Verkehrslawine am Brenner: "Dass was besser wird? Da kannsch' lei beten"
Problemautobahn
Die Blockade der Brennerautobahn sorgte für Aufsehen. Doch was bleibt zu Beginn der Sommerferien von den Protesten? Und wie geht es weiter für die belasteten Gemeinden? Ein Besuch
11. Juli 2026, 19:00
Dass der Tiroler Sommer begonnen hat, beweist nicht nur das Wetter. Vor dem Parkhotel Matrei stehen SUVs aus Deutschland und den Niederlanden. Vor der Mautstelle auf der nahen Autobahn stehen noch mehr – in einer langen Blechkolonne mit schweren Lkw und Urlaubern aus halb Europa. Und im lauschigen Ortskern von Matrei am Brenner, 3500 Einwohner, verzierte Erker auf Pastellfassaden, sagen die Wanderer auf Zwischenstopp jetzt etwas seltener "Griaß di" oder "Wo kemmsch‘ her, aus Wien?"; dafür öfter "Bitte einen Pflaumenkuchen" oder Verschiedenes in gutem Englisch mit nordischem Akzent.
Im Sportcafé beim "Raiffeisen-Sportzentrum" aber ist Matrei so einheimisch wie eh und je. Auf dem Grün zwischen Gaststube und den Pfeilern der Brenner-Autobahn kickt der "SV Matrei und Umgebung". Von den Tennisplätzen dahinter fällt der Blick auf die Hügel mit den großen Einfamilienhäusern. Im Sportcafé hat Lionel Messi gerade einen Elfer verschossen. Dabei liegt Argentinien gegen die ägyptischen Underdogs schon hinten. Auch Maximilian und Joachim blicken jetzt wieder gebannt auf den Fernseher. "Scho‘ der zweite, den er bei der WM vergibt", sagt Maximilian, pensionierter KFZ-Mechaniker, Hobbyfischer, Fußballfan.
Jedes Jahr ein bisschen mehr
Dass er jahrzehntelang in der Autobranche gearbeitet hat, ändert nichts daran, dass er die Autos in der Gegend nicht besonders mag. Schon gar nicht noch mehr davon. "Schilddrüsen-Krebs hamma im Wipptal eh scho' so viel wie nirgends sonsch‘", sagt Maximilian. Und selbst, wenn die alten Diesel zunehmend von der Autobahn verschwinden, E-Autos die Verbrenner ersetzen und die Feinstaubbelastung stetig sinkt: "Der Gummiabrieb von den Reifen bleibt trotzdem", sagt er. "Und auch der macht die Leute krank."
Der Brenner ist eine der am stärksten befahrenen Transitrouten Europas. Bis zu zwölf Millionen Pkw und 2,5 Millionen Lkw brettern pro Jahr über die Autobahn. 40.000 motorisierte Fahrzeuge täglich. Erst Anfang der Woche veröffentlichte die Asfinag die Zahlen für das erste Halbjahr 2026. Im Vergleich zum Vorjahr hat der Verkehr erneut zugenommen. Knapp 5,2 Millionen Pkw passierten von Jänner bis Juni die Hauptmautstelle Schönberg – ein Plus von rund zwei Prozent. Beim Schwerverkehr war der Anstieg sogar noch größer: plus 3,6 Prozent.
"Kilometerlanger Stillstand"
Zuwächse wie diese gibt es am Brenner praktisch jedes Jahr. Auch deshalb war vor wenigen Wochen ordentlich etwas los in Matrei. Auf dem Bahnsteig kamen an diesem einen Tag so viele Menschen an wie sonst in ganzen Wochen nicht. Und auf der Auffahrtsschleife, die von der Wipptaler Gemeinde auf die Brennerautobahn führt, herrschte Volksfeststimmung. Bürgerliche Pensionisten, Öko-affine Studentinnen, ganze Großfamilien enterten zu Fuß die Fahrbahn. Auch die Tiroler Schützen waren da. Nur eines war auf der sonst so viel befahrenen Verkehrsachse an diesem Samstag nicht zu sehen: Autos. Zumindest nicht zwischen 11 und 19 Uhr.
Denn während dieser Stunden des 30. Mai fand die große Brenner-Blockade statt, die zuvor wochenlang für Aufregung gesorgt hatte. Bei deutschen Pfingsturlaubern lagen die Nerven schon vor der Reise nach Italien blank. Autofahrerklubs warnten vor "kilometerlangem Stillstand". Und Politiker von Rom bis Wien und Berlin äußerten sich ob der Großdemo zur starken Reisezeit verärgert.
Deadline bis Dezember
Letztlich gingen die Proteste gegen die Transitbelastung mit rund 4500 Teilnehmerinnen und Teilnehmern und großem Medienecho über die Bühne. Das befürchtete Verkehrschaos blieb aus. Aber so viel internationale Aufmerksamkeit es rund um die Demo gab, so schnell war sie auch wieder verpufft. Und für Urlauber-Kolonnen wie den transnationalen Güterverkehr gilt seit diesem denkwürdigen Samstag wieder "Business as usual". Oder?
