Was sagt der Kapitalmarkt zu Trumps 100.000-Dollar-Abo "Truth API"?


Zeit ist Geld – vor allem an der Börse. Daraus will Donald Trump, der seine Präsidentschaft auf mannigfaltige Weise versilbert, Kapital schlagen. Seine Nachrichten auf Social Media bewegen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Die Finanzmärkte halten sie ununterbrochen auf Trab. Wer gewinnt und wer verliert, entscheidet sich unter Umständen im Bruchteil von Sekunden. Und genau darauf zielt das neue Angebot von Donald Trumps Netzwerk Truth Social ab.

Die Trump Media & Technology Group bietet unter dem Titel „Truth API“ für 100.000 Dollar im Monat ein Abonnement an, das es Kunden per Hochgeschwindigkeitsdatenfeed ermöglichen soll, quasi in Echtzeit auf Trumps Posts und auf die anderer in seinem Netzwerk zuzugreifen. Wer einen Dreijahresvertrag unterschreibt, bekommt den Schnellzugang für 60.000 Dollar im Monat. Die Akteure in der Finanzwelt stehen nun vor der Frage, ob sie das heftig umstrittene, unmoralische Angebot annehmen sollen.

„Wer langfristig investiert, braucht diesen Dienst kaum“

„Trumps Äußerungen sind seit geraumer Zeit einer der wichtigsten Faktoren für die Kapitalmarktrichtung“, sagt Ulrich Kaffarnik, Chefkapitalmarktstratege der Fondsgesellschaft DJE Kapital und Mitglied der erweiterten Geschäftsleitung. Deshalb sei es „zentral, dass Verlautbarungen des US-Präsidenten gleichzeitig zur Verfügung gestellt werden und niemand bevorzugt wird“.

Wie hoch der Wettbewerbsvorteil tatsächlich sei, bleibe aber abzuwarten, sagt Johannes Mayr, Chefvolkswirt des Vermögensverwalters Eyb & Wallwitz: „Für den Großteil der Finanzindustrie ist noch offen, wie groß der tatsächliche Nutzen der API überhaupt sein wird.“ Für Hendrik Leber, Gründer und geschäftsführender Gesellschafter der Kapitalverwaltungsgesellschaft Acatis Investment, ist die Sache klar: „Wir können mit dem Blätterrauschen von Trump bei Langfristanlagen nichts anfangen. Es ist nur ein Strom von volatilitätstreibenden Unruhefaktoren, die fundamental keine Bedeutung haben. Darum interessiert uns diese API auch kein bisschen.“

Den privilegierten Zugang zu nutzen, sei grundsätzlich legal, sagt Andreas Hackethal, Professor für Finanzen am House of Finance der Goethe-Universität Frankfurt: „Es muss aber zweifelsfrei nachgewiesen werden, dass hier Geschwindigkeit gekauft wird und nicht Vorabnutzung von Informationen.“ Durch „Truth API“ werden Informationen nicht früher veröffentlicht.

Die Posts landen nur bei den Abonnenten, bevor die Bildschirme der anderen Marktteilnehmer aktualisieren und Pushnachrichten einfliegen. „Wer langfristig investiert, braucht diesen Dienst kaum“, sagt Hackethal. Anders sei es bei Hochfrequenzhändlern, die in Sekundenbruchteilen Wertpapiere kaufen und verkaufen. Sie seien abhängig von Trumps unvorhersehbaren Reaktionen: „Sobald ein Konkurrent den Zeitvorsprung kauft, wächst der Druck, ebenfalls zu zahlen.“

„Wenn der Präsident das macht, ist das illegal“

Für Ulrich Kaffarnik liegt das eigentliche Problem im Interessenkonflikt: „Trump handelt ja nicht als Privatperson, sondern als Teil der US-Exekutive.“ Deshalb lehnt Kaffarnik das Geschäftsmodell ab. „Bereits der Anschein, dass politische Kommunikation wirtschaftlich monetarisiert wird, kann das Vertrauen in die Integrität der Märkte belasten“, sagt auch Johannes Mayr. Hendrik Leber sieht in „Truth API“ einen Rechtsverstoß: „Es ist schon schlimm genug, wenn Senatoren und Kongressmitglieder – offensichtlich legal – mit dem Wissen um die politische Arbeit Insidertransaktionen durchführen dürfen. Wenn der Präsident das macht, ist das illegal.“

Das sei kein Fall für die Finanzbranche, sondern für die Rechtsprechung. Seine Einschätzung deckt sich mit den Warnungen demokratischer US-Politiker wie etwa des Senators Adam Schiff und des Fraktionsführers der Demokraten im Senat, Chuck Schumer.

Beim Deutschen Bankenverband und Großinvestoren wie Union Investment lautet die Antwort auf die Anfrage, was von „Truth API“ zu halten sei und ob man sich darauf einlassen solle, dazu könne man sich noch nicht äußern. Die Zurückhaltung erscheint verständlich, vorangehen müssen die Marktteilnehmer aus den USA. Der Einfluss von „Truth API“ steht und fällt mit der Reaktion der großen US-Finanzhäuser. „Es wäre wünschenswert, wenn sich ein Großteil der US-Kapitalmarktakteure gegen das Vorhaben ausspricht“, sagt Ulrich Kaffarnik.

Abwenden könne man es nur mit gerichtlicher Unterstützung. Dass Finanzhäuser sich kollektiv wehren, hält Johannes Mayr für unwahrscheinlich: „Sobald einzelne Marktteilnehmer einen Vorteil vermuten, entsteht für andere ein gewisser Nachahmungsdruck.“ Andreas Hackethal sieht die Marktteilnehmer nicht in der Pflicht: „Am saubersten wäre es, wenn Regierung und Behörden amtliche Informationen zeitgleich über einen öffentlichen Kanal bereitstellen.“ Saubere Lösungen zählen indes nicht zu den Stärken von Donald Trump.