Teilchenphysik: Forscher weisen reines Glueball-Teilchen nach
Materie besteht aus Quarks. Die Bausteine von Atomkernen, Protonen und Neutronen, sind aus diesen fundamentalen Teilchen zusammengesetzt – zusammengehalten durch Gluonen. Diese wirken als Klebstoff (englisch glue = Klebstoff) und halten die Quarks zusammen. Doch die Theorie der starken Kernkraft sagt noch etwas anderes voraus: Gluonen sollten sich auch untereinander binden können – zu sogenannten „Gluonenbällen“, Teilchen ohne jeden Quark-Inhalt, quasi Materie aus reinem Zusammenhalt.
Diesen Zustand haben Physikerinnen und Physiker seit Jahrzehnten gesucht. Nun meldet die Beijing Spectrometer(BESIII)-Kollaboration in einem Preprint auf arXiv und einer Präsentation auf der International Conference on High Energy Physics. Das Teilchen X(2370) ist aller Wahrscheinlichkeit nach dominant aus einem Gluonenball zusammengesetzt.
Warum Gluonen sich binden können – und Photonen nicht
Wer Glueballs verstehen will, muss einen Unterschied begreifen. Die Physik kennt verschiedene Kräfte, und jede hat ihre eigenen Botenteilchen. Photonen vermitteln den Elektromagnetismus. Sie ignorieren sich gegenseitig, weil sie selbst keine elektrische Ladung tragen. Gluonen sind die Botenteilchen der starken Wechselwirkung und funktionieren anders: Sie tragen selbst die sogenannte Farbladung der starken Kraft und ziehen sich deshalb gegenseitig an. Gebundene Zustände aus Gluonen allein sind daher prinzipiell möglich.
Allerdings können sich Glueballs theoretisch mit gewöhnlichen Quarks und Antiquarks mischen, also den Grundbausteinen von Materie. Statt als eigenständige neue Teilchen aufzutreten, erscheinen sie möglicherweise als Hybride. Genau das erschwert ihre eindeutige Identifikation und erklärt, warum die Suche mehr als ein halbes Jahrhundert gedauert hat.
Computersimulationen der starken Kraft sagen für den leichtesten Glueball eine Masse zwischen 2,3 und 3,0 GeV/c² vorher – damit drücken Hochenergiephysiker die Masse von Teilchen aus. Das Teilchen X(2370) liegt mit gemessenen 2,359 GeV/c² genau in diesem Bereich.
Der Teilchendetektor Beijing Spectrometer III (BESIII) wurde eigens für die Suche nach solchen exotischen Zuständen konzipiert. Er registriert Kollisionen zwischen Elektronen und ihren Antiteilchen, den Positronen, und produziert dabei in großer Zahl das J/ψ-Meson – ein Teilchen, dessen Zerfallsprodukte als besonders geeignet für die „Glueball“-Suche gelten, weil sie außerordentlich gluonenreich sind. Mesonen bestehen generell aus verschiedenen Quark-Antiquark-Kombinationen.
Für die aktuelle Analyse standen der Kollaboration 10 Milliarden J/ψ-Ereignisse zur Verfügung. Das X(2370) selbst wurde von BESIII bereits 2011 erstmals entdeckt und seitdem in zahlreichen weiteren Zerfallskanälen bestätigt. 2024 wurden seine Quantenzahlen – die teilchenphysikalischen Fingerabdrücke, die einen Zustand eindeutig charakterisieren – erstmals bestimmt. Das X(2370)-Signal erreichte dabei eine Signifikanz von mehr als 11,7 Sigma. In der Teilchenphysik gilt eine Entdeckung erst ab 5 Sigma als gesichert, was einer Wahrscheinlichkeit von weniger als eins zu dreieinhalb Millionen entspricht, dass das Ergebnis ein statistischer Zufall ist. Die gemessenen Eigenschaften passen laut den Forschenden exakt zur Glueball-Vorhersage.
Der entscheidende Test: Was das Teilchen nicht tut
Der zentrale neue Befund betrifft eine fundamentale Eigenschaft von Glueballs, genauer ihre „Gleichgültigkeit gegenüber Quarksorten“. Da Gluonen gleich stark an alle Quarksorten koppeln (die sogenannten „Flavors“), sollten Glueballs keine Vorliebe für bestimmte Quarksorten entwickeln.
Diese Eigenschaft lässt sich mit einer eleganten Methode testen. Die Theorie sagt vorher, dass ein Glueball in einen bestimmten Zerfallskanal schlicht nicht zerfallen darf. Genau das wurde in diesem Experiment beobachtet, denn die statistische Signifikanz für diesen Zerfall beträgt nur 0,1 Sigma.
