Überleben mit Centbeträgen: Senioren mit kleiner Rente sammeln Pfandflaschen
Stand: 27.07.2026, 06:00 Uhr
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In Nordhessen sind Ende 2025 bereits 12.055 Menschen ab 65 Jahren auf Grundsicherung angewiesen. Die Dunkelziffer ist noch höher: Viele Betroffene melden sich aus Scham nicht einmal mit richtigem Namen bei den Tafeln.
Region – Steigende Lebenshaltungskosten, Heizkosten und Mieten zwingen derzeit viele ältere Menschen dazu, bei der Ernährung zu sparen oder Hilfe wie die der Tafeln vor Ort in Anspruch zu nehmen. Laut dem Statistischen Bundesamt gelten in Hessen, genauso wie deutschlandweit, 19,5 Prozent der Senioren ab 65 Jahren als armutsgefährdet, im Nachbarbundesland Niedersachsen sind es 19 Prozent. Die Armutsgefährdungsquote ist auf dem höchsten Stand seit 2020. Der Iran-Krieg und die damit verbundene Energiekrise wirken in diesem Jahr wie ein Brandbeschleuniger. Die ländliche Infrastruktur in der Region verschärft die Altersarmut weiter.
Neuer Höchststand bei Grundsicherung
Wenn das Geld im Alter nicht reicht, können über 66-Jährige Grundsicherung beziehen. Die Zahl der Betroffenen ist laut Statistischem Bundesamt in den vergangenen Jahren gestiegen. Ende 2025 waren es rund 764.000 Senioren, die Sozialleistungen erhielten. Das ist ein neuer Höchststand. Im Vergleich zu Ende 2024 gab es einen Anstieg um 3,4 Prozent.
Das spiegelt sich auch in den Hessischen Kreiszahlen wider, die das Statistische Landesamt in diesem Jahr herausgegeben hat. Darin gibt es Zahlen zu den Empfängern von Grundsicherung im Alter. In Nordhessen (Regierungsbezirk Kassel) waren in der Erhebung aus dem Jahr 2024 10.795 Senioren ab 65 Jahren in der Grundsicherung. In der aktuellen Erhebung sind bis Ende 2025 bereits 12.055. Tendenz steigend, denn die wirtschaftlichen Herausforderungen der vergangenen Monate des Jahres 2026 sind noch nicht enthalten. Unter den Städten mit den meisten älteren Grundsicherungsempfängern ist Kassel mit 4020 Personen. Damit ist jeder zehnte Rentner betroffen. In Hessen haben nur Wiesbaden (4855) und Frankfurt (6900) mehr ältere Empfänger – die Gesamtbevölkerung ist aber auch deutlich größer als in Kassel. In Südniedersachsen bezogen rund 6900 ältere Menschen Grundsicherung im Alter.
Allerdings: Die Dunkelziffer derer, die sich aus Scham nicht helfen lassen, ist hoch. Das sagt auch Katja Bernhard, Sprecherin des Hessischen Landesverbandes der Tafeln. Seniorinnen und Senioren zu helfen, sei nicht so einfach. Sie kenne viele Fälle, in denen sich die Bedürftigen beim Erstkontakt nicht mit richtigem Namen meldeten. „Sie bitten uns auch, ihren Kindern nichts zu erzählen.“ Bernhard macht sich Sorgen um die, die sich nicht helfen lassen.
Robert Manu, Sprecher des Sozialverbandes VdK: „Was mir aus dem Landkreis Kassel berichtet wird, macht mich fassungslos und wütend zugleich: Eine Seniorin, die mit dem Rollator Pfandflaschen sammelt, weil ihre Rente nicht einmal mehr für das Nötigste reicht. Das ist ein Bild, das wir in unserem reichen Land eigentlich nicht sehen dürfen. Und es ist längst kein Einzelfall mehr, auch nicht im ländlichen Raum“, so der Sprecher.
„Sie haben ihr Leben lang gearbeitet, Kinder oder pflegebedürftige Angehörige betreut, Steuern gezahlt, die Gesellschaft mit aufgebaut. Und jetzt trauen sie sich nicht, offen über ihre Armut zu sprechen und Leistungen in Anspruch zu nehmen. Diese Scham ist nicht ihre Schuld. Sie ist Ausdruck eines Systems, das Altersarmut zu lange kleingeredet hat.“ Wenn die Tafeln, die als Ergänzung gedacht seien, an ihre Belastungsgrenzen stoßen würden, dann sei das ein Alarmsignal, betont Manu.
„Wir brauchen keine Symbolpolitik, sondern echte Antworten: eine Rente, die vor Armut schützt, eine schnelle und unbürokratische Grundrente, die mehr Menschen erreicht, und eine Anhebung der
Regelsätze, die den tatsächlichen Lebenshaltungskosten entspricht.“
Der VdK werde nicht aufhören, auf diese Missstände hinzuweisen – gerade auch dort, wo sie im ländlichen Raum oft unsichtbarer bleiben als in der Stadt. Niemand solle sich im Alter schämen
müssen, arm zu sein“, erklärt Robert Manu.
