Tödlicher Brückeneinsturz in Italien: Der Verurteilte ist kein Unbekannter


Für Gianluca Ardini wurde der Einsturz der Morandi-Autobahnbrücke zum Kampf ums Überleben. Der damals 29-jährige Kaufmann aus Genua war am 14. August 2018 gemeinsam mit einem Kollegen in einem Lieferwagen auf der Brücke unterwegs, als diese plötzlich einstürzte. Ihr Fahrzeug stürzte rund 40 Meter in die Tiefe und blieb in den Trümmern eingeklemmt. Trotz mehrerer Knochenbrüche und einer schweren Schulterverletzung hielt sich Ardini fast vier Stunden lang in den Trümmern auf, bis Einsatzkräfte ihn retten konnten. Immer wieder rief er den Feuerwehrleuten zu: „Helft mir, ich werde bald Vater. Ich möchte meinen Sohn zur Welt kommen sehen.“

Insgesamt verloren bei der Katastrophe 43 Menschen ihr Leben. Fast acht Jahre nach dem tödlichen Einsturz der Morandi-Autobahnbrücke ist der Prozess in der ersten Instanz mit hohen Haftstrafen für die insgesamt 57 Angeklagten ausgegangen. Der ehemalige Geschäftsführer der italienischen Autobahngesellschaft Aspi (Autostrade per l’Italia) und Hauptangeklagte Giovanni Castellucci wurde zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Die Staatsanwaltschaft Genua hatte 18 Jahre Haft gefordert.

Brückeneinsturz in Italien: Verurteilter sitzt bereits im Gefängnis

Dem 66-jährigen Castellucci wird vorgeworfen, die Arbeiten an dem später eingestürzten Pfeiler Nummer 9 verschoben zu haben. Der Manager sitzt in Mailand bereits eine sechsjährige Haftstrafe wegen eines Busunglücks auf der Autobahn A16 in der süditalienischen Provinz Avellino im Jahr 2013 ab. Damals starben 40 Menschen. Nach Darstellung seiner Anwälte werde Castellucci zum „Sündenbock“ gemacht. Dieser habe darauf beharrt, dass Arbeiten zur Verstärkung des Brückenpfeilers vorgenommen würden, sagte sein Anwalt. „Castellucci wurde ohne Schuld verurteilt. Seine einzige Schuld besteht darin, unschuldig zu sein“, sagte sein Anwalt Giovanni Paolo.

Die Verteidigung werde den Kampf für Castelluccis Unschuld fortsetzen. „Wir sind überzeugt, dass das Berufungsverfahren einen Fehler korrigieren wird, den wir in diesem Urteil sehen“, erklärte der Anwalt. Auch die ehemaligen Nummern 2 und 3 des Autobahnbetreibers Aspi wurden zu Strafen von fünf Jahren und sechs Monaten beziehungsweise elf Jahren verurteilt. Gegen einen hohen, für die Aufsicht der Autobahnen zuständigen Funktionär im italienischen Verkehrsministerium wurden fünf Jahre Haft verhängt.

Ein Regenbogen ist über der neuen Autobahnbrücke in Genua zu sehen.

Ein Regenbogen ist über der von dem italienischen Architekten Renzo Piano entworfenen Brücke San Giorgio zu sehen. © Antonio Calanni/AP/dpa | Antonio Calanni

Einsturz der Autobahnbrücke in Italien: Staatsanwaltschaft forderte 400 Jahre Haft

Die Staatsanwaltschaft hatte für die 57 Angeklagten insgesamt mehr als 400 Jahre Gefängnis gefordert: wegen fahrlässiger Tötung, Gefährdung der Verkehrssicherheit und Urkundenfälschung. Der Großteil der 57 Angeklagten beim Prozess in Genua, darunter mehrere Manager und Funktionäre des Verkehrsministeriums, erschien nicht vor Gericht.

Eine Vertreterin der Opferangehörigen kritisierte das vollständige Fehlen von Schuldeingeständnissen in dem Prozess. Erwartet wird, dass die Verurteilten Einspruch einreichen, da das Urteil nicht rechtskräftig ist. Das Gerichtsverfahren hatte vier Jahre gedauert, es gab 283 Anhörungen.

Weiterer gefährlicher Einsturz in Italien

Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft hätte der Einsturz verhindert werden können, wenn die geplante Verstärkung von Pfeiler 9 – jenem Brückenpfeiler, der schließlich versagte – nicht verzögert worden wäre. Die Verteidigung hingegen macht einen Konstruktionsfehler der Brücke verantwortlich. Dieser habe Korrosion begünstigt, die wegen eines verborgenen Mangels an den Tragseilen nicht habe erkannt werden können. Die riesigen Spannseile, die die Brücke trugen, hätten einen verdeckten Defekt aufgewiesen, der mit den damals verfügbaren Mitteln nicht feststellbar gewesen sei.

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Die Staatsanwälte wiesen dagegen darauf hin, dass der Konstrukteur der im Jahr 1967 errichteten Brücke, der Ingenieur Riccardo Morandi, selbst regelmäßige und gezielte Überprüfungen der Konstruktion empfohlen habe. Wären diese Kontrollen ordnungsgemäß durchgeführt worden, hätten sie nach Ansicht der Anklage die mangelnde Sicherheit
der Brücke aufgezeigt. Der italienische Verkehrsminister Matteo Salvini begrüßte das Urteil. „Eine Katastrophe dieser Art darf nicht ungestraft bleiben“, sagte Salvini, der auch Vizeregierungschef in der Regierung Meloni ist.