Thommy Ten & Amélie van Tass über Magie im KI-Zeitalter
Wien war im Fin de Siècle eine Welthauptstadt der Magie. Zwischen Séancen, Gedankenlesern und großen Illusionisten staunte das Publikum über das scheinbar Unmögliche. An diese Tradition knüpfen Thommy Ten und Amélie van Tass an: Am Sonntag, 30. August, bringt das Mentalmagie-Duo seine Show „Magic in Vienna“ zwei Mal in die Wiener Staatsoper.
Zur Jahrhundertwende war in Wien das goldene Zeitalter der Zauberkunst. Wie schwierig ist es heute, Menschen noch zum Staunen zu bringen, wo man mit ein paar KI-Prompts schon massive Illusionen erzeugen kann?
Thommy Ten: Die Zauberei erlebt gerade einen Boom. Die Menschen lieben Magie. Vielleicht hat das auch genau damit zu tun. Du kannst heute mit dem Handy irgendein Bild erstellen, dich auf Fotos in die Bahamas beamen oder alles Mögliche simulieren. Aber wenn du Zauberei live erlebst und in einer Show sitzt und plötzlich weiß Amélie, woran du denkst, oder direkt vor deinen Augen verschwindet etwas: Dieses Gefühl kann keine KI erzeugen. Das funktioniert nur live im Theater, auf einer großen Bühne oder auch auf einer kleinen.
Amélie van Tass: Alles ist schnelllebiger geworden. Früher gab es etwa Anton Kratky-Baschik, den wir auch in unserer Show behandeln. Der hat eine halbe Stunde lang Geister beschworen und erscheinen lassen, und die Leute haben diesem einen Act ihre volle Aufmerksamkeit geschenkt. Heute würde man sich bei einer halbstündigen Zaubernummer irgendwann fragen: „Okay, was passiert als Nächstes?“ Die Aufmerksamkeitsspanne hat sich verändert, aber wir arbeiten damit.
Nach dem großen Erfolg im Vorjahr, kommen Thommy Ten und Amélie van Tass am 30. August wieder in die Staatsoper.
©matthias rauchWas gelingt in Wien besser als in Las Vegas – und umgekehrt?
Amélie van Tass: Diesen Staatsopern-Flair kann man in Las Vegas nicht finden. So ein Raum macht unglaublich viel mit den Menschen. Die Grundstimmung ist sofort eine andere. In Las Vegas betritt man oft große Veranstaltungshallen, aber die Atmosphäre ist nicht dieselbe. In Wien holt man die Leute auf einer anderen Ebene ab. Las Vegas ist außerdem anders, weil parallel so viele andere Shows stattfinden. Man steht ständig unter Druck, sich abzuheben. In Wien können wir uns auf diese eine Produktion konzentrieren.
In Las Vegas kommen die Leute teilweise von der Poolparty in Flipflops. In der Staatsoper putzen sie sich richtig heraus.
Thommy Ten
Zauberkünstler
Thommy Ten: Auch das Publikum ist ganz unterschiedlich. In Las Vegas kommen die Leute teilweise direkt von der Poolparty in Flipflops und T-Shirts. In der Staatsoper putzen sich die Leute richtig heraus. Das amerikanische Publikum ist von Anfang an voll dabei. Die schreien schon vor der Show, sitzen mit Popcorn und Cola da. In Österreich oder Deutschland wollen sich die Leute zuerst ein bisschen überzeugen lassen.
Wo ist es schwieriger?
Thommy Ten: In Österreich ist es am Anfang schwieriger. Aber wenn du sie gewonnen hast, dann sind sie komplett dabei. Dafür ist umgekehrt in Amerika die Show vorbei und die Leute gehen. In Österreich oder Deutschland bleiben sie sitzen, applaudieren, wollen eine Zugabe. Die Kultur ist da anders, und wir lieben beides.
Gab es einen Abend, an dem Sie wussten: Ab jetzt wird das Leben nie wieder so sein wie vorher?
Thommy Ten: Das war definitiv das Finale von „America’s Got Talent“ (2016, Anm.). Danach wurden wir abgeholt und gingen essen. Im Radio lief plötzlich Falcos „Rock Me Amadeus“. Das war absurd: mitten in Hollywood unterwegs zu sein, gerade vor 18 Millionen Menschen im Fernsehen gewesen zu sein und Falco im Radio zu hören. Gleichzeitig wussten wir: Morgen in der Früh beginnen die Besprechungen, wie es weitergeht.
So sieht es aus, wenn die beiden auf der Bühne stehen.