Im ländlichen Raum zeigt sich Altersarmut oft nicht so sichtbar auf der Straße wie in Großstädten, sondern äußert sich in struktureller Ausgrenzung, Stichwort verdeckte Armut. Das schreiben die Diakonie Hessen und die Evangelische Hochschule Darmstadt in ihrem Forschungsprojekt „Armut auf dem Land“. Wer im ländlichen Raum kein Auto mehr finanzieren oder fahren kann, verliere den Anschluss. Der lückenhafte ÖPNV zwinge Senioren dazu, Geld für Taxis oder Fahrdienste auszugeben, was knappe Budgets sprenge.
Und weiter: „Viele ältere Menschen in Nordhessen leben in eigenen, aber oft alten und energetisch unsanierten Fachwerkhäusern oder Wohnungen. Die explodierten Heiz- und Nebenkosten führen dazu, dass trotz Wohneigentum kaum Geld für Lebensmittel bleibt.“
Dass mehr Senioren die Hilfe der Tafeln in Anspruch nehmen, zeigt sich nicht nur landesweit, sondern auch im Landkreis Kassel. Etwa beim Diakonischen Werk. Tafelkoordinatorin Frauke Wiegand berichtet von einer großen Verzweiflung von Senioren mit geringer Rente. Bei den Tafeln in Wolfhagen, Hofgeismar und Bad Karlshafen sind die Anfragen in den vergangenen Monaten gestiegen. Manchmal würden diese Menschen die Hilfe in letzter Minute in Anspruch nehmen. „Die Scham ist groß“, erklärt Wiegand. 20 Prozent der Tafel-Kundschaft sei über 63 Jahre alt.
Wie an Lebensmittel kommen, wenn das Geld knapp ist? Auch in den Supermärkten spiegelt sich die finanzielle Not der Menschen. Beim Edeka-Markt in Naumburg etwa ist die Kiste mit den reduzierten Lebensmitteln stark frequentiert. Zum einen griffen hier Menschen zu, denen das Nachhaltigkeitsprinzip wichtig sei, zum anderen seien es vermehrt Einkommensschwache, darunter Senioren, sagt eine Sprecherin. Sie selbst sehe regelmäßig betagte Menschen, die in schmutzigen Abfalleimern nach Pfandflaschen wühlten.
Kommentar von Bea Ricken
Es ist eine Szene, die in ihrer Symbolik erschüttert: An einer Baustelle im Landkreis Kassel stehen zurückgelassene Bierflaschen. Eine hochbetagte Seniorin mit Rollator fährt langsam vorbei, schaut sich unsicher um und packt schließlich zittrig vier Flaschen in die Tasche ihres Rollators. 32 Cent bekommt sie dafür an einer Pfandstelle. Kaum genug, um sich dafür ein Brötchen kaufen zu können.
Diese Seniorin steht vor allem für Frauen in Deutschland, die ihr Leben lang Care-Arbeit und Teilzeit geleistet haben und im Alter so arm sind, dass sie sich nicht einmal ausreichend ernähren können. Die wirtschaftliche Krise hat die Not dieser Menschen vervielfacht. Gerade im ländlichen Raum, wo jeder jeden kennt, kommt die Scham hinzu und verhindert, dass sich diese Menschen helfen lassen.
Ergänzende Grundsicherung beantragen? Nicht nur peinlich, sondern auch zu kompliziert. Einen Termin beim Jobcenter vereinbaren? Das funktioniert oft nur noch digital. Einen mehr als zehn Seiten starken Wohngeldantrag stellen? Erst recht ohne Hilfe nicht möglich. Da Ältere digital oft abgehängt sind, bleiben auch Rettertüten oder ähnliche Internetangebote, um an günstige Lebensmittel zu gelangen, unerreichbar.
Wenn Hunger und Leidensdruck hoch genug sind, werden Tafeln zum Rettungsanker. Und hier zeigt sich der Systemfehler deutlich: Diese Essensausgaben waren ursprünglich als freiwillige, ergänzende Hilfe gedacht, um Lebensmittelverschwendung zu reduzieren und Bedürftigen eine kleine zusätzliche Unterstützung zu bieten. Heute jedoch sind sie zu einer unverzichtbaren Überlebensbrücke auch für ältere Menschen geworden. Doch diese Einrichtungen stoßen allerorten an ihre Grenzen.
Es ist ein unüberhörbares Alarmsignal an die Politik, dass das staatliche soziale Sicherungsnetz, erst recht im ländlichen Raum, versagt. Angesichts dieser Krise darf sich die Politik nicht länger in symbolischen Gesten oder oberflächlichen Reformversuchen erschöpfen. Was es jetzt braucht, sind fundamentale und wirksame Strukturveränderungen, statt den Druck auf arme Menschen weiter zu erhöhen. Das Rentensystem muss so umgestaltet werden, dass das Einkommen im Alter ein Leben in Würde garantiert.