"The Great Lock in": Warum sich die Gen Z jetzt vier Monate lang zurückzieht


Ziele erreichen

"The Great Lock in": Warum sich die Gen Z jetzt vier Monate lang zurückzieht

Fit werden und einen neuen Job finden? Ein Social-Media-Trend bewegt junge Menschen zur Selbstoptimierung von September bis Dezember. Wie sinnvoll das wirklich ist

Melanie Raidl

Junge Person lächelnd, geht durch eine Tür, hält einen Laptop und einen Kaffeebecher in den Händen. Im Hintergrund ein Sessel und eine grüne Kachelheizung.
Ein Social-Media-Trend unter jungen Menschen soll motivieren, sich von September bis Dezember zurückzuziehen und an seinen Zielen zu arbeiten.

Wenn der September kommt, ist es Zeit, auf Tauchstation zu gehen und sich einzusperren. Mit diesen Worten wendet sich Tiktokerin Lenalifts in einem neuen Video an ihre Followerinnen und Follower. Sie sitzt dabei in einem perfekt aufgeräumten Zimmer, hinter ihr der Schreibtisch, hinter den langen Fenstern sieht man eine Skyline. Eine Kulisse, die nach Großstadt und Karriere aussieht. Lena wirkt eben erfolgreich.

Was sie im Video vermittelt: Wer dieses Jahr noch etwas erreichen will, nutzt die letzten vier Monate aus. Nicht erst ab Jänner mit den Neujahrsvorsätzen, sondern ab September. Drei bis fünf Ziele solle man sich setzen und jeden Tag dokumentieren, wie es läuft.

Lena, die mehr als 400.000 Followerinnen und Follower zählt und meist über Selbstoptimierung spricht, präsentiert damit wenige Tage vor September ein Konzept, das seit dem Vorjahr vielfach in den sozialen Medien kursiert: "The Great Lock in". Das große Einsperren soll vor allem junge Menschen motivieren, sich zurückzuziehen und an den persönlichen Zielen zu arbeiten. "Wir nutzen die letzten vier Monate von 2026, um uns einen Vorsprung vor allen zu verschaffen, die mit ihren Zielen bis zum 1. Jänner warten", appelliert Lena. Man stelle sich die Version von sich selbst vor, die ihre Träume verfolgt: "Wer ist sie? Wie lebt sie? Was sind ihre täglichen Gewohnheiten? Werde so konkret, dass du bei jeder Entscheidung sofort weißt: Was würde sie tun?"

Mehr Fokus

Fokussiert wird also auf ein oder mehrere große Ziele, egal ob es um die Fitness geht, die eigenen Finanzen, einen Karrieresprung oder Gewohnheiten, die man sich aneignen oder loswerden möchte. Vom 1. September bis zum 31. Dezember soll die persönliche Weiterentwicklung Vorrang haben. Bereits letztes Jahr gingen dazu im August und September viele Videos viral.

"The Great Lock In" ist aber eher eine neue Vermarktung als eine neue Erfindung. Schon frühere Trends unter jungen Menschen dienten dem Erreichen von Zielen: Beim "Winter Arc" wird von Oktober bis Jänner an strammen Routinen gearbeitet, während es draußen dunkel ist. Meist geht es um Fitnessziele, frühes Aufstehen oder eine bessere Ernährung. Bei "75 Hard" wird 75 Tage lang ohne Unterbrechung ein Sportprogramm durchgezogen. Und den "No Scroll September" erklärt schon der Name: einen Monat lang versuchen, sich den Tiefen der sozialen Medien am Handy zu entziehen.

Die Trends reihen sich ein in eine Leistungsambition, die viele in der Gen Z teilen. In den sozialen Medien geht es ohnehin oft darum, sich selbst zu optimieren und alles perfekt zu machen. Die beste Version von sich selbst zu werden, dafür ist vor allem diese Generation empfänglich. Eine Meta-Analyse mit 41.000 Studierenden zeigt, dass Perfektionismus seit den Achtzigerjahren kontinuierlich zunimmt. Ambitionierte Menschen auf Tiktok und Co befeuern das noch: Belgische Forschende zeigten in einer Studie, wer dort täglich die "besten Versionen der anderen" sieht, glaubt erst: "Das schaffe ich auch." Hält man aber nicht mit, spürt man starken Druck.

