„Vielversprechend“: Was für finnische Kita-Kinder immer normaler wird, wirkt sich auf ihre Immunsystem aus
„Vielversprechendes“ Konzept an finnischen Kitas soll das Immunsystem der Kinder verbessern
Stand: 01.09.2026, 23:41 Uhr
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Für Studienzwecke wurden Kitas in Finnland mit mehr Naturboden bestückt. Die Veränderung zeigte erste Hinweise auf Auswirkungen für das Immunsystem.
Frankfurt – „Dreck reinigt den Magen“, rufen Großeltern über den Spielplatz, wenn der kleine Enkel sich nach dem Sandkuchenbacken die Finger in den Mund steckt. Dass Schmutz den Magen nicht grundsätzlich säubert, wurde bereits entmystifiziert. Ob der Kontakt zur Natur und ihren Mikroorganismen in der Frühentwicklung von Kindern positiven Einfluss haben kann, untersuchen inzwischen auch Projekte aus Finnland und Deutschland.

Im Rahmen einer zweijährigen Interventionsstudie wurden sechs finnische Kitas mit zusätzlichem Waldboden, Naturrasen, Torfblöcken und Pflanzenkästen ausgestattet. Zu Beginn der Studie stellten die Erziehenden in der Betreuung sicher, dass die 61 Kita-Kinder zwischen drei und fünf Jahren täglich mehrere Stunden mit den Naturmaterialien in Kontakt kamen. Danach verblieben die Materialien zwar auf den Höfen, die Kinder wurden jedoch nicht mehr aktiv zum Kontakt damit angeleitet. Weitere 28 Kinder blieben als Kontrollgruppe in ihren städtischen Einrichtungen mit typischen Spielplätzen und eher geringem Zugang zur natürlichen Artenvielfalt.
Studie liefert Hinweise auf Einfluss von Mikroorganismen aus der Natur auf das kindliche Immunsystem
Nach dem ersten Jahr und zum Abschluss der Studie nach zwei Jahren entnahmen die Forschenden Proben. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie 2021 im Fachmagazin Environment International. Diese zeigten, dass Kinder, die täglich auf den naturnahen Spielplätzen spielten, eine vielfältigere und günstigere Mikrobengemeinschaft auf der Haut entwickelt hatten. Bei ihnen fanden sich weniger Keime, die Infektionen oder Entzündungen auslösen können – etwa bestimmte Streptokokken und Haemophilus-Bakterien.
Auch im Speichel und Darm veränderte sich die Bakterienzusammensetzung: Keime, die mit chronischen Entzündungen in Verbindung stehen, gingen zurück. Die Forschenden vermuten, dass der tägliche Kontakt mit Waldboden und Pflanzen das Immunsystem trainiert, ähnlich wie bei Kindern, die auf dem Land groß werden und seltener Allergien oder Asthma entwickeln. Die Ergebnisse aus Finnland sind laut Eckard Hamelmann, Direktor des Universitätsklinikums für Kinder- und Jugendmedizin am Evangelischen Klinikum Bethel in Bielefeld, durchaus interessant. Er untersucht in der aktuell laufenden Studie „Kleine Eulen OWL“ selbst, wie sich Umweltfaktoren auf die Entwicklung von Allergien und Asthma bei Kindern auswirken.
„Unser Immunsystem entwickelt sich nicht isoliert, sondern in einem ständigen Austausch mit Mikroorganismen aus der Nahrung, von anderen Menschen, Tieren und der natürlichen Umwelt“, erklärt Hamelmann der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Gerade in der frühen Kindheit lernt das Immunsystem, welche Mikroorganismen schädlich sind. Wenn Kinder wiederholt einer Vielfalt dieser Organismen ausgesetzt sind, könne das vermutlich dazu beitragen, „dass das Immunsystem lernt, harmlose Reize zu tolerieren und zugleich angemessen auf Krankheitserreger zu reagieren“, sagt der Kinder- und Jugendmediziner. Genau den Beginn dieses Prozesses könnten die finnischen Forschenden beobachtet haben. Ob die Kinder dadurch tatsächlich später seltener Allergien oder Asthma entwickeln, bleibt offen.
Die Ergebnisse sollten deshalb und auch aufgrund der verhältnismäßig geringen Teilnehmerzahl eher mit Vorsicht interpretiert werden, erklärt Hamelmann: „Statt von einer bereits nachgewiesenen ‚nachhaltigen Verbesserung des Immunsystems‘ würde ich daher von vielversprechenden Veränderungen des Mikrobioms und von Hinweisen auf eine günstigere Immunregulation sprechen.“ Ein Lebensumfeld ohne diese Vielfalt an Organismen, etwa im städtischen Raum, könne diesen Kontakt und den damit möglichen biologischen Lernprozess einschränken.
Finnland baut Grünflächen an Kitas aus: Auswirkungen auf die Gesundheit werden weiter erforscht
Die Studie liefert erste Ergebnisse in einem ansonsten weitgehend unerforschten Gebiet. Obwohl Böden zu den mikrobiell artenreichsten Ökosystemen der Erde gehören, ist ihr Einfluss auf das kindliche Mikrobiom, die Entwicklung des Immunsystems und die spätere Gesundheit bislang nur unzureichend erforscht. „Die finnischen Untersuchungen liefern einen sehr interessanten und biologisch plausiblen Hinweis darauf, dass naturnah gestaltete Kita-Außenflächen die mikrobielle Vielfalt beeinflussen können, mit der Kinder regelmäßig in Kontakt kommen“, sagt Hamelmann.
Auch wenn die Forschung in diesem Bereich noch in den Kinderschuhen steckt, sollte das Fazit nicht lauten: „Möglichst viele Keime für Kinder“ oder „je mehr Dreck, desto besser“. Entscheidend seien laut dem Mediziner mit Sicherheit die Vielfalt, die Zusammensetzung, der Zeitpunkt und die Art der Exposition: „Gerade in den ersten drei Lebensjahren eines Menschen entwickeln sich das Immunsystem und das Mikrobiom im Zusammenspiel.“ Hygiene und Sicherheit nach dem Spielen im Freien, zum Beispiel durch regelmäßiges Händewaschen, seien nach wie vor wichtig.
Hamelmann empfiehlt den Kontakt zur Natur: „Kinder sollten regelmäßig draußen spielen, Pflanzen und Tiere beobachten, gärtnern und mit natürlichen Materialien wie Erde, Holz, Laub, Sand und Wasser in Kontakt kommen können.“ Nicht jede Kita benötige dafür einen eigenen Wald. Hochbeete, kleine Gartenbereiche und regelmäßige Aufenthalte in Parks würden reichen, um Natur in den Kinderalltag zu integrieren. Was es hingegen sicher braucht, ist der politische Wille und die Finanzierung, solche Projekte wie in Finnland zu ermöglichen.
Das finnische Konzept ist inzwischen über die ursprüngliche Studie hinaus aufgegriffen worden: 43 Kitas und Schulen erhielten staatliche Fördermittel, um ihre Außenflächen naturnäher zu gestalten. In einer landesweiten Studie wird seit 2024 untersucht, ob solche Veränderungen die Gesundheit von Kindern verbessern können. (Quelle: eigene Recherche, Environment International, Nationwide Research on the Rewilding of Kindergarten Yards)