Vom Tornister zum Trendrucksack: Einst Militärgepäck: Wie sich der Schulranzen saarländischer Kinder verändert hat
Vom Tornister zum Trendrucksack Einst Militärgepäck: Wie sich der Schulranzen saarländischer Kinder verändert hat
Saarbrücken · Zum Schulstart tragen viele Kinder im Saarland ihren ersten Ranzen. Seine Geschichte führt vom militärischen Tornister über schwere Ledermodelle bis zu ergonomischen, bunten und nachhaltigen Schulrucksäcken. Ein Rückblick.
08.08.2026 , 08:00 Uhr
Er ist nicht bloß eine Tasche. Er symbolisiert einen Aufbruch in ein neues Leben. Manchmal ist er auch eine Last. Am Montag startet im Saarland die Schule, und viele Kinder werden ihn zum ersten Mal tragen müssen: den Schulranzen.
„Seine Geschichte beginnt, wenig romantisch, beim Militär“, erklärt Jutta Haag vom Saarländischen Landesarchiv. Der Vorläufer des Schulranzens war der Tornister – ein kastenförmiger Rucksack aus Holzrahmen, Kalbfell und Segeltuch, den Soldaten auf langen Märschen mit sich trugen.
Vom Militär auf den Schulweg
Als im ausgehenden 19. Jahrhundert die allgemeine Schulpflicht nach Deutschland kommt, müssen die Kinder teils weite Wege zur Schule gehen. Da wanderte der Tornister vom Schlachtfeld in die Volksschule – als Schulranzen.
Mit dem Krieg hatte das Mädchen auf dem Bild noch nichts gemein. Das Bild stammt vom 3. Mai 1911. Das Mädchen steht „vermutlich in Fechingen oder Dudweiler“, sagt Haag, und trägt sein festliches Sonntagskleid, dazu einen großen Strohhut, einen weißen Spitzenkragen, Knopfstiefelchen – und in der Hand einen Schulranzen. „Der ist damals aus Stoff mit Lederriemen und Randeinfassung“, erklärt Jutta Haag. Und: „Das Bild ist kein Schnappschuss. Es ist ein Porträt. Aufgenommen hat es Julius Walter“, erklärt die Kulturwissenschaftlerin. Den fotografischen Nachlass von Walter bewahrt das Saarländische Landesarchiv auf.
1911: Ein Mädchen im festlichen Kleid mit Spitzenkragen und Strohhut hält ihren Schulranzen in der Hand – Stoff, Leder, schlicht. Kein Motiv, keine Farbe, keine Individualität. Der Ranzen um 1900 war ein reines Werkzeug: vom Sattler gefertigt, auf Jahrzehnte ausgelegt, funktional bis ins letzte Detail.
Foto: Julius Walter/Saarländisches Landesarchiv (NL Walter 855) – gemeinfrei
Der erste Schultag als Fotomotiv
Der erste Schultag war damals ein Ereignis, das man festhielt wie eine Konfirmation, sagt die Wissenschaftlerin. Und der Ranzen? War ein Werkzeug. Bis weit in die 1960er-Jahre hinein war er oft sehr schwer, aus Rindsleder, Kunstleder oder, bei ärmeren Familien, selbst gebaut aus Tannenholz und Leinen. Man gab ihn an die nächste Generation weiter. Vollgepackt mit Büchern und Schiefertafel war er jedenfalls eine teils sehr harte Prüfung für Kinderrücken.
Die eigentliche Revolution kam 1975, als die Firma Sternjakob den ersten „Scout-Ranzen“ auf den Markt bringt: Polyester statt schwerem Leder, ergonomisch, mit fluoreszierenden Streifen für die Verkehrssicherheit. Heute ist dieses Exemplar im Deutschen Historischen Museum in Berlin ausgestellt.
Leichter, sicherer und bunter
16. Juli 1991: Scout oder Amigo? Die Qual der Wahl. Ein Junge steht in einem Kaufhaus vor einem mannshohen Stapel Schulranzen. 1975 hatte die Firma Sternjakob den ersten Scout auf den Markt gebracht: ergonomisch, reflektierend, wasserabweisend, leicht und geräumig.
Foto: Ferdi Hartung/Saarländisches Landesarchiv
1986 folgte die erste DIN-Norm für Schulranzen, die bis heute in Deutschland Stabilität, Tragekomfort und Sichtbarkeit regelt. Unser zweites Bild zeigt diese ersten genormten Ranzen. Ein Junge lehnt im Juli 1991 vermutlich in einem Saarbrücker Kaufhaus lässig an einem mannshohen Stapel bunter Schulranzen – Scout, ein weiterer Hersteller mit Amigo, ein ganzer Turm aus Nylon und Farbe.
Der Ranzen war ab da kein Gebrauchsgegenstand mehr, kein Familienerbstück vom Sattler, er war nun ergonomisch durchdacht, durchgestylt, mit immer neuen Motiven, weil Kinder auch Konsumenten sind. Modisch und vom Material her sind sie seither nicht mehr über Generationen haltbar. Alle paar Jahre müssen Eltern für teures Geld neue Teile kaufen. Topmodelle kosten heute bis zu 300 Euro.
Vom Gebrauchsgegenstand zum Markenprodukt
Auch der Inhalt des Ranzens veränderte sich im Laufe der Jahrzehnte grundlegend. Schulbücher, Hefte, Federmäppchen, Turnzeug und Pausenbrot kamen dazu. Damit wuchsen auch die Ansprüche an Form, Gewicht und Ausstattung. Ergonomische Träger, weil Kinderrücken unter dem wachsenden Gewicht litten.
Bis in den 1990er-Jahren die „orthopädische Wende“ kam: der Eastpak-Rucksack. Das Anti-Ranzen-Statement der Jugendlichen, die nicht mehr wie Grundschüler aussehen wollten. Einfach cool über eine Schulter gehängt, orthopädisch wenig wertvoll. Dafür ein Statussymbol einer Generation.
Ranzen, Rucksack und Trolley
Anfang der 2000er-Jahre rollte die nächste Idee in die Schulhöfe: der Trolley. Inspiriert vom Reisekoffer auf Rädern. Durchgesetzt hat er sich nur bedingt. Dafür kam mit dem Ergobag eine neue Generation ergonomischer Schulrucksäcke auf den Markt: aus recycelten PET-Flaschen gefertigt, mit austauschbaren Motiven, zertifiziert und nachhaltig. Der Ranzen als Öko-Statement.
Und heute? Trägt das Kind von Welt in der Grundschule den Scout-Ranzen für knapp 300 Euro, in der weiterführenden Schule den Rucksack. Der Kanken aus Schweden, der Herschel aus Kanada, der Eastpak – längst wieder im Trend – aus den USA. Die Schulranzen haben sich in den vergangenen 125 Jahren sehr verändert. Das Versprechen und die Last, die in ihnen stecken, sicher nicht. (sas)