Funktioniert es?

Besonders viele Menschen erreichte die Content-Creatorin Kadie Glenn, die in ihren Videos hauptsächlich über Wohlbefinden spricht. Ihr Video zum "locking in" wurde zehntausendfach geteilt. Sie empfiehlt darin, mit machbaren kleinen Schritten anzufangen: "Starte mit einfachen Aufgaben, an denen du leicht dranbleiben kannst." Wer etwa seit Jahren nicht im Fitnessstudio war, dem reiche das Ziel, erst mal ein- bis zweimal zu gehen, statt sich fünfmal vorzunehmen.

Außerdem solle man seine Fortschritte täglich sichtbar machen, egal ob über Post-its oder einen Habit-Tracker. "Mal einen Tag auslassen ist in Ordnung, aber nicht zwei", sagt sie noch. Und: Man solle sich eine Umgebung schaffen, in der man sich den Erfolg einfacher macht, etwa indem man am Vorabend herrichtet, was man am nächsten Tag braucht – und Stressfaktoren minimiert.

Warum aber der 1. September? Es geht darum, schon vor dem Neujahr Ziele erreicht zu haben, anderen voraus zu sein. Generell können abgesteckte Daten dabei hilfreich sein, egal ob 1. Jänner oder 1. September. Forschende der University of Pennsylvania haben schon 2014 den "Fresh Start Effect" beschrieben, also eine Phase erhöhter Motivation zu Beginn eines neuen Zeitabschnitts.

Das kann ein neues Jahr sein, ein Semester oder ein Geburtstag. Stichtage wie diese ziehen einen Trennstrich zum früheren "Ich", beschreibt es die Psychologin Katy Milkman, Mitautorin der damaligen Studie, die sieben Jahre später das Buch How to Change schrieb. Wer Fehler einer alten Version von sich selbst zuordnen könne, gewinne Distanz und könne sich leichter auf die Weiterentwicklung konzentrieren.

Bekommt ein Datum auch noch das richtige Framing, hilft das zusätzlich. Das untersuchte Milkman mit weiteren Forschenden: Sie schickten Studierenden am selben Tag eine E-Mail-Erinnerung an ihre persönlichen Ziele, nur die Beschreibung des Datums war unterschiedlich. Für die eine Gruppe war es "der dritte Donnerstag im März", also ein beliebiger Tag, für die andere "der erste Frühlingstag".

Wer es als Frühlingsanfang präsentiert bekam, setzte sein Ziel häufiger um, ging danach etwa eher ins Fitnessstudio, schlief besser oder verbrachte weniger Zeit in sozialen Medien.

Nicht übertreiben

Auch wenn dieser ganze Aufwand etwas Positives bewirken soll, sollte man dabei auf sich schauen. Wenn Motivation zum Zwang oder zur gefühlten Pflicht wird, kann es ein Problem werden, zeigt die Forschung. Ein Team des Beijing Institute of Technology wertete 2025 den Forschungsstand zu solchen Stichtagen aus und kam zu der Erkenntnis, dass konkrete Daten motivieren, aber auch Angst und Druck erzeugen können.

Denn wer sich einen Stichtag setzt, macht daraus auch eine Frist, die man verpassen kann. Andere Forschende, die sich Perfektionismus und Burnout widmeten, erkannten wiederum: Nicht unbedingt hohe Ansprüche verursachen ein Ausbrennen, sondern die ständige Sorge, den eigenen Ansprüchen nicht zu genügen.

Und vor allem die zahlreichen Inhalte in sozialen Medien können diese Sorge auslösen. Das Magazin Fortune wies darauf hin, wie es schon den Millennials erging: Sie prägten den Begriff "Hustle Culture", und viele von ihnen landeten letztlich im Burnout. Zwar grenzt sich der Gen-Z-Trend etwas davon ab, das "Einschließen" hat ein Ablaufdatum. Expertinnen und Experten warnen aber trotzdem davor, dass am Ende eher Stress verfestigt wird, als dass nur Ziele erreicht werden.

Am besten hat eine ambitionierte Phase also auch ein Ende – und realistische Ziele. Nach dem "Lock In" von September bis Dezember kommt ja der Jänner. Dann darf aus dem "locked in" ruhig ein "locker" werden. Und man kann sich wieder etwas entspannen. (Melanie Raidl, 1.9.2026)

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