Über Krankheit sprachen Politiker früher kaum – das hat sich geändert
Hans Rauscher
Über Krankheit sprachen Politiker früher kaum – das hat sich geändert
Das Beispiel von Finanzminister Markus Marterbauer zeigt, dass heute damit wesentlich transparenter umgegangen wird
Kolumne
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Hans Rauscher
In einem langen TV-Interview mit Corinna Milborn von Puls 24 hat Finanzminister Markus Marterbauer ausführlich auch über seine Krebserkrankung, ein Lymphom, gesprochen. Das war auch innenpolitisch relevant, weil es lange darum ging, ob Marterbauer eine Alternative zu seinem Parteivorsitzenden Andreas Babler sein könnte.
Abgesehen von Loyalität – Babler hat den AK-Experten Marterbauer in das Amt geholt –, kam aber deutlich heraus, dass Marterbauer wenig Lust hat, solchen Überlegungen, die vor allem von der Gewerkschaft ausgehen, zu folgen. Er sei als Finanzminister voll ausgelastet und habe noch seine belastende dreimonatige Chemotherapie abzuschließen.
Das aber ist auch aus anderen Gründen bemerkenswert. Selten noch hat ein österreichischer Spitzenpolitiker so offen über eine schwere Erkrankung gesprochen. Im Gegenteil, sehr bedeutende Politiker haben ihre schwere Krankheit lange verschleiert und verschwiegen.
Man muss nicht bis zu Julius Raab zurückgehen, der schwer krank als Bundespräsident kandidierte. Der schwerwiegendste Fall war Bruno Kreisky, dessen Nieren in den letzten Jahren seiner Amtszeit versagten. Das wurde lange geheim gehalten und sogar durch ein äußerst fragwürdiges Gutachten eines berühmten Arztes verschleiert.
Schließlich war nicht mehr zu verheimlichen, dass er sich mehrmals wöchentlich mehrere Stunden einer Dialyse (Blutwäsche) unterziehen musste, die sehr belastend ist. Trotzdem rief er aus dem Spital Journalisten an, darunter auch den Autor dieser Zeilen und erklärte, dass es ihm gut gehe. Die Erkrankung führte dann 1983 zu seinem Rücktritt (er wurde später transplantiert).
Maskenhaftes Gesicht
Ein ähnlicher Fall war der ÖVP-Vorsitzende und Außenminister Alois Mock, der relativ jung an Parkinson litt, was aber lange nicht zugegeben wurde. Im TV-Duell im Wahlkampf 1986 gegen Franz Vranitzky verstörte das maskenhafte Gesicht und die verlangsamte Reaktion die Zuseherschaft. Das wurde aber von der ÖVP damit erklärt, er sei vorher zu lange in der Sauna gewesen (!).
Mock erbrachte später eine großartige Leistung als Kämpfer für den EU-Beitritt und ging auch in die entscheidenden nächtelangen Verhandlungen in Brüssel. Dabei brach er aber zusammen und bot in einer nächtlichen Pressekonferenz ein gespenstisches Bild. Trotz deutlich erkennbarer Beeinträchtigung setzte er sich dann erfolgreich in der Kampagne zur Volksabstimmung zum EU-Beitritt ein. Erst sehr spät, als die Symptome nicht mehr weg zu erklären waren, gab man seine Erkrankung zu.
Auch die schwere autoimmune Erkrankung von Bundespräsident Thomas Klestil wurde lange verschleiert. Unvergessen die kaltschäuzige TV- Erklärung der behandelnden Professoren-Koryphäe, warum man Kanzler Vranitzky nicht von Klestils nächtlichem Zusammenbruch verständigt habe: Es habe ja niemand der Ukraine den Krieg erklärt…
Mut machen
Inzwischen ist man in Sachen Transparenz und Information der Öffentlichkeit doch um einiges weiter gekommen. Die Ministerinnen Barbara Prammer und die kürzlich verstorbene Andrea Kdolsky machten ihre Krebserkrankungen sehr bald öffentlich – auch um anderen Mut zu machen. Der burgenländische Landeshauptmann Hans Peter Doskozil informierte stets über seine zahlreichen Operationen und schließlich die Entfernung des Kehlkopfes.
Marterbauer machte seine Diagnose und die notwendige Behandlung im Sommer öffentlich. Das ist auch richtig so, denn die Öffentlichkeit sollte ein halbwegs realistisches Bild haben. (Hans Rauscher, 2.10. 2026)
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