Der Kieler "Tatort: Unter Freunden" mit neuem Ermittlerinnenduo


Sie haben sich wieder: die Freundinnen Mila und Anna, einst unzertrennlich in Berlin, bevor Mila nach Kiel zog und dort an der Seite des legendären Kommissars Klaus Borowski ermittelte, während Anna in der Hauptstadt blieb, toxische Beziehungen führte und offensichtlich ein Suchtproblem entwickelte. Nun ist sie ebenfalls nach Kiel gezogen, zur ungeheuren Freude Mila Şahins (Almila Bagriacik). Anna Novak (Lilith Stangenberg) glaubt, dass sie die Versetzung Mila zu verdanken hat, und zwischen zwei Einsätzen kommt plötzlich ein Lied aus ihrer gemeinsamen Jugend im Radio, das sie lauthals mitsingen. Anna klebt dazu noch ein Foto von früher, das sie beide zeigt, an die Konsole in Milas Auto. So nah wie in diesem Moment werden sie sich später nicht mehr kommen.

„Unter Freunden“, der erste Kieler „Tatort“ nach dem Ausscheiden der langjährigen Zentralfigur Klaus Borowski, erzählt das, was der Titel verspricht, aber er problematisiert es auch und bricht zudem mit einem Trugschluss. Eine Woche später wird der zweite Teil gesendet, er trägt den Titel „Unter Feinden“. Eine Freundschaft wie die von Anna und Mila ist jedenfalls gleich mehreren Belastungen ausgesetzt. Dabei stehen die Ermittlungen noch nicht einmal an erster Stelle, auch wenn Annas unkonventionelle Art, einem verdächtigen Kollegen bis in sein Bett nachzustellen und mit ihm ausgiebig Drogen zu konsumieren, auf Milas Widerstand stößt.

Freundschaft oder Karriere?

Dass ausgerechnet jener allzu glatte Jan Kuper (Sven Schelker) ins Visier der beiden Ermittlerinnen gerät, hängt mit dem Tod einer jungen Frau zusammen, die zuvor dabei gezeigt wurde, wie sie nachts in ihrem Büro Beweise gegen ihren Arbeitgeber sicherte, eine Firma namens „Prometheus“, die Objektive für die Himmelsbeobachtung herstellt. Şahin und Novak stellen im seltsam leergefegten Bürogebäude kistenweise Akten sicher und bitten den Kollegen Kuper aus der Abteilung für Wirtschaftskriminalität um Hilfe. Kaum sind sie wieder weg, trifft sich Kuper heimlich mit dem Sicherheitschef von Prometheus, der ihm Geld zustecken will. Und das ist erst der Anfang.

Der zweite Handlungsstrang ist der Nachfolge des Kriminalrats Schladitz gewidmet. Mila Şahin bewirbt sich auf diese Stelle und hört von dem scheidenden Kollegen, dass der Eindruck, den die neue Polizeipsychologin Elli Krieger von ihr gewinnt, entscheidend sein kann. Im Gespräch der beiden Frauen geht es dann auch ums Eingemachte: Vertrauen, Diskriminierung, Korruption und Korpsgeist. Am Ende verlässt Şahin grußlos den Raum. Und muss sich wegen ihrer Bewerbung vor Anna rechtfertigen, weil sie angeblich um der Karriere willen den vermeintlich korrupten Kollegen nicht anzeigen will.

Wenn Zuschauer mehr über die Urheber eines Verbrechens wissen als die Ermittler, tut das der Spannung nicht immer gut. Aus der Frage, wer die Tat verübte und warum, wird die nach dem Moment, wann die Kommissare auf den Kenntnisstand des Publikums gebracht werden. Und während man in den früheren Kieler „Tatort“-Folgen mit Klaus Borowski dem Kommissar beim Denken zusehen konnte, ohne genau zu wissen, was ihn denn nun genau beschäftigte und aus welchem Detail er seine Ermittlungsarbeit entwickelte, das uns zunächst verborgen geblieben war, ist hier schon früh sehr viel offensichtlich.

Zugleich sieht man derart vorzüglichen Schauspielerinnen zu, dass man seinen Frieden mit einem Drehbuch machen kann, das manches zu deutlich markiert. Denn die Szenen zwischen Mila und Anna, der Lilith Stangenberg eine furios wütende Verletzlichkeit verleiht, sind struppig und zärtlich, manchmal beides zugleich. Sie zeigen zwei Freundinnen, die einander kennen und um die Abgründe der anderen lieber einen Bogen machen; die feiern, was einmal war, und doch wissen, dass jede inzwischen einen eigenen Weg gegangen ist. Dass auch Karoline Schuch als Elli Krieger ein großer Gewinn für das Kieler Team ist, zeigen Szenen wie jene mit einem bis zum Chargenhaften, unangenehmen älteren Kollegen, dessen selbstverliebtes Mansplaining in Kriegers Gesicht Mitleid und Genervtheit miteinander streiten lässt, dazu ihre ungläubig aufgerissenen Augen, die die Kamera genüsslich einfängt: ernsthaft, dieses Gehabe, im 21. Jahrhundert?

Mit Elli Krieger schließt sich der Kreis: In den frühen Borowski-Folgen spielte die damalige Polizeipsychologin Frieda Jung die zweite Hauptrolle, jetzt ist sie offenbar ihrer Nachfolgerin zugedacht. Nun heißt’s abwarten, was sie daraus macht.

Der Tatort: Unter Freunden läuft in der ARD-Mediathek und am Sonntag, 11. Oktober, um 20.15 Uhr im Ersten. Die Fortsetzung Tatort: Unter Feinden folgt am 18. Oktober.