"Wir spüren seit der Blockade schon in ganz Tirol eine starke Aufbruchstimmung", sagt Karl Mühlsteiger. Der parteifreie Bürgermeister der kleinen Gemeinde Gries am Brenner war Mastermind und Wortführer der Protestaktion im nahen Matrei. Nun ist er gerüstet für die nächsten Schritte. "Wir schauen uns jetzt einmal an, wie weit die hohe Politik unseren Forderungskatalog umsetzt", sagt er. Die gesetzte Deadline läuft bis Ende Dezember. Schon ab Herbst werde man aber "vorfühlen und anfragen", wie weit es denn mit der Bearbeitung gediehen sei. "Wenn bis Jahresende nichts passiert, ist die nächste Blockade vorprogrammiert", sagt der streitbare Ortschef. "Und zwar ohne Rücksicht darauf, wie stark der Reiseverkehr da gerade sein mag."
Ihren Forderungskatalog hatten Mühlsteiger und seine Mitstreiter – Bürgermeister aus mehreren anderen Gemeinden im Tiroler Wipptal – vor der Demo an Landeshauptmann Anton Mattle (ÖVP) übergeben. Zu ihren Forderungen gehören etwa eine strikte Beibehaltung des Wochenend- und Nachtfahrverbots für Lkw, eine Anhebung der Mauttarife, konsequente Abfahrverbote von der Autobahn und besserer Lärmschutz für die Gemeinden.
Fahren statt Fliegen
Auch an der OMV-Tankstelle in Matrei haben die Autos der Kundschaft im Sommer öfter als sonst ausländische Kennzeichen. Natürlich lebe man hier auch von den Gästen, sagt der Tankwart. Auch wenn die meisten von ihnen nur auf der Durchreise sind. "Für's G'schäft isch' der Brenner guat", sagt er. "Für's Leben da schaut's halt anders aus." Die Autobahn-Blockade im Mai fand er deshalb trotz seiner beruflichen Interessen richtig. Aber wird sie etwas bewirken? "Dass was besser wird? Aber geh', da kannsch' lei beten."
Dass Matrei im "Heiligen Land Tirol" liegt, mag ein motivierender Faktor für derlei Maßnahmen sein. Erlösung von den Qualen des Transitverkehrs bleibt dennoch unwahrscheinlich. Die einst viel zitierte Rollende Landstraße für den Güterverkehr komme wegen fehlender Infrastruktur – wie ausreichend Verladestationen entlang der Transitrouten – kaum in Fahrt, sagt Verkehrsexperte Stephan Tischler von der Uni Innsbruck. Und nach dem neuen Transitrekord im ersten Halbjahr steht die stärkste Reisezeit im Juli und August erst bevor. "Der Irankrieg und steigende Flugpreise haben außerdem bewirkt, dass viele Urlauber heuer per Auto in den Sommerurlaub reisen wollen", sagt Tischler. "Das wird sich auf der Brenner-Route Richtung Italien erwartungsgemäß auswirken."
"Brauchsch' di' nit entschuldigen"
Neue schlechte Nachrichten also für die Tiroler Gemeinden. Doch aufgegeben wird im Wipptal nur ein Brief. Deshalb wird auch Ernst – braune Lederjacke, starke Gestik und Mimik – schnell kämpferisch, sobald er beginnt, über die Transitlawine zu sprechen. Obwohl er eben noch friedlich vor seinem Bier gesessen ist. "Bei Stau auf der Autobahn fahren die Deutschen bei uns durch den Ort", sagt er. "Dann frage ich sie: Was machen Sie hier?" Das Navi habe sie wegen der Kolonne von der Autobahn gelotst, würden sie dann erzählen – und entschuldigen sich. "Brauchsch' di' nit entschuldigen", antworte er dann. "Nur genauso im Stau warten wie wir selber, wenn wir zum Einkaufen nach Steinach fahren."
Ernst ist 71 Jahre alt, pensionierter Lokführer und passionierter Jäger. Seine Familie wohnt schon seit Generationen in Matrei. Und dass Massen deutscher Urlauber auf der Durchreise die Infrastruktur nutzen, während die Einheimischen auf den Kosten und Belastungen sitzen bleiben, sieht er nicht ein. "Das ist unsere Straße, wir haben sie mit unserem Steuergeld bezahlt." Die Grenzen des Erträglichen habe das Verkehrsaufkommen auf der Autobahn längst überschritten. Das Einzige, was gegen die Blechkolonnen helfen würde, wäre ein Anheben der Brenner-Maut in lichte Höhen, sagt er. Aber das wüsste die Südtiroler Frächter-Lobby ebenso zu verhindern wie die italienische Regierung.
Womöglich bleibt also wirklich nur noch das Beten, um das Wipptal von der quälenden Transitlawine zu erlösen. Schön wär's, finden die meisten in Matrei. Doch bis heute steht auf dem Erker neben dem "Café La Toscana" ein Spruch, den sich ein Bürger von Matrei einst in Zierschrift auf sein Haus pinseln ließ: "O wäre auch was schön ist wahr, wie wär‘ die Welt erst wunderbar." (Martin Tschiderer, 11.7.2026)