Stephen King „Andere als diese Welten“: Ambitioniert, aber nervend


Stephen King – Das Ranking

Stephen King würde niemals aus den USA auswandern, aber ihn treibt die Sehnsucht nach einer „anderen Welt“ an, sofern sie denn besser ist. Sein Held Jack Sawyer „flippt“ zwischen den Welten und bringt in den „Territorien“, die er mittlerweile als „Mittwelt“ akzeptiert, allerhand amerikanisches Kulturgut mit, auch weil es in Mittwelt kein Amazon gibt. Die Menschen dort lieben Coca-Cola, das amerikanischste aller Kulturgüter. Auch Jack ist ab und zu noch gern in den USA, dem Land, das immer dümmer wird, aber immer noch Eiscreme, T-Bone-Steaks und Rockabilly hat. Sobald er „flippt“, ist er dort ohne Adresse, ohne Telefonnummer und Kreditkarte unterwegs, wie die literarische Figur des Jack Reacher, die er verehrt, nur landet er manchmal, wenn er Pech hat, beim Übergang in die Konsumtempelhölle des Walmart.

Wir dürfen froh sein, dass sich Stephen King in „Andere Welten“, das er selbst schick „T3“ alias „Talisman 3“ betitelt, nicht zu sehr, wie es bei ihm zur Gewohnheit geworden ist, über den orangenhäutigen US-Präsidenten auslässt, aber auch der negative Einfluss Amerikas findet in dieser Erzählung, die auch auf Fundamenten des 2021 verstorbenen Co-Autors Peter Straub beruht, ihren Raum.

Vielleicht hat King auch das Springsteen-Biopic „Deliver Me From Nowhere“ gesehen, sich an Terence Malick und „Badlands“ und Springsteens „Nebraska“-Album erinnert – und erzählt deshalb die Geschichte von zwei Wiedergängern Charles Starkweathers und Caril Ann Fugates, die in Mittwelt ihr mörderisches Unwesen treiben, andere Jugendliche „infizieren“ und das üble Amerika in die Neue Welt tragen (streng genommen sind beide, in diesem ersten Roman Kings, der keinen Antagonisten kennt, nicht mehr als menschliche McGuffins). Jack denkt an Amokläufe an Schulen, die es heute immer häufiger gibt, erkennt aber schnell, dass etwas von den tödlichen Kids Besitz ergriffen hat, was er noch verstehen muss. In unserer Welt ist ein Arzt im Regenbogen-Shirt auch Kings Held, ein Arzt, der in der nicht immer geglückten Übersetzung von einem Polizisten etwas zu on-the-nose-artig „linksversiffter Gutmensch“ geschimpft wird.

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Künstliche Intelligenz erobert Mittwelt

Auf seinen Reisen durch Mittwelt denkt Jack an „Racing in the Street“, sein Gefährt ist ein selbstfahrendes Automobil dieser alten, technologisch überlegenen Zivilisation der Northern-Positronics-Welt, in der dennoch Magie vorkommt, und ist möglicherweise inspiriert von Tesla. Tatsächlich beherrscht eine KI nun Mittwelt, und sie beschließt, nicht nur diese Welt, sondern alle Welten („Der Talisman“ spielt, wie die „Der dunkle Turm“-Romane, mit der Existenz von Multiversen).

Anleihen bei Tolkien und dem Dunklen Turm

Kings Anleihen bei Campbells Heldenreise fanden ihren Niederschlag zuvor natürlich schon in Tolkiens „Herr der Ringe“, den er sowohl in Zitaten („von unserer Reise wird keiner lebend zurückkommen. Ich glaub, das weißt du auch“) als auch in der allgemeinen Laissez-Faire-Haltung der Bewohner der Mittwelt-Stadt Dezis zum Ausdruck bringt, die dem Auenland ähnelt – man verschließt die Augen vor der Gefahr, wenn die Reaktion auf ein Unglück davon abhängt, wie weit man davon entfernt ist.

Das selbstreferenzielle Werk kommt natürlich nicht nur in Begriffen wie „Outsider“ zum Ausdruck, sondern auch in der Neuerfindung Jack Sawyers als Revolvermann Roland Deschain aus dem „Schwarzen Turm“. Der einstige Cop ist mit dem Schießeisen so treffsicher geworden wie die Mittwelt-Legende. Erfrischend auch dessen Plan, sämtliche Teenager nicht heilen zu wollen, sondern zur Strecke zu bringen – das Gesetz der Waffe in diesem Wilden Westen.

