Stärkster El Niño seit 150 Jahren könnte 2026 und 2027 zu heißesten Jahren machen
Klimakrise
Stärkster El Niño seit 150 Jahren könnte 2026 und 2027 zu heißesten Jahren machen
Die Prognosen sprechen für ein außergewöhnliches Ereignis, das bisher übliche Pazifiktemperaturen "mit unfassbarem Abstand" übertreffen könne", sagt Klimaforscher Zeke Hausfather
Julia Sica
Am Wochenende stehen hierzulande Höchstwerte bis 32 Grad an, die nächste Hitzewelle bahnt sich an. Wie anstrengend anhaltende Hitze sein kann, hat jüngst die ungewöhnlich frühe Hitze im Juni bewiesen; zusätzlich verschärft sie die Dürre, die in ganz Europa für massive Probleme sorgt – von der Landwirtschaft bis zur Produktion von Energie aus Wasser- und Atomkraft.
Im kommenden Jahr könnte die Lage weltweit noch intensiver ausfallen. Fachleute befürchten, dass die globale Erhitzung in Kombination mit dem Klimaphänomen El Niño 2027 zum heißesten Jahr in der Geschichte der Wetteraufzeichnungen macht. Langzeitdaten aus Eisbohrkernen und anderen Quellen legen sogar nahe, dass das bisherige Extremjahr 2024 der wärmste globale Jahresdurchschnitt seit rund 125.000 Jahren war. Die Prognosen haben zwei Gründe: Erstens sind die Emissionen seit Jahrzehnten so hoch, dass kein Rückgang der Erhitzung zu erwarten ist. Zweitens braut sich der vielleicht stärkste El Niño seit 150 Jahren zusammen.
Diese Einschätzung teilten Forschende kürzlich während einer Pressekonferenz, wie die Nachrichtenseite des Fachjournals Nature berichtet. Die Prognosen von 14 Klimamodellen deuten auf einen so intensiven El Niño hin, dass sein Höhepunkt den bisherigen Rekordhalter "mit einem wirklich unfassbaren Abstand" übertreffen werde – so formulierte es der Klimawissenschafter Zeke Hausfather bei der Konferenz. Er wirkt an den Weltklimaberichten des IPCC mit und arbeitet unter anderem an der Non-Profit-Forschungsorganisation Berkeley Earth.
3,6 Grad zu warm
Das natürliche Klimaphänomen des El Niño und der Southern Oscillation – kurz ENSO – tritt alle zwei bis sieben Jahre auf, zuletzt 2023/2024. Der Höhepunkt fällt für unsere Breiten in die Herbst- und Wintermonate. Das Wasser des Pazifiks erwärmt sich und beeinflusst auch in Regionen um den Indischen und den Atlantischen Ozean Luftströme, Niederschläge und Temperaturen. Während an den amerikanischen Westküsten meist ein feuchteres Klima zu den Folgen gehört, wird es in Südostasien und Australien tendenziell trockener.
Der stärkste beobachtete El Niño spielte sich vor rund zehn Jahren ab. 2015 und 2016 wurden im tropischen Pazifik an der Meeresoberfläche Temperaturen gemessen, die um 2,75 Grad Celsius über dem üblichen Schnitt lagen. Der aktuelle El Niño, der im Juni begann, würde den Modellen zufolge allerdings um 0,8 Grad wärmer als dieser bisherige Höhepunkt ausfallen: Er läge dann um 3,6 Grad über den mittleren Wassertemperaturen, wie Hausfather in einer Grafik auf Bluesky und in einem Blogbeitrag auf The Climate Brink veranschaulicht.
Vor einem überdurchschnittlich starken El Niño warnen Fachleute bereits seit mehreren Wochen angesichts der bereits hohen Wassertemperaturen. Laut Hausfather ist es "nicht ausgeschlossen", dass das Ereignis in Verbindung mit dem Klimawandel dazu führen könnte, dass die globalen Durchschnittstemperaturen 2027 um bis zu 1,7 Grad über den vorindustriellen Standard steigen. Damit wird es immer wahrscheinlicher, dass Fachleute in einigen Jahren rückblickend für diese Jahre das dauerhafte Überschreiten der 1,5-Grad-Schwelle feststellen. Dieser Wert markiert die Grenze der Erhitzung, die laut dem Pariser Klimaabkommen nicht überschritten werden sollte.
