Warteschleife statt Zeitenwende: Wie Donald Trump die Ukraine weiter hinhält


KI-Stimme. Info

Große Gesten. Offene Hintertüren. Donald Trump hat wieder einmal geschafft, was kaum jemand so verlogen virtuos beherrscht wie er. Er ließ fast die ganze Welt an einen Kurswechsel glauben. 

Auffallend freundliche Worte über Wolodymyr Selenskyj im Weißen Haus. Ein großes Lob für ukrainische Drohnen. Anerkennung für spektakuläre Angriffe tief ins russische Hinterland. Und schließlich der Satz, der beinahe wie ein strategischer Durchbruch klang: Die Ukraine solle eine Lizenz erhalten, Patriot-Abfangraketen künftig selbst herzustellen. 

Schon waren sie da, die großen Schlagzeilen über den amerikanischen Präsidenten. Endlich, hieß es, habe Trump begriffen, wer Aggressor und wer Opfer ist. Russlands Diktator Wladimir Putin verliere seinen wichtigsten Unterstützer im Westen. Alles erst ein paar Tage her.

Wer das glaubte, kennt Donald Trump verdammt schlecht.

Denn inzwischen erklärt derselbe Präsident, eine Produktionslizenz für die latent kriegsentscheidenden Patriots sei gar nicht zugesagt worden. Man rede lediglich darüber. Sei schließlich „eine große Sache“, so eine sensible Technologie. 

Auch interessant

Donald Trump im Oval Office

Donald Trump versetzt die Ukraine in Warteschleife

Mit nur einem Satz machte Trump aus einer vermeintlichen Zeitenwende wieder eine seiner typischen Warteschleifen.

Man könnte fast meinen, das Weiße Haus habe neuerdings eine eigene Abteilung für geopolitische Fata Morganas eingerichtet. Trump beherrscht diese Disziplin. Er verkauft Hoffnungen auf Vorrat. Aber die Haltbarkeit ist meist kürzer ist als die eines Washingtoner Sommergewitters. Das Muster ist alt. Nur die Kulisse wechselt. Mal sind es die Strafzölle. Mal Friedenspläne. Mal ist es Gaza. Mal der Iran. Mal die Ukraine.

Auch interessant

AFP_B8GD2F4.jpg

Immer folgt derselbe Dreisprung: große Ankündigung, weltweite Aufmerksamkeit, strategischer Rückwärtsgang. Trump simuliert Bewegung, ohne sich tatsächlich bewegen zu wollen. Seine Verteidiger nennen das Flexibilität. Gegner beklagen politische Feigheit – oder Erpressbarkeit durch Russland.

Für die Ukraine zählen mächtige Waffen, keine warmen Worte

Denn entscheidend war nie, ob Trump ukrainische Drohnentechnologie bewundert. Entscheidend ist, ob und wann die Ukraine mehr wirkungsmächtige Waffen bekommt. Die ukrainische Botschafterin in Washington brachte das nüchtern auf den Punkt: „Wir brauchen die Raketen.“ Nicht irgendwann. Jetzt. Denn jede weitere Nacht fliegen Dutzende russischer ballistischer Raketen auf ukrainische Städte.

Eine schleunigst aufgenommene Patriot-Produktion wäre ein Schritt gewesen, der Moskau wirklich wehgetan hätte. Eine Ukraine, die ihre Luftverteidigung langfristig selbst ausbauen kann, wäre weniger abhängig von amerikanischer Tagespolitik und Stimmungswechseln im Oval Office. Genau deshalb verschwindet die Idee jetzt wieder im Nebel.

Der Kreml kennt diese Choreografie längst auswendig. Trump sagt genug, damit Kiew hoffen darf. Er sagt nie genug, damit Putin verzweifeln müsste. Sobald Entscheidungen anstehen, die Russland tatsächlich strategisch schaden würden, wird in Washington plötzlich geprüft, diskutiert, gezaudert und vertagt. 

Europa darf nicht immer wieder auf Trump hereinfallen

Bis heute bleibt der amerikanische Präsident ein Meister des strategischen Schwebebalkens. Genug Unterstützung für Kiew, um nicht als Putins Statthalter dazustehen. Nie so viel Entschlossenheit, dass Moskau seine Felle davonschwimmen sieht.

Newsletter Illustration

Europa darf darauf nicht immer aufs Neue hereinfallen. Nüchternheit, Skepsis und Eigeninitiative sind geboten. Nicht Trumps Worte verteidigen ukrainische Städte. Nicht seine Launen schießen russische Raketen ab. Nicht seine Pressekonferenzen retten Leben. Das erledigen Flugabwehrsysteme. Produktionslinien, Verträge und Verlässlichkeit. Von alldem gibt es bislang zu wenig. Und jede in den USA vertagte Entscheidung, jede verschobene Lieferung, jede offene Frage verlängert den strategischen Atem des Kremls.

Dirk Hautkapp

Dirk Hautkapp, US-Korrespondent© ZR | bm

Auch darum ist die Nervosität vor der nächsten Bewährungsprobe im parlamentarischen Machtzentrum der USA so groß. Im Senat liegt ein parteiübergreifend vorbereitetes Sanktionspaket, entworfen auf Grundlage des verstorbenen Republikaners Lindsey Graham, abstimmungsreif in Startlöchern. Es würde Russlands Wirtschaft akut empfindlich treffen und zugleich Staaten sanktionieren, die weiter russisches Öl kaufen. Im Kongress gilt das Vorhaben als breit getragen. Doch die eigentliche Spannung verlagert sich zunehmend weg vom Kapitol – hin zum Weißen Haus. Nur dort entscheidet sich, ob aus parlamentarischer Einigkeit auch geopolitische Konsequenz wird. 

Wenn Trump bereits bei einer Patriot-Lizenz ins Zögern gerät, die sich erst in fünf Jahren materialisieren würde, warum sollte er ausgerechnet hier den Schritt zur Eskalation gehen? Die Frage lautet nicht mehr, ob das Gesetz verabschiedet wird. Sondern ob es im Oval Office überlebt – oder ob ein Veto des Präsidenten die schärfste Sanktionsrunde seit Kriegsbeginn ausbremst und damit ausgerechnet in dem Moment Entlastung für den Kreml schafft, in dem der Druck am größten sein muss.