Warum die deutsche Offshore-Windenergiebranche in der Krise steckt
Konkurrenz aus China Flaute für deutsche Offshore-Windenergie
Stand: 26.09.2026 • 13:13 Uhr
Bei Windenergie-Firmen wachsen die Sorgen. Projekte fehlen, chinesische Konkurrenten unterbieten die Preise. Droht das Schicksal der Solarenergie-Branche, indem Firmen schließen und die Produktion nach China geht?
Von Nicolas Peerenboom, NDR
Seit zwei Jahren sind keine neuen Projekte für Windparks in Nord- und Ostsee auf den Weg gebracht worden. Das bekommen auch die Hersteller von Komponenten zu spüren. "Der Offshore-Windenergie-Branche geht es zurzeit sehr schlecht", sagt Karina Würtz, Chefin der Stiftung Offshore-Windenergie. Wegen gestiegener Kosten und fehlender Projekte fehlten Aufträge im Wert von rund 40 Milliarden Euro für die kommenden Jahre.
Auch Robert Dreves, Geschäftsführer der EEW Special Pipe Constructions in Rostock, sieht schwierige Zeiten auf die Branche zukommen. EEW produziert dort sogenannte Monopiles - riesige Stahlfundamente für Offshore-Windräder. Die bis zu 70 Meter langen und bis zu 2.000 Tonnen schweren Stahlrohre werden mit Spezialschiffen aufs Meer gebracht und dort in den Meeresboden gerammt.
Hohe Kosten für Planung und Bau
"Nach vielen Jahren des erfolgreichen Agierens der gesamten Branche sehen wir jetzt, dass in den nächsten Jahren weniger Bedarf im Markt ist", sagt Dreves. Dadurch drohten die Kapazitäten, die die Unternehmen in den vergangenen Jahren aufgebaut hätten, teilweise leer zu stehen. Besonders die Jahre 2027 und 2028 bereiten der Branche Sorgen. Gründe sind unter anderem fehlende Flächenausschreibungen sowie gestiegene Material-, Personal- und Finanzierungskosten.
Windparks auf See sind aufwendig und teuer. Vor dem Bau müssen Meeresboden, Windverhältnisse und Umwelt untersucht werden. Dazu kommen gigantische Fundamente, Türme und Turbinen sowie Unterseekabel, die den Strom an Land transportieren.
Sind die Anlagen erst einmal in Betrieb, können sie aber vergleichsweise günstig Strom produzieren. Die Stromerzeugungskosten von Offshore-Wind liegen derzeit bei etwa sechs bis zwölf Cent pro Kilowattstunde. Günstiger sind nur Windkraftanlagen an Land und Solarstrom.
Windenergie vor allem im Winter gefragt
Für die Energiewende ist Offshore-Wind dennoch besonders interessant: Auf dem Meer weht der Wind vergleichsweise zuverlässig - und gerade im Winter oft besonders kräftig. Das sei ein wichtiger Vorteil, sagt Würtz von der Stiftung Offshore-Windenergie: "Das macht sie am ehesten grundlastfähig im Vergleich zu anderen erneuerbaren Energieformen. Und sie kommt genau passend, wenn wir sie brauchen." Denn Wärmepumpen in Deutschland benötigten besonders im Winter viel Strom.
Mit der zunehmenden Elektrifizierung von Verkehr und Wärme dürfte der Strombedarf laut Experten weiter steigen. Gleichzeitig kann mehr heimisch produzierter Windstrom die Abhängigkeit von Energieimporten verringern und damit die Widerstandsfähigkeit der europäischen Energieversorgung stärken.
Konkurrenz aus China wächst
Doch die Branche kämpft nicht nur mit hohen Kosten und fehlenden Projekten. Auch die Konkurrenz aus China sorgt für Unruhe. Ein Beispiel sind die Monopiles, die fast vollständig aus Stahl bestehen. Auf chinesischen Rohstahl erhebt die EU zum Schutz der europäischen Stahlindustrie hohe Zölle. Diese können laut Dreves mehr als 70 Prozent betragen. Für EEW bedeutet das: Das Unternehmen muss seinen Stahl in Europa einkaufen - zum doppelten Preis wie in China.
Paradoxerweise können chinesische Hersteller ihre fertigen Monopiles jedoch zollfrei nach Europa verkaufen. Wenn in China ein Monopile aus diesem günstigen Stahl gebaut werde, könne es ohne Zölle in Europa eingeführt werden, kritisiert Dreves. Das sei eine erhebliche Wettbewerbsverzerrung.
Die Branche fürchtet deshalb ein Déjà-vu. Ähnlich wie einst bei der Solarindustrie könnten deutsche und europäische Unternehmen Marktanteile an chinesische Hersteller verlieren. Nach dem Einbruch der heimischen Solarindustrie sei nun auch die Offshore-Windindustrie unter Druck.
Mehr Planungssicherheit bei neuen Flächen
Die Unternehmen fordern deshalb politische Änderungen. Eine Forderung betrifft Windflächen, die ersteigert, anschließend aber nicht bebaut werden. Nach Angaben der Branche liegen derzeit in der Nordsee Flächen mit einem Volumen von rund 16 Gigawatt brach. Die Regeln für eine Rückgabe solcher Flächen müssten aus Sicht der Branche verbessert werden.
Auch bei der Vergabe neuer Flächen wünschen sich Unternehmen mehr Planungssicherheit. Die Bundesregierung plant im Rahmen der Novellierung des Windenergie-auf-See-Gesetzes ein zweistufiges Verfahren: Zunächst werden Flächen versteigert, anschließend können Staat und Betreiber über ein Modell für langfristig planbare Stromerlöse verhandeln.
Branche fordert schnellere Verfahren
Branche und Wissenschaft plädieren dagegen für ein einstufiges Modell nach dem Prinzip sogenannter "Contracts for Difference" (CfD). Dabei wird ein langfristiger Strompreis vereinbart. Liegt der Marktpreis darüber, fließt die Differenz an den Staat; liegt er darunter, gleicht der Staat die Differenz aus.
Das schafft aus Sicht der Branche vor allem eines: Planungssicherheit. "Der Betreiber hat damit eine fixe Kalkulationsgrundlage seiner Erlöse über 20 Jahre oder länger", sagt Würtz. Dadurch könnten insbesondere die Finanzierungskosten sinken - der größte einzelne Kostenblock bei Offshore-Windprojekten.
In Großbritannien und Dänemark wird dieses Modell bereits eingesetzt. Für die deutsche Offshore-Branche geht es nun vor allem um Tempo: Neue Projekte müssen auf den Weg gebracht werden, damit die aufgebauten Produktionskapazitäten nicht ungenutzt bleiben.