Unter diesen Voraussetzungen ist es plausibel, dass 2027 als nächster Hitzehöhepunkt droht. Damit würden auch extreme Wetterereignisse in vielen Regionen der Welt einhergehen, von Hitzewellen und Dürren bis hin zu Überschwemmungen. Solche Katastrophen kosten Geld und Menschenleben. Im "Rekordjahr" 2024 bezifferte man die zehn teuersten Klimakatastrophen – darunter das Hochwasser in Zentraleuropa im September – auf Schäden von mehr als 220 Milliarden US-Dollar und mindestens 2000 Todesfälle.
Verstärkt Klimawandel El Niño?
Angesichts des absehbaren neuen Extrems rückt die Frage in den Mittelpunkt, ob nicht nur El Niño durch höhere Temperaturen die Klimakrise verschärft, sondern auch, ob andersherum die Klimakrise den Zyklus des Klimaphänomens beeinflusst. Diese Frage kann noch nicht sicher beantwortet werden. Allerdings zeigte eine Studie im Vorjahr hinsichtlich der ENSO-Trends, dass El Niño in den kommenden Jahrzehnten zunehmend extremer ausfallen könnte, wenngleich der Rhythmus regelmäßiger werden dürfte. Der tendenziell kühlende Effekt der Gegenspielerin La Niña kann im Übrigen die Erwärmung infolge der Industrialisierung und der hohen Emissionen kaum kompensieren.
Wie sich die Situation entwickeln wird, lässt sich noch nicht mit Sicherheit sagen, unterstreicht Paläoklimatologe Kaustubh Thirumalai von der University of Arizona in Tucson. Vor 20.000 Jahren habe es ebenfalls eine Übergangsphase gegeben, die zu einem tiefgreifenden Wandel führte, von einer eisigen Periode hin zu einer wärmeren Welt. "Das Klimasystem hat noch kein Gleichgewicht gefunden", sagt Thirumalai, "und es wird erst dann ein Gleichgewicht erreichen, wenn wir aufhören, CO₂ auszustoßen."
Es sind freilich nicht nur die Prognosen eines einzelnen Wissenschafters, die mit einem ausgeprägten Event in diesem und im kommenden Jahr rechnen. Die US-amerikanische Ozean- und Atmosphärenbehörde NOAA sieht ebenfalls hohe Chancen für ein "sehr starkes" Ereignis, das sich bis Ende des Jahres entwickeln und mit an Gewissheit grenzender Wahrscheinlichkeit mindestens bis April 2027 andauern wird.
Beschleunigte Entwicklung
Diese konservative Einschätzung kann jedoch in der Realität übertroffen werden, nachdem sich die Meerestemperaturen bereits in Richtung eines neuen Rekords bewegen. Laut Hausfather sei es außerdem möglich, dass auch 2026 durch den aufheizenden Effekt des Klimaphänomens das bislang heißeste Jahr ablösen könne. Generell hat sich die Erderhitzung seit 2015 beschleunigt, wie Analysen der Universität Graz zeigen. Dem US-amerikanischen Klimaforscher zufolge könne man im Vergleich zum Beginn der Industrialisierung 1900 bis 1945 eine doppelt so schnelle Erwärmung seit den 1970er-Jahren beobachten.
Die Hitze belastet Korallenriffe wie am Great Barrier Reef massiv und dürfte sie teils zum Absterben bringen, auch andere Ökosysteme der Ozeane leiden unter den hohen Temperaturen. Für die Wirtschaft vermutet der Klimaforscher Justin Mankin vom Dartmouth College in New Hampshire (USA), dass der aktuelle El Niño "bis 2032 ökonomische Verluste von zehn Billionen US-Dollar" zur Folge hat. (Julia Sica, 25.7.2026)
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