Vage Hoffnung auf Investor für Lenzing-Werk Heiligenkreuz
Am 2. Juli 1997 lief der erste 300 Kilo schwere Ballen der Lyocellfaser in Heiligenkreuz aus der Presse, Ende des Jahres könnte der letzte Ballen das Lenzing-Werk im Südburgenland verlassen. Seit der börsennotierte Faserhersteller Lenzing mit Hauptsitz in Oberösterreich am Montagabend bekannt gegeben hat, dass die Faserproduktion in Heiligenkreuz Ende 2026 ausläuft, ist die Betroffenheit in der Region groß.
Wird bis dahin kein Käufer gefunden, wird das Werk geschlossen, und 320 Mitarbeiter verlieren den Job.
„Wir können es immer noch nicht richtig glauben“, sagt Betriebsratsvorsitzender Philipp Perl am Dienstag zum KURIER. Dass es Änderungen geben werde, sei absehbar gewesen, aber für eine Schließung habe es „keinerlei Anzeichen gegeben“, zumal der Standort schwarze Zahlen schreibe. Perl, der aus dem Bezirk Jennersdorf kommt und seit 14 Jahren im Betrieb ist, versucht am Dienstag, die Mitarbeiter zu beruhigen.
Dass die Hiobsbotschaft von der Konzernspitze in OÖ per Aussendung übermittelt wurde, empört die Belegschaft im südlichen Burgenland. Lyocell-Geschäftsführer Bernd Zauner indes hat sich am Dienstag der Belegschaft gestellt, erzählt der Betriebsratschef. Man werde „weiterarbeiten, als wäre nichts gewesen“, um sich für einen Investor zu empfehlen. Perl: „Das ist unser Plan A.“ Wobei auch ihm derzeit noch die Fantasie fehlt, wer das Werk übernehmen und in gewohnter Form weiterführen könnte.

"Werk in Heiligenkreuz schreibt ein Plus", sagt Betriebsratsvorsitzender Philipp Perl.
Größtes EU-Ziel-1-Projekt
Auch für die Gemeinde Heiligenkreuz wäre die Schließung eine bittere Pille, wie Bürgermeister Eduard Zach (SPÖ) einräumt: „Damit verlieren wir rund 500.000 Euro an jährlichen Einnahmen aus der Kommunalsteuer.“
Fürs Südburgenland ist der Lyocell-Standort, an dem jährlich über 80.000 Tonnen der aus Holz gewonnenen Faser produziert werden, nicht bloß irgendeine Firma, sondern das Symbol der EU-Ziel-1-Förderungen, die ab 1995 ins Burgenland geflossen sind. Die Lenzing Lyocell „war Empfänger des Großprojekts mit der höchsten Fördersumme (EU und national) im gesamten Ziel-1-Burgenland-Programm“, heißt es in einer Wifo-Studie vom Oktober 2025. Bei förderbaren Investitionen von rund 110 Millionen Euro wurden 23,1 Prozent oder 25 Millionen Euro von EU, Bund und Land Burgenland gefördert.
Entsprechend alarmiert reagierte Landeshauptmann Hans Peter Doskozil (SPÖ) auf das drohende Aus. Der Erhalt des Werks und der Arbeitsplätze habe höchste Priorität, betonte er gegenüber dem ORF Burgenland. Die erste Wahl sei ein Investor oder ein strategischer Partner, der den Betrieb langfristig weiterführe. „Sollte sich aber zeigen, dass zur Absicherung des Standorts eine Beteiligung des Landes notwendig ist, dann sind wir bereit, auch diesen Weg zu gehen“, so Doskozil. Man werde alle Optionen prüfen – von einer vorübergehenden Beteiligung des Landes bis hin zur Mehrheitseigentümerschaft.
Neuausrichtung
Der geplante Verkauf des Standorts in Heiligenkreuz ist Teil einer strategischen Neuausrichtung des Unternehmens, die am Montag von Vorstand und Aufsichtsrat abgesegnet wurde. Sie sieht den Umbau des Textilgeschäfts und einen deutlichen Ausbau des Vliesstoffgeschäfts vor.
Auch das Werk im englischen Grimby mit mehr als 225 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern soll der Umstrukturierung zum Opfer fallen. Dort werden ebenfalls Lyocellfasern produziert. Geschlossen werden soll die Produktionsstätte ein Jahr nach dem Werk in Heiligenkreuz, Ende 2027.
Daneben wird auch die Produktion in Indonesien, die erst vor Kurzem umgerüstet und modernisiert wurde, verkauft. Insgesamt soll die Anzahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von derzeit weltweit 7.700 bis Ende 2027 um etwa 2.000 Stellen sinken.
Die Herstellung der Spezialfasern will das Unternehmen auf die Kernproduktionsstandorte verlagern, wie ein Sprecher dem KURIER sagte. Im oberösterreichischen Lenzing werden bestehende Linien umgebaut und modernisiert, der Standort soll profitieren, heißt es. In Thailand und China und am US-Standort in Mobile, Alabama, soll jeweils für lokale Märkte produziert werden.
Für die strategische Neuausrichtung soll es bis zu 600 Millionen Euro an frischem Geld geben. Dazu wurde eine „umfassende Refinanzierungsvereinbarung mit den wesentlichen Kreditgebern“ erreicht. Eine Kapitalerhöhung von bis zu 300 Millionen Euro soll bei einer außerordentlichen Hauptversammlung Ende August von den Aktionären abgesegnet werden. Man wolle das Unternehmen für langfristiges Wachstum in höherwertigen Marktsegmenten positionieren, sagte der seit Ende Mai amtierende Vorstandsvorsitzende Georg Kasperkovitz.
Aktie verliert deutlich
Die Aktien des Faserkonzerns mussten an der Wiener Börse am Dienstag kräftig Federn lassen. Die Papiere verloren zeitweise bis zu 17 Prozent und notierten am späten Nachmittag bei 21,35 Euro.
kurier.at, thor | 28.07.2026, 17:58