Thermomix-Hersteller "verblödete" Staubsaugroboter, Nutzer machen sie wieder smart
Open-Source-Success
Thermomix-Hersteller "verblödete" Staubsaugroboter, Nutzer machen sie wieder smart
Vorwerk brach Versprechen und drehte Cloudsupport verfrüht ab, das Projekt "Vacoola" bringt die fehlenden Features wieder zurück
Georg Pichler
Eigentlich wollte Vorwerk die Server, über welche die "Neato"-Staubsaugroboter ferngesteuert werden, noch bis 2028 laufen lassen. Das hatte man 2023 angekündigt. Damals hatte man das Ende des US-Herstellers angekündigt, den man 2017 geschluckt hatte. Die Technologie wurde stattdessen in die "Kobold"-Serie integriert, die man unter eigenem Namen vermarktet.
Nur zwei Jahre später brach man das Versprechen. Im Oktober 2025 schaltete der Thermomix-Hersteller die Neato-Cloud ab. Begründung: Die Infrastruktur sei derart veraltet, dass man neueren Cybersicherheitsauflagen nicht mehr gerecht werden könne. Nutzer hatte man darüber lediglich wenige Tage im Voraus informiert. Die Roboter verloren schlagartig einen großen Teil ihrer Funktionen. Statt Raumeinteilung, Sperrzonen, gezielter Reinigungen und Zeitplanung konnten man nur noch per Knopfdruck einen Saugdurchlauf durch die komplette Wohnung initiieren.
Rund 5500 Menschen unterschrieben eine Petition und forderten, dass Vorwerk den Cloudzugang wiederherstellt oder den Quellcode von Server und Firmware bereitstellt, um eigene Lösungen zu finden. Vorwerk stieg darauf aber nicht ein, sondern bot nur für nach Mai 2023 erworbene Neato-Roboter die Option an, sie gegen einen Kobold VR7 zu tauschen. Nun meldete Petitions-Initiator Alexander Schöcke bei den Unterstützern per E-Mail. Was Vorwerk nicht machen wollte, haben nun findige Tüftler geschafft – und den künstlich verblödeten Roboter wieder smart gemacht.
Aus "Brainslug" wird "Vacuula"
Das Open-Source-Projekt startete klein, aber ambitioniert unter dem Titel "Neato Brainslug". Basis-Funktionalität konnte man recht schnell für einige Modelle herstellen. Die jüngste Neato-Generation blieb aber zunächst außen vor. Und die Installation setzte den Umgang mit Lötwerkzeug sowie Zusatzhardware in Form einer ESP32-Platine voraus.
Vor kurzem erschien die alternative Neato-Software nun in Version 1.0, also in ihrer ersten, als "fertig" deklarierten Fassung. Mittlerweile hat man sie auf "Vacuula" umgetauft und die Installation wurde deutlich vereinfacht. Eine Hardwaremodifikation sei nicht mehr nötig, heißt es im Vorstellungstext. Die Software lasse sich nun auch ohne zusätzlichem Chip direkt am jeweiligen Roboter installieren. Unterstützt werden sämtliche Modelle der dritten und vierten Generation (Neato Botvac D3 bis D10 bzw. der D800). Support für Generation 2 soll mit künftigen Updates folgen.
Eigene App und Server
Während der Lötkolben also im Schrank bleiben darf, wird aber immer noch ein gewisses Vorwissen vorausgesetzt. Denn man muss einen Server aufsetzen, über welchen der Roboter dann gesteuert wird. Die entsprechende Software soll unter Windows und Linux in vollem Umfang laufen, auf macOS derzeit aber nur mit Robotern der dritten Generation. Zudem steht man vor der Wahl, den Server entweder als Stand-Alone oder im Rahmen einer bestehenden Installation des freien Smarthome-Systems Home Assistant zu betreiben.
Diese Hürde könnte in Zukunft aber ebenfalls fallen. Die Entwickler denken über die Einrichtung eines Community-Servers nach, den Neato-Nutzer anstelle einer eigenen Installation verwenden können. Spruchreif ist dieser aber noch nicht.
Der elektronische Sauger selbst wird über eine eigene App mit dem "Zahn von Vacuula gebissen" und dazu gebracht, sich mit dem hauseigenen, lokalen Server zu verbinden. Dafür nutzt man Sicherheitslücken, die man in der bestehenden Firmware entdeckt hat. Für Generation 3 und 4 sind alle wesentlichen Funktionen mittlerweile implementiert. Die Wohnungskarte wird korrekt angezeigt und angepasst, Zonen und No-Go-Bereiche können eingerichtet werden, Zeitpläne lassen sich erstellen und auch frühere Reinigungsdurchläufe können eingesehen werden. Einzig das "Multizone"-Feature ist derzeit noch Generation 4 vorbehalten. Komfortfunktionen wie Benachrichtigungen oder das Verwenden eigener Soundfiles für die Meldungen der Roboter sind noch in Arbeit.
Die Entwickler betonen, dass jeder Versuch, den künstlich verblödeten Roboter zu einem "unsterblichen Staubschlürfer" zu machen, auf eigene Gefahr erfolgt. Für Gleichgesinnte und Hilfesstellung verweist man auf den Discord-Server des Projekts.
Vorwerk droht Ärger in Italien
"Vacuula" zeigt einerseits das Potential hinter Open-Source-Projekten, gerade wenn es darum geht, von Herstellern für obsolet erklärte Software- und Hardwareprodukte weiter leben zu lassen. Im konkreten Fall demonstriert man auch, dass es Vorwerk längst nicht unmöglich gewesen wäre, der Neato-Kundschaft weiter entgegenzukommen.
Das Vorgehen rund um die vorzeitige Cloudabschaltung hat Vorwerk in Italien auch eine Untersuchung der Wettbewerbsbehörde AGCM eingebrockt. Diese läuft seit April und soll unter anderem erörtern, ob das freiwillige Austauschprogramm den Schaden für die Verbraucher ausreichend kompensiert. Sollte man nicht dieser Einschätzung sein, so könnte die AGCM Vorwerk anweisen, weitere Maßnahmen zu setzen – etwa eine Ausweitung des Entschädigungsprogramms. Zudem könnten Geldstrafen in Millionenhöhe verhängt werden. Ein Urteil der Behörde kann zusätzlich auch als Grundlage für Verbraucher-Sammelklagen dienen. (gpi, 20.10.2026)
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