Erstmals in Europa: Unberechenbare Brände durch „Feuerwolke“


Erstmals in Europa

Die Einsatzkräfte in Frankreich, Spanien und Italien kämpfen weiter gegen die schwere Feuerkatastrophe, die bisher ungeahnte Ausmaße angenommen hat. Vor allem in Frankreich bestätigten Fachleute nun erstmals das Auftreten von „Feuerwolken“ (Pyrocumulonimbus). Dabei handelt es sich um einen riesigen Wolkensturm, der eigene Winde erzeugt und Blitze mit sich bringt: ein Phänomen, das man bisher nur aus Australien und den USA kannte.

Online seit gestern, 17.29 Uhr

(Update: gestern, 19.24 Uhr)

Mehr als 300.000 Menschen sind in Summe derzeit in West- und Südeuropa auf der Flucht vor den Flammen. Im Südwesten Frankreichs hatten sich am Sonntag die Feuer bis 15 Kilometer an die Grenzen des Großraums der Stadt Bordeaux ausgebreitet. Die ganze Nacht auf Montag kämpften die Einsatzkräfte gegen das Flammenmeer. „Das ist ein so großer Brand, wie man ihn noch nie gesehen hat“, sagte der Bürgermeister des Vororts Cestas, Jerome Steffe.

Aus dem Gebiet mussten bereits Tausende Menschen in Sicherheit gebracht werden, darunter zahlreiche Touristinnen und Touristen. Nach Angaben der Feuerwehr hatte der Brand zeitweise einen Pyrocumulonimbus erzeugt, eine gewaltige Rauchwolke, die ihre eigenen Winde erzeugen kann und Feuer besonders unberechenbar macht.

Unvorhersehbare Brandmuster

Damit Pyrocumulonimben entstehen, muss es enorme Hitzequellen auf dem Boden geben, wie das etwa bei Waldbränden der Fall ist. Zudem gibt es darüber in der Atmosphäre eine instabile Luftschichtung, wie die ORF-Wetterredaktion erklärt. Dann steigt Luft auf, und Wolken bilden sich, je nach Feuchtigkeitsverhältnissen auch Niederschlag und Gewitter.

Diese Wolken reichen bis in den Grenzbereich von Troposphäre und Stratosphäre, im Sommer bis etwa 16 Kilometer Höhe. Somit können sie den Rauch von Bränden bis in die Stratosphäre führen, dieser Rauch kann sich dort weit um den Globus ausbreiten. Durch stärkere Windböen kann es zu unvorhersehbaren Brandmustern kommen.

Sorge vor kommenden Tagen

In Australien traten Pyrocumulonimbus-Wolken bereits zu Beginn des Jahrhunderts auf. Auch bei den verheerenden Waldbränden in Kalifornien im Jahr 2022 bildeten sie sich. In Europa aber dürften sie ein Novum sein.

„Es ist das erste Mal, dass Frankreich sich explizit mit dem Konzept einer Pyrocumulonimbus-Wolke auseinandersetzen muss“, sagte Rick McRae von der University of New South Wales gegenüber dem „Guardian“. „Ob es vor einigen Tagen eine gab oder nicht, ist nicht die entscheidende Frage“, sagte er, „sondern ob am Dienstag oder Mittwoch dieser Woche eine zu erwarten ist.“ Denn dann dürften die Temperaturen erneut rund 40 Grad betragen.

Verbrannte Häuser in Le Porge, Gironde
Im Departement Gironde verbrannten Tausende Hektar Land

In Frankreich mussten sich in den vergangenen Tagen insgesamt 220.000 Menschen in Sicherheit bringen. Allein im Departement Gironde verbrannten 42.000 Hektar Land. Montagfrüh wurde die Lage zumindest als stabil eingeschätzt.

Streit über fehlende Löschflugzeuge

Wegen der gefährlichen Lage nahe Bordeaux berief Präsident Emmanuel Macron eine Krisensitzung des Kabinetts ein. Zuvor hatte der Präsident angekündigt, man werde alles wiederaufbauen, und seine Regierung werde so lange wie nötig da sein. Macron steht viel Kritik ins Haus. Nach einem verheerenden Großbrand bei Bordeaux im Jahr 2022 hatte er 16 neue Löschflugzeuge vom Typ Canadair vor Ende seiner Amtszeit versprochen.

Frankreich kämpft gegen schwere Waldbrände

Frankreich kämpft weiter gegen die schwersten Waldbrände seit Jahren. Rund um die Großstadt Bordeaux wurden inzwischen mehr als 220.000 Menschen in Sicherheit gebracht. Tausende Einsatzkräfte kämpfen gegen ein Feuer, das selbst erfahrene Feuerwehrleute als beispiellos bezeichnen.