©Matthias KöstlerSie können Menschen sehr gut lesen. Funktioniert das auch gegenseitig oder überraschen Sie sich noch?
Thommy Ten: Sie weiß alles.
Amélie van Tass: Das nennt man weibliche Intuition. Natürlich beschäftigen wir uns viel mit Gestik und Mimik und beobachten Menschen genau, auch uns gegenseitig. Aber Thommy hat es tatsächlich geschafft, mich 2019 mit seinem Heiratsantrag zu überraschen. Er hat den Ring quer durch die Welt auf Tournee mitgeschleppt, und ich habe nichts bemerkt. Erst etwa 20 Minuten davor dachte ich mir: Irgendwie ist er anders. Aber überrascht hat er mich trotzdem.
Natürlich verschwimmen Arbeit und Privates, wenn man gemeinsam selbstständig ist. Deshalb braucht es bewusst Tage, an denen man wirklich nur Paar ist.
Amélie van Tass
Mentalistin
Wenn man Partner und Kollegen zugleich ist, wie löst man Konflikte?
Thommy Ten: Es gibt keine Konflikte, es ist alles wunderbar (lacht).
Amélie van Tass: Ich sehe das immer als Familienbetrieb. Familienbetriebe gibt es seit Jahrhunderten, und irgendwie funktioniert es immer. Natürlich verschwimmen Arbeit und Privates, wenn man gemeinsam selbstständig ist. Deshalb braucht es bewusst Tage, an denen man wirklich nur Paar ist.
Thommy Ten: Ganz am Anfang unserer Karriere haben wir ein halbes Jahr gemeinsam auf einem Kreuzfahrtschiff gearbeitet und in einer winzigen Kabine zusammengelebt – und das rund um die Uhr. Da lernt man, was wirklich ein Konflikt ist und was man einfach übersehen kann.
Las Vegas ist für Amélie van Tass und Thommy Ten eine zweite Heimat geworden.
©OCNSMediaBei Magie darf idealerweise nichts schiefgehen. Was war Ihr spektakulärster Bühnenfehler?
Thommy Ten: Es kann immer etwas passieren. Gerade bei großen Produktionen mit Licht, Pyrotechnik, Vorhängen und einem Team von 40 Leuten gibt es viele technische Faktoren, auf die niemand Einfluss hat. Nicht einmal Magier. Wir hatten schon Probleme mit Kostümen, etwa als Amélies Kleid auf der Seite von oben bis unten aufgerissen ist.
Amélie van Tass: Ich habe versucht, die Seite mit der Hand zuzuhalten und einfach weiterzuspielen. Bis heute weiß ich nicht, ob oder wie viele Leute es bemerkt haben.
Mehr lesen: Wie das Burgenland Thommy Ten und Amélie van Tass verzaubert
Sie verbringen viel Zeit in Las Vegas. Von außen wirkt die Stadt oft wie ein Moloch. Lernt man das trotzdem zu lieben?
Thommy Ten: Man denkt bei Vegas zuerst an den Strip mit den Hotels und Neonlichtern. Aber wir haben die Stadt inzwischen ganz anders kennengelernt. Unser Haus liegt am Rand von Las Vegas, dort ist es ruhiger als in Krems an der Donau, wo wir in Österreich wohnen. Abends hörst du dort höchstens einen Kojoten jaulen. Rund um Vegas gibt es unglaublich viel Natur: Nationalparks, Seen, sogar ein kleines Skigebiet namens Lee Canyon. Dazu kommt das Klima, fast immer Sonnenschein, auch im Winter. Das vermisst man an der Donau schon.
Mehr lesen: Zauberhafte Neuigkeiten! Magierin Amelie van Tass wurde Mama
Mehr lesen: Magier Thommy Ten & Amélie van Tass im Interview

Zu den Personen
Amélie van Tass und Thommy Ten stammen aus Niederösterreich und zählen zu den erfolgreichsten Mentalmagiern der Welt. Kennengelernt haben sie einander bei der ORF-Talenteshow „Die große Chance“. Als The Clairvoyants wurden sie 2016 mit ihrer Finalteilnahme bei „America’s Got Talent“ international bekannt und erhielten anschließend eine eigene Show in Las Vegas. 2022 heirateten die beiden, sie sind Eltern eines Sohnes.
Über Daniel Voglhuber
ist Redakteur bei der KURIER Freizeit. Seit Dezember 2020 schreibt er über Reisen, Kultur, Essen und Lifestyle. Kurz: über alles, was schön ist und Spaß macht. 2011 startete er in der KURIER-Chronik als Mitarbeiter für Oberösterreich, später produzierte er lange verschiedene Regionalausgaben.