UN-Generalsekretär im Zeitalter der Kriege: Guterres tritt ab – mit fast leeren Händen
Es war einer der letzten Auftritte des António Guterres auf der großen internationalen Bühne. Der Generalsekretär der krisengeschüttelten Vereinten Nationen ermahnte am Dienstag in der Generaldebatte die Staatenlenker wie US-Präsident Donald Trump zur Achtung der UN‑Charta. Sie schreibt sowohl die Achtung der Menschenrechte und des Völkerrechts als auch das Bekenntnis zur internationalen Zusammenarbeit fest.
Eine Portion Pathos
Am Ende seiner Rede in New York versicherte Guterres mit einer Portion Pathos, dass er sich auch nach dem Ende seiner Zeit bei den Vereinten Nationen für den Frieden stark machen werde: „Wo auch immer ich sein werde, was auch immer ich tun werde.“
Ende 2026 tritt Guterres ab. Wie fällt nach knapp zehn Jahren im New Yorker UN-Hauptquartier die Bilanz des 77-Jährigen aus? Wie wird sich die Weltorganisation an ihn erinnern?
Der weltweit unmöglichste Job
Als UN-Chef besitzt Guterres keine Macht über die 193 Mitgliedsstaaten. Er sollte die Großmächte USA, Russland und China im Weltsicherheitsrat nicht verprellen. Seine stärksten Waffen sind das Wort und die Kunst des Vermittelns. Der UN-Generalsekretär hat, so klagte bereits der erste Amtsinhaber Trygve Lie, den „unmöglichsten Job“ der Welt.
Guterres selbst bringt seine Arbeit als UN-Topdiplomat so auf einen Nenner: „Ich gebe mein Bestes, um denjenigen, denen ich dienen soll, der internationalen Gemeinschaft und den Menschen auf der ganzen Welt, insbesondere den Schwächsten, so gut wie möglich zu helfen.“
Zugleich macht der frühere sozialistische Ministerpräsident Portugals klar, dass in einer Welt, in der mehr und mehr das Recht des Stärkeren gilt, der Spielraum für die UN schrumpft: „Das Problem ist, dass die Art und Weise, wie Macht in unserer Welt verteilt und ausgeübt wird, es multilateralen Institutionen nicht ermöglicht, wirksam zu handeln.“
Insgesamt stellen Beobachter dem neunten Generalsekretär ein Zeugnis mit Licht und Schatten aus. Der US-amerikanische Publizist Stephen Schlesinger urteilt nüchtern: Guterres habe „der Organisation keinen ernsthaften Schaden zugefügt und hat sie in der Regel auf Kurs gehalten“.
Der Direktor bei der Denkfabrik International Crisis Group, Richard Gowan, sagt, dass in der Amtszeit des gläubigen Katholiken Guterres viel Unheil über die Welt hereinbrach: „Letztlich hatte er auch sehr viel Pech.“
Rivalität der Großmächte
Das kann man so sehen. Denn es kam in den vergangenen Jahren viel zusammen: die Rivalität der Großmächte, die Lähmung des UN-Sicherheitsrats, das Aufweichen der regelbasierten internationalen Ordnung. Dazu immer neue Kriege wie in der Ukraine oder der US-israelische Angriff auf den Iran, Wettrüsten, Covid-19 und der eskalierende Klimawandel.

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All das ließ den Generalsekretär oft hilflos zurück. Zu allem Überfluss musste sich der Mann aus Lissabon mit dem feindseligsten US-Präsidenten seit UN-Gründung herumschlagen: Donald Trump.
Gerade beim vorrangigsten Ziel der Vereinten Nationen, der Wahrung der Sicherheit und des Friedens, konnte Guterres nahezu nichts liefern.
