Nach Mercedes nun Stihl: Nächster Top-Manager fordert längere Arbeitszeit ohne Lohnausgleich


Stihl-Erbe nennt 35-Stunden-Woche nicht mehr tragbar – und fordert radikalen Kurswechsel

Stand: 10.08.2026, 18:04 Uhr

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Stihl-Chef Nikolas Stihl will die 35-Stunden-Woche kippen, ohne Lohnausgleich. Sein Argument: Sonst bluten weitere Hunderttausend Industriejobs aus.

München – Sechseinhalb Millionen Industriebeschäftigte, ein Zehnjahrestief: Das ist die nüchterne Zahl, mit der Nikolas Stihl seine Forderung untermauert. Der Aufsichtsratschef des Kettensägen-Herstellers Stihl verlangt von den Gewerkschaften ein Zugeständnis, das viele Beschäftigte als Zumutung empfinden dürften: länger arbeiten, ohne mehr Geld zu sehen.

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Die Botschaft kommt mitten in eine ohnehin angespannte Debatte um den Industriestandort Deutschland. „In den guten Zeiten konnte sich Deutschland die 35-Stunden-Woche leisten. Aktuell können wir das nicht mehr“, sagte Stihl der „Deutschen Presse-Agentur“ laut BILD.

Stihl-Chef Nikolas Stihl

Stihl-Chef Nikolas Stihl will die 35-Stunden-Woche kippen, ohne Lohnausgleich. © IMAGO/Uwe Koch

Die 35-Stunden-Woche sei einst mit heftigen Geburtsschmerzen erkämpft worden, ihre Rückabwicklung werde entsprechend schmerzhaft.

Die IG Metall soll liefern, nicht verhandeln

Stihl richtet seine Forderung gezielt an die IG Metall, weil sie aus seiner Sicht die Zugeständnisse machen müsse. Angesichts von fast 200.000 verlorenen Arbeitsplätzen in der Branche im vergangenen Jahr brauche es nach seiner Einschätzung keine klassische Tarifrunde, sondern schnelles Handeln.

Eine Verlängerung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich würde die Arbeitskosten relativ schnell senken, so sein Kalkül. Besonders scharf geht er dabei mit der Gewerkschaftszentrale in Frankfurt ins Gericht.

Dort seien die Positionen sehr eingefahren und stark von ideologischen Überzeugungen geprägt, kritisierte Stihl laut BILD. Basisnähere Vertreter der IG Metall würden die Lage der arbeitenden Bevölkerung besser verstehen als die Zentrale.

Mercedes als Vorbild, mit Protesten als Antwort

Stihl steht mit seiner Position nicht allein da. Mercedes-Aufsichtsratschef Martin Brudermüller hatte bereits im Handelsblatt die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche bei gleichem Gehalt gefordert. Die IG Metall reagierte mit bundesweiten Protesten im Autobauer, die zeitlich mit der Forderung zusammenfielen.

Aktuell gilt die 35-Stunden-Woche bei tarifgebundenen Unternehmen der Autoindustrie als Standard, gesetzlich vorgeschrieben ist sie allerdings nicht.

Der Zeitpunkt beider Vorstöße fällt in eine Phase verschärften Drucks auf die Industrie. Verschärfte Konkurrenz aus China und US-Zölle setzen die deutsche Industrie unter Druck.

Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft ist die Beschäftigtenzahl in der Industrie 2025 auf ein Zehnjahrestief gefallen, wie Spiegel berichtet. Die Tarifgespräche in der Metall- und Elektroindustrie starten im Herbst, Stihl erwartet keine einfache Runde.

Business Punk Check

Wer die Arbeitszeitdebatte als reine Effizienzfrage verkauft, blendet die Machtfrage aus. Arbeitskosten senken ohne Lohnausgleich ist kein Sparmodell, sondern eine Umverteilung von Belastung nach unten. Das mag Bilanzen kurzfristig entlasten, löst aber kein einziges strukturelles Problem: nicht die Zölle, nicht die chinesische Konkurrenz, nicht veraltete Geschäftsmodelle.

Für Entscheider in mittelständischen Industriebetrieben lohnt sich trotzdem ein nüchterner Blick auf die eigene Kostenstruktur, unabhängig vom Ausgang der Tarifrunde. Wer jetzt auf Symbolpolitik statt Produktivitätssteigerung setzt, verschiebt das Problem nur in den nächsten Konjunkturzyklus. Die eigentliche Frage lautet nicht, wie viele Stunden gearbeitet wird, sondern wofür.