase und ein extremer Druck. Die Druckwelle kann Trommelfelle, Lunge und andere Organe schwer verletzen. Dazu kommen Splitter, umherfliegende Trümmer, einstürzende Bauteile und Verbrennungen.
Auch interessant

Sprengstoffexpertin Sabrina Wahler vom California Institute of Technology bezeichnete Semtex und PETN gegenüber der WELT als Stoffe, die „zu den leistungsfähigsten zivilen oder militärischen bekannten Sprengstoffen“ zählen. „PETN entspricht etwa dem 1,26- bis 1,40-Fachen des TNT-Äquivalents, das heißt, PETN ist etwa 1,26- bis 1,4-mal so leistungsfähig wie TNT.“
Warum explodiert Semtex nicht bei jeder Berührung?
Die enorme Wirkung steht fast im Widerspruch zu einer anderen Eigenschaft: Semtex reagiert vergleichsweise unempfindlich auf gewöhnlichen Druck oder kleinere mechanische Belastungen. Für eine gezielte Explosion ist in der Regel ein geeigneter Zünder wie PETN nötig. Der erzeugt einen ausreichend starken Stoß, der die Reaktion im Hauptsprengstoff auslöst.
„Relativ unempfindlich“ bedeutet aber keinesfalls sicher. Feuer, starke Hitze oder eine kräftige Stoßbelastung können eine Detonation auslösen. Alterung, Beschädigungen und unbekannte Beimischungen erhöhen die Unsicherheit zusätzlich. Verdächtige Gegenstände dürfen deshalb niemals berührt oder bewegt werden. Zuständig sind ausschließlich Polizei und Entschärfungsdienste.
Aktuelle News zum Ukraine-Krieg
Kann Semtex aufgespürt werden?
Ältere Semtex-Bestände galten als besonders schwer zu entdecken. Nach dem Lockerbie-Anschlag gewann deshalb die internationale Markierung plastischer Sprengstoffe an Bedeutung. Das 1991 in Montreal beschlossene Übereinkommen trat 1998 in Kraft. Vertragsstaaten müssen die Herstellung nicht markierter Plastiksprengstoffe verbieten und vorhandene Bestände streng kontrollieren.
Bei der Produktion werden dafür geringe Mengen eines chemischen Markierungsstoffes zugesetzt. Er soll eine erkennbare Spur abgeben, die speziellen Detektoren und Spürhunden die Suche erleichtert. Zwischen 1989 und 1991 war der Export verboten, mittlerweile ist er wieder möglich.

Auch in Deutschland ist der Umgang streng geregelt. Wer explosionsgefährliche Stoffe erwerben oder damit umgehen will, benötigt grundsätzlich eine Erlaubnis nach dem Sprengstoffgesetz. Legal eingesetzt wird Semtex daher nur von entsprechend berechtigten und geschulten Personen.