Angesichts leerer Staatskassen wurden jedoch 2024 die Gelder für die Anschaffung gestrichen. Nun wird es bis 2033 vier Flugzeuge geben, zwei davon durch EU-Gelder finanziert, wie „Le Monde“ am Montag berichtete. Frankreich verfügt bereits über zwölf Canadair-Flugzeuge, von denen aber nur sieben einsatzfähig seien. Die Opposition warf Macron eine fatale Sparpolitik vor.

„Notstand von nationaler Tragweite“ in Spanien

Auch in Spanien wüten die Brände weiter. Die Regierung von Ministerpräsident Pedro Sanchez rief am Wochenende im Großraum Madrid und in Avila einen „Notstand von nationaler Tragweite“ aus. Laut dem öffentlich-rechtlichen Sender RTVE ist es das erste Mal in Spanien, dass das wegen Waldbränden geschieht.

Wegen der beispiellosen Brände in der Umgebung der Hauptstadt sowie nahe Valencia im Osten des Landes mussten insgesamt 75.000 Menschen in Sicherheit gebracht werden.

Fortschritte nahe Madrid

In der Nähe von Madrid zeichneten sich am Montag erste Fortschritte bei der Brandbekämpfung ab: Bald sollten die ersten Menschen zurückkehren können, hieß es. Die Rettungskräfte rechneten im Laufe des Tages jedoch mit Windböen von bis zu 30 km/h, was die Löscharbeiten erschweren werde.

Innenminister Fernando Grande-Marlaska warnte vor verfrühtem Optimismus. Allein das Feuer in der Provinz Avila sei der größte Waldbrand der jüngeren Geschichte Spaniens. Montag und Dienstag seien „absolut entscheidende“ Tage. Ab Mittwoch würden die Wettervorhersagen für die Brandbekämpfung „äußerst ungünstig“.

Verdacht auf Brandstiftung in Süditalien

Auch in Süditalien halten mehrere Waldbrände die Einsatzkräfte in Atem. Ein schwerer Waldbrand brach am Sonntag in der Gegend der Urlaubsorte Peschici und Vieste in der Adria-Region Apulien aus. Angefacht durch starken Südwind breiteten sich die Flammen rasch in Pinienwäldern aus und näherten sich den Stränden sowie touristischen Einrichtungen.

Rund 200 Badegäste wurden mit Booten der Küstenwache und Ausflugsschiffen über den Seeweg in Sicherheit gebracht. Insgesamt mussten mehr als 1.000 Menschen vor den Flammen fliehen. Laut den Behörden gibt es deutliche Hinweise auf Brandstiftung. Das Feuer sei an mehreren Stellen gleichzeitig gelegt worden.

Feuerwehr löscht einen Waldbrand bei San Martin de Valdeiglesias, Madrid
In Spanien gab es leichte Fortschritte bei den Löscharbeiten

Feuer in Nationalpark

Auf Sardinien musste wegen eines sich rasch ausbreitenden Feuers ein Altersheim evakuiert werden. Ein weiterer Waldbrand bedroht die Umgebung der Gemeinde Portoscuso im Südwesten Sardiniens. Im Pollino-Nationalpark in Kalabrien wütet zudem seit mehr als zwei Tagen ein Großbrand, wie die Feuerwehr berichtete. Das Feuer hat schwer zugängliches Berggelände mit dichter Vegetation und hohem Baumbestand erfasst.

Waldbrände auch in Portugal

Auch in Portugal sind unterdessen mehrere Waldbrände ausgebrochen. Mehr als tausend Einsatzkräfte kämpften am Montagnachmittag gegen die Flammen in Buschlandschaften im Zentrum und im Norden des Landes, wie die Behörden mitteilten. Rund zwanzig Löschflugzeuge und Hubschrauber waren im Einsatz.

Fast im gesamten Land gilt wegen der hohen Temperaturen die maximale oder eine sehr hohe Brandgefahr. Einzig an den Küsten ist das Risiko nach Angaben des Wetterdienstes etwas geringer.

Fachleute: Klimawandel erhöht Waldbrandrisiko

Fachleuten zufolge erhöhen die durch den menschengemachten Klimawandel häufigeren und intensiveren Hitzewellen das Risiko von Waldbränden. Dürre und außergewöhnliche Hitze hatten die Vegetation in weiten Teilen Südeuropas stark ausgetrocknet und erschwerten die Löscharbeiten.