Guterres’ Passivität
Experte Gowan fasst das so zusammen: „Guterres hat in einer Zeit, in der die Zahl der Kriege zunimmt, keine wesentliche Rolle bei der Friedensstiftung gespielt.“ Der Generalsekretär habe sich sogar vor einem intensiven Engagement in Konflikten wie Haiti und dem Sudan gescheut, in denen die UN eine größere Rolle hätten spielen können. Guterres’ Passivität sei für viele Diplomaten „frustrierend“.
Fachmann Schlesinger sieht den größten Fehler Guterres‘ in seiner abwartenden Haltung, bevor Russland am 24. Februar 2022 die Ukraine großflächig angriff.
Dieser hätte in den kritischen ersten Wochen nach Moskau und Kyjiw fliegen sollen, „um direkt mit Präsident Wladimir Putin und Präsident Wolodymyr Selenskyj über ein Abkommen zu sprechen“, sagt Schlesinger. „Frühere Generalsekretäre wie Dag Hammarskjöld und Kofi Annan hätten sicherlich proaktiv eingegriffen und mit den Gegnern gesprochen, um einen Angriff zu verhindern.“
Guterres hat der Organisation keinen ernsthaften Schaden zugefügt.
Stephen Schlesinger, US-Publizist
Guterres hingegen beobachtete die Zuspitzung der Krise aus der Ferne. Immerhin verurteilte er Putins Aggression und trug zum Zustandekommen der Schwarzmeer-Getreide-Initiative bei. Diese ermöglichte es der angegriffenen Ukraine, Millionen Tonnen Agrargüter ungehindert auf dem Seeweg zu exportieren.
In Israel unerwünscht
Während des Gaza-Krieges zwischen der Terrorgruppe Hamas und Israel stand Guterres abseits. Dazu trugen seine Äußerungen bei. „Es ist auch wichtig zu erkennen, dass die Angriffe der Hamas nicht im luftleeren Raum stattgefunden haben“, sagte der UN-Chef mit Blick auf das Massaker vom 7. Oktober 2023 in Israel.
Obwohl Guterres auch den Überfall der Islamisten anprangerte, reagierte Israels Regierung brüsk. Sie verlangte den Rücktritt des Generalsekretärs und erklärte ihn zur unerwünschten Person. Bis heute ist das Verhältnis zwischen dem jüdischen Staat und Guterres vergiftet. Die UN können im Nahostkonflikt nichts ausrichten.
Es ist auch wichtig zu erkennen, dass die Angriffe der Hamas nicht im luftleeren Raum stattgefunden haben.
António Guterres, UN-Generalsekretär
Auf eine andere Herausforderung reagierte Guterres hingegen mit Geschick: Im Januar 2017, als Guterres UN-Generalsekretär wurde, stieg Trump zum Präsidenten der USA auf. In den vier Jahren darauf ertrug Guterres Trumps Konfrontationspolitik. Im Gegenzug vermied der Portugiese kritische Worte über Trump.

© dpa/Kay Nietfeld
In seiner zweiten Amtszeit verschärfte der US-Präsident den Ton und überschüttete die Vereinten Nationen mit größtenteils absurden Vorwürfen. Noch in seiner Rede in der Generaldebatte am Dienstag beschuldigte Trump die UN: „Mit ihrer unaufhörlichen Förderung der Massenmigration zerstören diese Globalisten aktiv die großartigsten Kulturen und das außergewöhnlichste kulturelle Erbe der Geschichte.“
Zudem verließen die USA reihenweise UN‑Institutionen – und drehten den Geldhahn zu. Nach Berechnungen der Plattform Passblue schuldet Washington der Weltorganisation 4,2 Milliarden US‑Dollar.
4,2
Milliarden US-Dollar schulden die USA der Weltorganisation.
Guterres legte daraufhin das Reformprogramm „UN80“ auf, durch das etliche Angestellte der Organisation ihre gut dotierten Jobs verloren.
Experte Gowan fasst die Wirkung der „schmerzhaften“ Einschnitte so zusammen: Guterres’ größte Leistung bestehe darin, die UN „vor dem Bankrott“ bewahrt zu haben.