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Auch ein neues Ka-Tet formt sich, mit Rollen, die halbwegs analog zu Eddie Dean, Detta, Jake und Oy sind, wobei bei aller Feierlichkeit vergessen wird, wer nun eigentlich die Rolle des Jungen übernimmt, dessen – erster – Tod im „Gunslinger“ noch ein Schock gewesen ist; auch wenn er in seinem Fallen die „anderen Welten“ erstmals ankündigte. Dafür – Spoiler! – lässt Stephen King den Bumbler Richard überleben, eine schöne Geste der Einsicht, nach dem entsetzlichen Tod des Tieres in der „Dunklen Turm“-Saga, einige seiner Lieblinge auch mal überleben zu lassen. Dafür liegt „Black House“ schon so lange zurück – 25 Jahre – dass man sich gar nicht mehr an Dale Gilbertson erinnern kann, um den Jack hier schon nach kurzer Zeit trauern muss – sein Tod kann nicht wirklich gewürdigt werden, wir können seine Figur nicht wertschätzen.

Ein nachgeschobenes Ende

Auch mit 79 ist Stephen King noch ein sehr schneller Schreiber (mindestens ein Buch pro Jahr), den Anspruch, perfekte Erzählungen abzuliefern, hat er nie erhoben. Vielleicht ergibt sich so der „Deus Ex Machina“-artige Schluss mit der Erklärung des Bösen, leider nicht aus der Handlung selbst (gutes Zeichen), sondern als nachgeschobene, nicht aus der Story herzuleitende Entwicklung – eine Künstliche Intelligenz, die keine moralischen Kategorien kennt. Diese Passage ist zu lustig, um sie nicht komplett zu zitieren: „Die bösartige Kraft aber, die darin wohnte, wurde von dem Generative AI Node, kurz GAIN, verschlungen, den Jack Sawyer und Mary Klee geliefert haben. Diese sich selbst erschaffende KI wurde von ihren Erzeugern in zwei Teile geteilt, als diese erkannten, dass sie zu einem Gott heranwuchs. Das Ding, das der GAIN herbeirief, der Talisman, war jedoch etwas, was selbst über die Technologie des Alten Volkes weit hinausging. Dass die im Schlund wohnende Kraft – möglicherweise, aber nicht unbedingt die Essenz des Scharlachroten Königs, der Discordia herbeiführen wollte – auch den GAIN zerstört hat.“ Streng genommen vereinfacht King seine Erzählung schlicht dadurch, dass die Guten die Bösen mit einer riesigen Explosion aus ihrer Welt vertreiben wollen – kann man machen, ist aber nicht unbedingt die subtilste Art, eine Story aufzulösen.

Mahlzeiten und schlechter Humor

Klingt auch zumindest spannend, würde King nicht – aber so ist er nicht nur hier, so war er immer schon – besonders spannende Momente durch zwei konstitutive, in allen Romanen immer wiederkehrende Elemente stören: ausgiebige Mahlzeiten und schlechter Humor.

So nah die „Sorcerer“-Trucks mit ihrem „Dynamit“ dem alles verzehrenden Schlund auch kommen, es bleibt immer Zeit für eine ausgiebig erzählte Vesper mitsamt Liste aller Nahrungsmittel, Kekse, Corned Beef, Sandwiches und Schokokuchen – freudestrahlende Gesichter im Angesicht der nahenden Apokalypse. King nimmt das Tempo raus; diese Passagen lesen sich wie die nostalgischen Erinnerungen eines Mannes, der sein Alter spürt.

Ohne es zu ahnen, macht King den tollpatschigen, bemüht lustigen Pay zu seinem Alter Ego, der frei nach Kings eigener Maxime verfährt, wie man es sonst nur von kleinen Kindern kennt: Jeder Gedanke, der ihm in den Kopf kommt, fliegt ohne jede Pause zum Nachdenken aus dem Mund: „Ich bin eben ein Vertreter des Bewusstseinsstroms.“