Ungarn wird zur Schlüsselfabrik – Mercedes-Produktion
Stand: 13.07.2026, 17:06 Uhr

In Ungarn startet die Produktion der elektrischen Mercedes C-Klasse. Die Schwaben investierten eine Milliarde Euro in Kecskemét und ordnen gleichzeitig ihr europäisches Produktionsnetz neu.
SP-X/Kecskemét. Wer beim Anflug nach Budapest rechts aus dem Fenster schaut, sieht sofort den großen BYD-Schriftzug auf der Fassade eines mehrstöckigen Gebäudes neben der Landebahn. Ein cleverer Werbeschachzug der Chinesen. Denn obwohl der chinesische Autobauer dort seine Europa-Produktion gerade erst hochfährt, ist Mercedes der echte Platzhirsch in Ungarn.
Zu erkennen ist das rund eine Autostunde südöstlich des Flughafens. Rund um Kecskemét prägt Mercedes seit fast zwei Jahrzehnten die Region. Jetzt hat der Stuttgarter Hersteller seine Präsenz noch einmal deutlich ausgebaut. Mit einer Investition von rund einer Milliarde Euro verdoppelt Mercedes die Werksfläche von 200 auf 440 Hektar. Voll ausgelastet, können 400.000 Autos pro Jahr die Werkstore verlassen. Damit wird Kecskemét zum größten Automobilstandort Ungarns und laut Produktionsvorstand Michael Schiebe zum zweitgrößten Mercedes-Werk des Konzerns weltweit. Nicht so groß wie Beijing, aber größer als der traditionsreiche Standort Sindelfingen.
Die Erweiterung umfasst zwei neue Hallen für Karosseriebau und Montage, ein zweites Presswerk, eine neue Lackiererei sowie eine 180 mal 360 Meter große Halle, in der Batterien montiert werden. In Ungarn wird künftig die neue elektrische C-Klasse vom Band laufen. Mit ihr elektrifiziert Mercedes erstmals eine seiner wichtigsten Volumenbaureihen. Und sie wird die leistungsstärkste und sportlichste C-Klasse der Modellgeschichte. Trotzdem bleibt das aktuelle Mittelklassemodell als Kombi und Limousine sowie mit Benzin-, Diesel- und Hybridantrieben weiterhin im Programm.
Im älteren Werksteil von Kecskemét werden weiter vor allem die kompakteren Marke produziert. Hier entstehen weiterhin CLA, CLA Shooting Brake und GLB, während die A-Klasse ihrem Produktionsende entgegengeht. Allerdings verschiebt Mercedes den Schwerpunkt deutlich nach oben. Denn auch die Produktion des elektrische GLC ist in Ungarn geplant, zusätzlich zum Werk Bremen. Flexibel, wie Produktionsvorstand Michael Schiebe betont. Steigt beim GLC die Nachfrage nach Verbrennern, gibt man in Bremen Gas und verlegt eben einen Teil der Elektro-Kapazitäten nach Ungarn. Außerdem kündigte Ola Källenius bei der Eröffnung an, dass auch eine kleinere G-Klasse künftig aus Kecskemét kommt.
Flexibilität, dieser Begriff fällt immer wieder am Tag der Eröffnung. „Transformation gelingt nicht mit einem starren Plan für nur eine Zukunft. Sie gelingt, wenn wir beweglich bleiben", sagte Vorstandschef Ola Källenius. Künftig sollen alle Werke enger zusammenarbeiten und Fahrzeuge dort bauen, wo Nachfrage, Auslastung und Kosten am besten zusammenpassen. So entstehen im besten Fall flexible Produktionsverbünde zwischen deutschen und ausländischen Standorten. Für Produktionsvorstand Michael Schiebe ist das ausdrücklich kein Wettbewerb zwischen Bremen, Sindelfingen oder Kecskemét. Im Gegenteil: Das ungarische Werk stärke das gesamte Produktionsnetzes und mache Mercedes widerstandsfähiger gegen die schwankende Nachfrage auf den Weltmärkten. „Wir bekennen uns zum Standort Deutschland", betonte Schiebe. Die 70 Prozent geringeren Produktionskosten in Ungarn seien kein Selbstzweck, sondern trügen dazu bei, die durchschnittlichen Fertigungskosten des Konzerns zu senken und damit langfristig auch Arbeitsplätze in Deutschland zu sichern.
Trotzdem gehört Ungarn zu den großen Gewinnern im europäischen Automobilmarkt. Audi, Mercedes und Suzuki sind schon lange vor Ort, die chinesische Marke BYD hat eben erst ihr Werk eröffnet, und auch BMW ist mittlerweile mit einer neuen Fertigung präsent. Mit der Milliardeninvestition von Mercedes verbindet Ungarns Ministerpräsident Péter Magyar mehr als zusätzliche Arbeitsplätze. Ziel sei vielmehr, dass ungarische Unternehmen „auf möglichst hohem Niveau Teil dieser Wertschöpfungsketten werden", sagte der Regierungschef bei der Eröffnung in Kecskemét. Gleichzeitig kündigte er weitere Investitionen in Digitalisierung, Automatisierung und Künstliche Intelligenz an, um heimische Zulieferer stärker in die Wertschöpfung der Autoindustrie einzubinden.
Dieser Artikel entstand in Kooperation mit SPS Spot Press Services.