Warum diese Zerfälle überhaupt vorkommen können, erklärte William Detmold vom Massachusetts Institute of Technology gegenüber dem Fachmagazin „Science“. Ein vollständig quarkfreies Teilchen sei quantenmechanisch nicht möglich, so Detmold. Daher sei immer ein kleiner Quarkanteil durch Mischung vorhanden. Die Kollaboration aber geht davon aus, dass X(2370) zu 90 Prozent aus Gluonen bestehe.
Damit ist X(2370) nach Angaben der Autoren das erste Teilchen dieser Art, das oberhalb einer bestimmten Energieschwelle beobachtet wurde und keine Quark-Vorliebe zeigt. Computersimulationen der starken Kraft sagen vorher, dass kein gewöhnlicher Quark-Antiquark-Zustand in diesem Massenbereich diese Eigenschaft haben sollte.
Sieben passende Eigenschaften
Was das Ergebnis besonders überzeugend macht, ist nicht ein einzelner Befund, sondern das Zusammenspiel aller gemessenen Eigenschaften. Die BESIII-Kollaboration hat über Jahre ein vollständiges Bild zusammengesetzt.
Demnach liegt die Masse im vorhergesagten Bereich und auch die Quantenzahlen passen zur Vorhersage. Die Produktionsrate in J/ψ-Zerfällen sei hoch. Dies sei konsistent mit dem theoretisch erwarteten Mechanismus, bei dem sich ein Glueball und ein verwandter Quark-Zustand leicht mischen. Ferner ähnelt das Zerfallsmuster stark dem des ηc-Mesons, das ebenfalls überwiegend über Gluonen zerfällt. Jeder einzelne Zerfallskanal habe eine verschwindend geringe Breite – weit unter dem, was für gewöhnliche Mesonen typisch sei, so die Forscher. Dies entspricht ebenfalls den Erwartungen, welche die Theorie für Glueballs vorhersagt, weil deren Zerfälle stark. Zerfälle in bestimmte Photon-Meson-Kombinationen, die auf Quark-Inhalt hinweisen würden, sind ebenfalls stark unterdrückt. Als siebten Befund nennt das Konsortium die „Quark-Gleichgültigkeit“. Alle anderen Erklärungen – gewöhnliche Quark-Antiquark-Zustände, Vierteilchenzustände, Hybride, Baryonium – scheitern daran, alle sieben Eigenschaften gleichzeitig zu erklären.
Dass es sich um ein besonderes Ergebnis handelt, zeigten die Reaktionen nach dem Konferenzvortrag: Kolleginnen und Kollegen hätten den Sprecher Shan Jin um ein Autogramm gebeten, heißt es im Fachmagazin „Science“. „Das passiert Filmstars, Physikern passiert das nie“, sagte Jin.
Colin Morningstar ist Teilchenphysiker an der Carnegie Mellon University und war nicht an der Studie beteiligt. Er nennt es gegenüber „Science“ „den bislang stärkste Beleg dafür, dass Teilchen, die von einer Glueball-Komponente dominiert werden, in der Natur existieren können“.
Vorerst nicht unabhängig prüfbar
Bis es eine Bestätigung durch unabhängige Experimente gibt, wird es allerdings noch lange dauern. Der Beijing Electron Positron Collider mit dem BESIII-Detektor ist nach Angaben von Shan Jin von der BESIII-Kollaboration derzeit das weltweit einzige Gerät, das speziell für diese Art von Suche ausgelegt ist. Das bedeutet: Die Ergebnisse lassen sich auf absehbare Zeit durch kein unabhängiges Experiment überprüfen. In der Wissenschaft ist das ein ernst zu nehmender Vorbehalt. Hinzu kommt, dass die Analyse bislang nur als Preprint und Konferenzbeitrag vorliegt – die Begutachtung durch unabhängige Experten für die Publikation in einem Fachjournal steht noch aus.
Weitere Messungen anderer Zerfallskanäle am selben Gerät sollen das Bild in der Zwischenzeit schärfen. Das behebt das grundlegende Problem fehlender Unabhängigkeit jedoch nicht.
Sollte sich der Befund tatsächlich bestätigen, wäre es ein direkter experimenteller Beweis dafür, dass Gluonen sich gegenseitig anziehen und binden – jene Eigenschaft der starken Kraft, die Glueballs überhaupt erst möglich macht und die bislang nur indirekt bestätigt war. Und es wäre ein Beleg dafür, dass Masse nicht nur aus Quarks entstehen kann, sondern auch aus reinen Gluonen.
(vza)