Unser guter Wein – jetzt als Desinfektionsmittel


Stand: 18.08.2026, 13:59 Uhr

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Die Keller sind voll, der Durst schrumpft. Nun zahlt die EU dafür, Millionen Liter deutschen Wein aus dem Markt zu nehmen.

Erst Dornfelder, dann Desinfektionsmittel: Bis zu 24 Millionen Liter deutscher Rot- und Roséwein könnten demnächst zu Industriealkohol werden. Die EU stellt für die Krisendestillation in Rheinhessen und Württemberg 14,16 Millionen Euro bereit. Der ungewöhnliche Eingriff zeigt, wie tief die deutsche Weinwirtschaft in der Absatzkrise steckt: Die Keller sind voll, Rotwein findet immer schwerer Käufer – und die nächste Traubenlese beginnt.

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Dieser Artikel entstand in Kooperation mit Markt und Mittelstand.

Was eigentlich ins Weinglas gehört, kann damit künftig im Desinfektions- oder Reinigungsmittel oder bei der Energiegewinnung landen. Die Krisendestillation ist eine Notmaßnahme für einen Weinmarkt, bei dem Angebot und Nachfrage zunehmend auseinanderdriften.

Rebsorte Dornfelder

Eine junge Frau erntet in einem Weinberg rote Trauben der Rebsorte Dornfelder. © Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Zu viel Wein trifft auf weniger Durst

Das Problem begleitet die Branche seit Jahren: In Deutschland und anderen europäischen Ländern wird weniger Wein getrunken. Gleichzeitig drängen große Mengen aus heimischer und ausländischer Produktion auf den Markt.

Als Gründe gelten veränderte Konsumgewohnheiten, ein wachsendes Gesundheitsbewusstsein, die Inflation, eine alternde Gesellschaft und der stärkere Preisfokus vieler Verbraucher. Vor allem jüngere Menschen trinken weniger Alkohol. Nach Angaben des Önologen Dominik Durner vom Weincampus Neustadt stammen inzwischen nur noch rund 42,5 Prozent des in Deutschland konsumierten Weins aus heimischer Produktion.

Besonders schwer hat es der Rotwein. Fassweine – darunter vielfach Dornfelder – finden kaum noch Abnehmer und blockieren wertvolle Lagerkapazitäten. Für Württemberg ist das besonders bitter: Rund 65 Prozent der dort angebauten Rebsorten sind rote Sorten. Doch auch in Rheinhessen, dem größten deutschen Weinbaugebiet, sitzen zahlreiche Betriebe auf Beständen, die partout nicht aus den Kellern hinauswollen.

32 Millionen Flaschen suchen einen anderen Lebenszweck

Für die Krisendestillation stehen insgesamt 14,16 Millionen Euro aus der EU-Agrarreserve bereit. Rechnerisch können damit rund 24 Millionen Liter Wein vom Markt genommen werden. Das entspricht etwa 32 Millionen Flaschen à 0,75 Liter – nur dass diese Flaschen diesmal nicht beim Abendessen, sondern gedanklich im Industriekanister enden.

Gefördert werden ausschließlich Rot- und Roséweine mit geschützter Ursprungsbezeichnung aus Rheinhessen und Württemberg. Zugelassen sind Weine des Jahrgangs 2025 und älter.

Die Förderung setzt sich aus zwei Beträgen zusammen:

Damit werden insgesamt bis zu 59 Cent pro Liter gewährt. Zum Vergleich: Branchenvertreter beziffern die durchschnittlichen Produktionskosten auf rund 1,20 Euro je Liter. Ein glänzendes Geschäft sieht anders aus. Für die Winzer ist die Krisendestillation deshalb kein lukrativer Nebenverdienst, sondern ein Notventil: Der schwer verkäufliche Wein bringt wenigstens noch einen kleinen Erlös – und macht Platz für die kommende Ernte.

Wichtig ist die Reihenfolge: Erst muss der Förderantrag bewilligt sein, dann darf destilliert werden. Wer schon vorher Tatsachen im Brennkessel schafft, geht bei der Förderung leer aus.

10,3 Millionen Euro für Rheinhessen: Jetzt beginnt das Rennen um die Förderung

Das rheinland-pfälzische Weinbauministerium hat bereits ein Merkblatt zu Voraussetzungen und Verfahren veröffentlicht. Die eigentlichen Antragsunterlagen sollen in Kürze folgen.

„Mit der Krisendestillation schaffen wir kurzfristig Entlastung für das Anbaugebiet Rheinhessen“, erklärte Landwirtschafts- und Weinbauministerin Christine Schneider. Schneider hatte sich nach entsprechenden Signalen aus der rheinhessischen Weinbranche für die Beantragung der EU-Mittel starkgemacht. Rheinland-Pfalz stehen nun 10,325 Millionen Euro zur Entlastung des Weinmarktes zur Verfügung.

