Vorwurf der Gruppenvergewaltigung an US-Elite-Uni: Psychologin erklärt mögliche Hintergründe
Stand: 05.10.2026, 13:53 Uhr
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Eine mutmaßliche Gruppenvergewaltigung an einer US-Universität hat weltweit für Entsetzen gesorgt. Eine Psychologin erklärt mögliche Hintergründe solcher Taten.
Hamburg – Sieben damalige Mitglieder der Studentenverbindung Chi Phi an der privaten Cornell-Universität werden von einer ehemaligen Studentin beschuldigt, sie im Oktober 2024 unter dem Einfluss von Alkohol und Drogen sexuell missbraucht zu haben. Strafrechtlich verfolgt wurde damals niemand. Im September 2026 reichte die ehemalige Studentin eine Zivilklage ein. Der Fall wird nun erneut untersucht und eine Grand Jury soll entscheiden, ob der Fall zur Anklage gebracht wird.

Der Uni-Präsident bezeichnete den Vorfall als „zutiefst beunruhigend“. Was der jungen Frau widerfahren sei, „wird unsere Gemeinschaft noch viele Jahre belasten“, sagt Michael I. Kotlikoff in einem Video. „Mir schmerzt das Herz, wenn ich daran denke, was sie durchgemacht hat.“ Monate nach dem Vorfall seien bereits Exmatrikulationen und Suspendierungen verhängt worden. Zudem wies die Universität die Behauptung, den Beschuldigten sei als Strafe das Schreiben eines Aufsatzes auferlegt worden, als falsch zurück. Gleichzeitig kündigte Kotlikoff an, man wolle sich mehr bemühen, die ergriffenen Maßnahmen besser zu erklären.
„Sehr spezifischer Kontext“: Mutmaßliche Gruppenvergewaltigung an US-Elite-Uni
Wie es zu einer mutmaßlichen Gruppenvergewaltigung in einem solchen Umfeld kommen kann, erklärt Judith A. Iffland, Rechtspsychologin und Sachverständige in Strafverfahren an der Medical School Hamburg. Sie forscht unter anderem zu sexueller Anspruchshaltung und Frauenfeindlichkeit.
Die mutmaßliche Gruppenvergewaltigung „ist in einem sehr spezifischen Kontext passiert“, sagt Iffland der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. „Studentenverbindungen werden schon lange erforscht. Dabei handelt es sich um ein geschlossenes System, das sexuelle Gewalt fördert.“
„In einer männlichen Studentenverbindung kommt vieles zusammen, was tatbegünstigend ist.“ Häufig gebe es sehr traditionelle Männlichkeitsvorstellungen. „Die Forschung beschreibt zudem eine hohe Zustimmung zu Vergewaltigungsmythen: ‚Frauen, die Nein sagen, meinen eigentlich Ja. Wenn eine Frau mit einem Mann auf ein Zimmer geht, dann soll sie sich ja auch nicht wundern, wenn es zu Sex kommt.‘“ Hinzu komme Alkohol, der Hemmungen reduziert. „Es kann aus rechtspsychologischer Sicht kaum überraschen, dass es gerade in diesem Kontext zu dieser Form gekommen sein soll“, resümiert Iffland.
Psychologin über Vorfall an Cornell-Uni: „Keiner fühlt sich allein verantwortlich“
Im Cornell-Fall könnte auch sexuelle Anspruchshaltung eine Rolle gespielt haben. „Dieses neuere Konzept der männlichen sexuellen Anspruchshaltung ist erst 2023 erstmals formuliert worden – anhand von Stichproben mit Männern an Ivy-League-Unis“, sagt Iffland. Auch die Cornell gehört zur sogenannten Ivy League, einer Gruppe renommierter Elite-Universitäten im Nordosten der USA.
Wie sich diese Haltung in den Köpfen mancher Männer zeigen kann, erklärt die Professorin so: „Dabei geht es vor allem um Narzissmus. Eine Form von Anspruchshaltung auf Sex: ‚Weil ich so ein toller Typ bin, habe ich auch ein Recht auf Sex.‘ Frauen werden auf ihren Körper und auf ihre sexuelle Funktion reduziert.“
Die Gruppendynamik spiele eine besondere Rolle bei Gruppenvergewaltigungen. Iffland spricht von einer Verantwortungsdiffusion. „Keiner will derjenige sein, der kneift, keiner fühlt sich allein verantwortlich. Wenn diese Männer, die mutmaßlich vor Ort waren, sehr stark mit der Studentenverbindung und mit diesem Männlichkeitsbild identifiziert sind, erklärt das auch ein Stück weit, warum dieses grenzverletzende Verhalten normalisiert wird, warum sie es vor sich selbst rechtfertigen können: ‚Das sind doch Männer, das macht man doch so.‘“ (Quellen: dpa, eigene Recherche)