Tiktok, Instagram & Co.: Neue deutsche App will Social-Media-Giganten angreifen
KI-Stimme. Info
Berlins Funkturm kann durchaus als geschichtsträchtiger Ort herhalten. 1926 startete der Sendebetrieb, zunächst mit Radiowellen. Ein paar Jahre später strahlten die Anlagen auf dem fast 150 Meter hohen Sendemast die ersten, noch tonlosen Fernsehbilder aus. Mittlerweile ist die Ära als echter Sendeturm zu Ende. Wobei man hier am Donnerstagvormittag wohl dennoch ausnahmsweise mal wieder auf eine gewisse Reichweite hofft.
Denn es geht um Wedium. Das ist eine neue Social-Media-App. Hochkant, Bewegtbild, zum Durchscrollen. So wie es rund um die Welt Milliarden von Nutzerinnen und Nutzern bei den gängigen Platzhirschen Instagram und Tiktok tun, tagtäglich, stundenlang, die Algorithmen lassen sie nicht los.
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Social Media: Was Wedium anders machen will als Tiktok & Co.
Die fünf Gründer der Plattform stehen an diesem Tag im Restaurant des Funkturms hoch über dem Westen der Hauptstadt und stellen ihre Vision vor: eine europäische App, mit verifizierten, echten Nutzern ohne Fake-Accounts und mit nach Angaben der Macher fairer Vergütung für Creatorinnen und Creator, also für diejenigen, die das Netzwerk mit Inhalten füllen sollen. Social Media in gut.
„Wedium ist eine Short-Video-Plattform mit europäischen Werten und einem gesunden Algorithmus. Wir setzen von Anfang an auf Verifizierung und Jugendschutz. Wir wollen Bildung und journalistische Inhalte fördern und diejenigen, die Inhalte produzieren, an den Werbeeinnahmen beteiligen“, erklärt Mitgründerin Nele Meissner. Dadurch hoffe man auf starkes Wachstum, auch weil Bewegtbild immer wichtiger werde und sich darüber besonders junge Menschen auf für politische Themen erreichen ließen. „Auf die Frage, ob digitale Souveränität in Europa möglich ist, würden wir sagen: Ja – Wedium kann das“, ergänzt Meissner dann noch.
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Wedium will schnell Marke von einer Million Usern erreichen
Hinter der App stehen Meissner und ihre Mitstreiter, die ihr Geld bislang gemeinsam innerhalb einer Werbeagentur verdient haben. Für Wedium konnten sie Stand heute drei Investoren begeistern. Noch befindet sich die Gründung in der Frühphase. Innerhalb eines Testzeitraums haben sich bereits 15.000 User bei Wedium angemeldet. An diesem Freitag nun ist der offizielle Start in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Und die Ziele sind durchaus ehrgeizig: Bis zum Jahresende will die deutsche Tiktok-Alternative auf eine Million Nutzerinnen und Nutzer kommen.
Nele Meissner umreißt bei der Präsentation vor Journalisten in Berlin, warum sie es für nötig hält, den amerikanischen und chinesischen Social-Media-Giganten etwas entgegenzusetzen. Jugendliche etwa würden durchschnittlich drei Stunden am Tag auf den Plattformen verbringen – mit Folgen wie Depressionen und Schlafstörungen. Fast die Hälfte der jungen Menschen zeige inzwischen Suchtsymptome. Darunter litten dann auch Eltern, die ihre Kinder nicht entsprechend schützen könnten. „Das ist kein Zufall, sondern Geschäftsmodell von Big Tech“, sagt Meissner mit Blick auf die Algorithmen von Instagram & Co. Diese seien darauf ausgerichtet, Nutzer möglichst lang am Scrollen zu halten. Creator würden zwar hochwertigen Content produzieren, dafür aber nicht vergütet werden. Und auch Marken wären unzufrieden, weil sie häufig gar keine echten Menschen erreichen würden, sondern Bots oder Fake-Accounts.