Der Zeitplan:

Verfahrensschritt Termin Antragstellung 15. September bis 15. Oktober 2026 Bewilligungsbescheide spätestens 30. November 2026 Destillation und Einreichung der Nachweise spätestens 1. März 2027 Auszahlung der Unterstützung spätestens 31. Mai 2027

Die Anträge werden nach dem Windhundprinzip bearbeitet: Wer zuerst kommt, wird zuerst berücksichtigt. Zuständige Bewilligungsbehörde ist das Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum Mosel in Bernkastel-Kues. „Wir haben das Verfahren so einfach gestaltet, wie es die rechtlichen Vorgaben zulassen, und wollen allen interessierten Betrieben die Möglichkeit geben, sich frühzeitig auf die Antragstellung vorzubereiten“, so Schneider.

Vom Spätburgunder zum Scheibenreiniger?

Ganz so direkt verläuft die Karriere vom Weinkeller zum Putzschrank natürlich nicht. Fest steht aber: Der bei der Destillation gewonnene Alkohol darf ausschließlich industriell verwendet werden – beispielsweise für Desinfektions- und Reinigungsmittel oder zur energetischen Nutzung.

In Getränken oder anderen Lebensmitteln hat er nichts mehr zu suchen. Diese Einschränkung soll verhindern, dass öffentlich geförderter Alkohol anschließend mit regulär produziertem Trinkalkohol konkurriert und gleich die nächste Marktverwerfung verursacht. Der Wein darf also beim Händedesinfizieren helfen, aber nicht heimlich als Likör wiederauferstehen.

Frankreich destilliert eine Nummer größer

Deutschland ist mit seinen überfüllten Weinkellern nicht allein. Auch Frankreich nutzt die von der EU genehmigte Krisendestillation – allerdings im deutlich größeren Stil.

In einer zweiten Antragsrunde gingen dort mehr als 2.000 Anträge für rund 77 Millionen Liter Rotwein ein. Die EU stellt Frankreich dafür 40 Millionen Euro aus ihrer Agrarreserve zur Verfügung. Das ist fast das Dreifache der deutschen Fördersumme.

Die Zahlen zeigen: Hier handelt es sich nicht bloß um eine vorübergehende deutsche Absatzdelle. Der europäische Weinmarkt befindet sich in einem strukturellen Wandel. Besonders betroffen sind Regionen mit einem hohen Rotweinanteil, deren Rebsortenspiegel sich nicht mal eben so schnell ändern lässt wie die Getränkekarte einer Bar.

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24 Millionen Liter weniger – das eigentliche Problem bleibt

Die Krisendestillation kann Keller räumen, den Preisverfall bremsen und den Betrieben kurzfristig Luft verschaffen. Das grundlegende Problem löst sie nicht. Wenn dauerhaft weniger Wein getrunken wird, müssen Angebot und Nachfrage langfristig wieder zueinanderfinden.

In der Branche werden deshalb weitergehende Maßnahmen diskutiert: ein Stopp bei der Ausweitung der Rebflächen, geförderte Rodungsprogramme und sogenannte Rotationsbrachen. Dabei könnten Weinberge zeitweise aus der Produktion genommen und begrünt werden, ohne dass die Betriebe sofort ihre Pflanzrechte verlieren.

Auch neue Produkte sollen helfen. Entalkoholisierter Wein ist bislang zwar nur ein kleines Marktsegment, wächst aber deutlich. Fachleute fordern außerdem stärkere Exportbemühungen und eine bessere Vermarktung deutscher Weine im Inland.

Für die betroffenen Winzer in Rheinhessen und Württemberg bleibt die Krisendestillation eine bittere Hilfe. Sie kann größere Verluste verhindern und Platz für den nächsten Jahrgang schaffen. Gleichzeitig zeigt sie drastisch, wie tief die Krise reicht: Wein, der mit viel Arbeit und erheblichem Aufwand erzeugt wurde, findet keinen Käufer mehr. Unser guter Wein landet deshalb nicht im Glas – sondern macht künftig womöglich dort sauber, wo früher mit ihm angestoßen wurde.

Für Unternehmer reicht die Bedeutung der Weinkrise weit über den Weinbau hinaus. Sie zeigt, was passiert, wenn sich Konsumgewohnheiten schneller verändern als Produktionsstrukturen. Rebflächen, Rebsorten und Kellerkapazitäten lassen sich nicht binnen Monaten an eine sinkende Nachfrage anpassen. Aus einem Absatzproblem wird so ein Kapitalproblem: Lager binden Geld, Preise fallen und staatliche Hilfe kauft vor allem Zeit. Genau diese Gefahr droht auch anderen Branchen, wenn Kapazitäten schneller wachsen als der Markt.