Tragische Verwechslung: Bruder von NSU-Opfer kämpft um Aufenthaltserlaubnis
Stand: 23.08.2026, 12:06 Uhr
Kommentare

Seit Jahren kämpft Ombudsfrau Barbara John um eine Aufenthaltsgenehmigung für Yunus Turgut – wegen einer tragischen Namensverwechslung in der Türkei. Endlich ist eine Lösung in Sicht.
Yunus Turgut hat vieles durchlitten. Der 49-Jährige aus Niedersachsen ist der ältere Bruder des von der rechten Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) in Rostock ermordeten Mehmet Turgut. Eine Namensverwechslung in seinem Geburtsland Türkei ließ die deutschen Behörden lange daran glauben, dass Yunus derjenige war, der eigentlich getötet werden sollte. Stundenlang wurde er, der Bruder des Opfers, deswegen verhört, während seine Familie unter dem Mord litt und zusätzlich unter den Gerüchten, die es dazu gab.
NSU-Terror
Die rechtsextreme Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) ermordete von 2000 bis 2007 mindestens zehn Menschen, ein weiterer starb an den Folgen eines Attentats.
Mehmet Turgut war das fünfte Opfer der Mordserie. Er wurde im Alter von 25 Jahren am
25. Februar 2004 in einem Imbiss in Rostock getötet.
Die NSU-Terroristen Uwe
Mundlos und Uwe Böhnhardt töteten sich 2011 in Eisenach.
Komplizin Beate Zschäpe
wurde zu lebenslanger Haft verurteilt.
Vier Mitangeklagte erhielten Freiheitsstrafen von bis zu zehn Jahren. 2026 wurde eine NSU-Unterstützerin zu
zwei Jahren auf Bewährung verurteilt. pit
Anderthalb Jahrzehnte später belastet Yunus Turgut die Namensverwechslung in der Türkei ein weiteres Mal. Heute geht es darum, dass er eine Aufenthaltsgenehmigung benötigt, um seinen 16-jährigen Sohn aus der Türkei herholen zu können. Die konnte er jedoch wegen der Namensverwechslung nicht erhalten.
Jetzt endlich ist eine Lösung in Sicht – zur Erleichterung von Barbara John, der Ombudsfrau der Bundesregierung für die NSU-Opfer und ihre Familien. Sie habe sich gemeinsam mit ihrem Mitarbeiter seit 2013 bemüht, eine gesicherte Aufenthaltserlaubnis für Turgut zu bekommen, sagte John der Frankfurter Rundschau am Wochenende. „Es fällt uns ein Stein vom Herzen, und der nächste kleinere, nämlich der Nachzug des Sohnes, muss jetzt den Berg hochgerollt werden.“ Die Mutter des Sohnes leide an psychischen Problemen und sei mit der Erziehung des Jungen überfordert.
„Ohne eine Aufenthaltserlaubnis ist der Vater des jetzt 16-jährigen Muhammed nicht berechtigt, seinen Sohn, der bei der kranken Mutter in der Türkei nicht bleiben kann, im Wege der Familienzusammenführung zu sich zu holen“, erläuterte Barbara John. „Das wäre ein weiteres Unglück für Herrn Turgut.“
Eine Aufenthaltserlaubnis sollte Turgut nach Johns Angaben eigentlich nur erhalten, wenn sein richtiger Name im Ausweis stehe. Sein türkischer Pass ist aber auf den Vornamen Mehmet ausgestellt. In Gesprächen mit diversen Behörden Deutschlands und der Türkei hat sie jahrelang nach einer Lösung gesucht. Nun akzeptiert die Ausländerbehörde des Landkreises Celle die Papiere, obwohl sie unter dem Namen Mehmet Turgut ausgestellt sind. Es gibt nun einen lebenden und einen toten Mehmet Turgut.
Die Ursache der bürokratischen Schwierigkeiten liegt lange zurück. In der Türkei hatte Vater Hanifi Turgut für seine Söhne Kinderpässe beantragt. Damals verwechselten die türkischen Behörden offenbar die Geburtsdaten der beiden Jungen. Also tauschten sie ihre Papiere, in dem jeweils ein falscher Vorname notiert war, aber zumindest das Alter stimmte.
Das sorgte nach dem Mord an Mehmet Turgut am 25. Februar 2004 in Rostock für zusätzliche Verwirrung. Noch knapp ein Jahrzehnt später soll in der Anklageschrift gegen die NSU-Terroristin Beate Zschäpe der Name des zwei Jahre älteren Yunus Turgut für den Ermordeten verwendet worden sein.
Bis heute ist wie bei anderen Betroffenen ungeklärt, warum ausgerechnet Mehmet Turgut zum Opfer der rechtsextremen Bande um Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt wurde. Turgut, der eigentlich in Hamburg wohnte, hatte an jenem Tag einen Bekannten in Rostock besucht und es dort spontan übernommen, dessen Dönerladen aufzuschließen.
Yunus Turgut, der nun also auch Mehmet heißt, lebte seinerzeit noch in der Türkei, kam aber als Nebenkläger nach dem Auffliegen des NSU nach Deutschland. Er blieb hier, seit inzwischen 15 Jahren, arbeitet bis heute ebenfalls in einem Dönerimbiss und verdiente damit stets seinen Lebensunterhalt.
Ombudsfrau Barbara John erinnert daran, dass politisch Verantwortliche stets versprochen hätten, gerade die Überlebenden zu unterstützen. „Das sind diejenigen, die am meisten leiden müssen“, sagte sie der Frankfurter Rundschau. „Sie müssen ihr Leben lang ertragen, dass ihre Angehörigen getötet wurden. Während die Täter irgendwann auf vorzeitige Entlassung hoffen können, wie auch Beate Zschäpe.“