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Social Media: Europäisch und mit „guten“ Algorithmen
Wedium will nun alles anders machen. Rein kommt man nur mit Ausweis. Die entsprechende Verifikation laufe nach Angaben der Berliner Firma über einen europäischen Anbieter. Nutzer können beim Öffnen der App Vorgaben machen hinsichtlich der eigenen Bildschirmzeit. Ist die abgelaufen, erscheint ein Hinweis, dass draußen ja noch das „echte“ Leben warte. Inhaltlich setzt Wedium auf zwei getrennte Feeds: Die „For we“-Page zeigt Beiträge aus dem eigenen Netzwerk, die „For me“-Page empfiehlt darüber hinausgehende Inhalte. Beide Algorithmen wurden laut Wedium mit einem Ethikrat entwickelt, dem auch eine Jugendschutzexpertin angehört.
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Grundsätzlich will Wedium die eigene Community auch managen, also gepostete Beiträge sichten, auf einen angemessenen Umgangston achten. Auch Künstliche Intelligenz (KI) soll dabei helfen. Verstößt ein Nutzer gegen die Richtlinien, droht gar der Ausschluss aus dem sozialen Netzwerk. In der Testphase sei ein solches Eingreifen aber nicht nötig gewesen – im Gegenteil. „Es ist ein sehr kuscheliges, nettes Netzwerk, das sich gegenseitig auch unterstützt“, erzählt Mitgründer Johannes Meissner. Minderjährige sollen die Plattform nur gemeinsam mit ihren Eltern nutzen können. Dafür biete Wedium Eltern-Kind-Accounts an, mit denen selbst bestimmt werden kann, was im eigenen Feed zu sehen ist.
Das Geschäftsmodell von Wedium beruht auf Werbeeinnahmen und auf einem Freemium-Modell, also einem werbefreien Abo, das für 8,99 Euro im Monat angeboten werden soll. Creator will das Unternehmen von Anfang an beteiligen. Sie sollen sogenannte Wedium-Points sammeln und anteilig an der Werbung mitverdienen.
Das Wedium-Logo am Berliner Funkturm – auf Reichweite aus.© FUNKE Foto Services | Reto Klar
David gegen Goliath – Experten zweifeln, ob Angriff auf die Big Player gelingt
Wedium gegen die Großen der Branche – das klingt wie David gegen Goliath. Experten sind angesichts der Übermacht von Tiktok und Instagram skeptisch. „Solche ‚guten‘ Plattformen hat es in der Vergangenheit immer wieder gegeben – und leider sind sie schnell verschwunden“, sagt Wolfgang Schweiger, Experte für Online-Kommunikation von der Universität Hohenheim, zu unserer Redaktion. Aber: In Europa sei zuletzt die Sorge „vor einer kompletten Abhängigkeit von teils fragwürdigen US-amerikanischen und chinesischen Plattformen gewachsen“. Schweiger sieht in dieser Hinsicht zwar eine Nische für Wedium. Doch leider stellten nur die wenigsten Menschen solche Überlegungen an – und blieben dann eben doch „bei den großen Plattformen“.
Der Digitalexperte Gavin Karlmeier von „heise online“ sieht zudem gerade in der Verifikation auch ein Nadelöhr, das „den Anmeldeprozess eher erschwert als erleichtert“. „Und sicherlich gibt es Menschen, die kein gutes Gefühl dabei haben, ihren Personalausweis oder Reisepass für ein Unternehmen abzufotografieren, nur, um Inhalte ins Netz stellen zu dürfen“, sagte er dieser Redaktion. Auch Eltern-Kind-Accounts überzeugten ihn nicht.
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Altersbeschränkungen sozialer Netzwerke in Australien hätten gezeigt, dass junge Menschen Wege finden würden, Social Media zu nutzen, auch wenn es vermeintliche technische oder gesetzliche Hürden gebe. „Ich persönlich habe Zweifel daran, dass das Versprechen ‚Wie Tiktok, nur von hier und mit Mamas Einverständnis‘ oder noch schlimmer ‚Wie Tiktok, nur von hier – und Mama ist auch schon da!‘ den Status ‚cool‘ bei jungen Leuten gewinnen kann“, so Karlmeier weiter.

Bei Wedium selbst lässt man sich nicht verunsichern, man denkt stattdessen eher groß. Im Herbst soll die App auch für den Rest Europas verfügbar sein. Und vielleicht bekomme man für den kontinentalweiten Start ja den Eiffelturm in Paris, sagt Nele Meissner augenzwinkernd. Der Berliner Funkturm, an dem am Donnerstag bereits ein riesiges Wedium-Logo prangt, wäre dann nur der Anfang.