"Viele Kleingärten sind ökologische Wüsten"


Interview Jennifer Schulz von der Uni Potsdam

“Viele Kleingärten sind ökologische Wüsten”

Luftbild einer Kleingartenanlage am südlichen Berliner Stadtring. (Quelle: Picture Alliance/Patrick Pleul)
Luftbild einer Kleingartenanlage am südlichen Berliner Stadtring. (Quelle: Picture Alliance/Patrick Pleul)

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Berlin ist Kleingartenhauptstadt mit über 70.000 Parzellen, die sich auf über 2.900 Hektar erstrecken und damit etwa drei Prozent des Stadtgebiets einnehmen. Doch die Parzellen sind schwer zu ergattern und wer eine hat, kämpft mit Klimawandelfolgen - und manchmal auch der Kleingartenordnung. Nicht nur deshalb gibt es auch neue, oft gemeinschaftsgärtnerische Modelle, von denen auch die klassischen Kleingärtner profitieren könnten. Inwiefern, sagt Jennifer Schulz. Die Wissenschaftlerin leitet ein Forschungsprojekt zu urbanen Waldgärten an der Universität Potsdam.

rbb|24: Jennifer Schulz, wenn Sie an den klassischen Kleingarten denken. Welche Zierpflanze würden Sie da heute nicht mehr sehen wollen. Also was käme auf Ihre Hass-Liste?

Jennifer Schulz: Die Anti-Liste ist: Kirschlorbeer, Thuja und Quecke.

Zur Person

Frisch geerntete Tomaten in den Händen haltend.  (Quelle: picture alliance/Westend61/Phillip Waterman)

Jennifer Schulz ist Landschaftsplanerin und Wissenschaftlerin an der Universität Potsdam. Sie sitzt im Arbeitskreis des Berliner Gemeinschaftsgarten-Programms und leitet ein Forschungsprojekt zu urbanen Waldgärten. In Berlin-Britz wird dabei auf 28.000 Quadratmetern eine gemeinschaftlich nutzbare Alternative zum klassischen Stadtgrün erprobt.

rbb|24: Was leisten klassische Kleingärten heute in Berlin noch, was nicht mehr?

Schulz: Grundsätzlich sind Kleingärten absolut Gold wert für die Stadt. Und alle Kleingartenanlagen sind ja ein Mosaik aus unterschiedlichster Bepflanzung: von ganz aufgeräumten Gärten, wo der Rasen mit der Nagelschere gepflegt wird, bis hin zu wilderen, naturnäheren Gärten. Es ist auch eine Trendwende erkennbar. Viele bauen ihre Gärten so um, dass Nischen entstehen und Wasser gespeichert wird. Insofern sind Kleingarten-Kolonien auf jeden Fall grüne Achsen, selbst wenn es welche sind, wo es vor allem Rasenflächen und ein paar wenige Obstbäume gibt. Auch dort wird Wasser gespeichert, verdunstet und sorgt für Kühlung. Außerdem sind Kleingarten-Anlagen sehr wertvolle soziale Räume für Begegnungen. Das sind kleine Dörfer innerhalb der großen Stadt.

rbb|24: Jetzt naht der Herbst. Was kann man jetzt schon tun, damit ein Kleingarten im nächsten Sommer besser mit Hitze und Trockenheit klarkommt?

Schulz: Man kann abgestorbene Pflanzen stehen lassen und auch den Boden gut bedeckt lassen, auch mit Laub. So kann sich Humus bilden und die Wasserspeicherkapazität des Bodens verbessern. Wer einen gemähten Rasen hat und das Laub absammelt, wird das vielleicht nicht so gerne hören. Aber es hat nicht nur klimatisch einen guten Effekt zu mulchen, sondern ist auch gut für die Artenvielfalt.

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Grundsätzlich sind Kleingärten absolut Gold wert für die Stadt

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Jennifer Schulz

rbb|24: Apropos gemähter Rasen. In klassischen Kleingarten-Kolonien haben die Parzellen neben Rasenflächen oft eingefasste Beete, Obstbäume und eine Hütte samt Terrasse. Ist ein abgezirkelter und aufgeräumter Kleingarten ökologisch gesehen ein schlechter Garten?

Schulz: Ja, auf jeden Fall. Viele Kleingärten sind ökologische Wüsten. Oft gibt es keine Nischen für brütende Vögel oder Insekten. Dort ist es mitunter sehr kahl und man kann deutlich mehr machen. Um solche Gärten klimatisch anzupassen, ist eine größere Dichte an Vegetation, also ein höheres Grünvolumen, das Stichwort. Da geht es, technisch gesehen, um die Blattmasse pro Kubikmeter. Also um mehr Bäume, Sträucher und untendrunter verschiedenste krautige Pflanzen. Das ist nicht nur für den Artenschutz, sondern auch für das Klima sinnvoller. Und möglicherweise auch für die Ästhetik.

rbb|24: Vielfach ist vorgeschrieben, dass ein bestimmter Anteil des Kleingartens für Obst- und Gemüseanbau genutzt werden musss. Macht das heute noch Sinn?

Schulz: Das macht sogar richtig viel Sinn. Denn wenn wir eine Gesellschaft haben wollen, in der gesunde Ernährung eine Rolle spielt, hat dieser Eigenanbau eine wichtige Bildungsfunktion. Selbst zu wissen, was es bedeutet, eine Tomate zu züchten und sich um sie zu kümmern, führt sicherlich auch zu einer anderen Sicht auf Themen wie Lebensmittelverschwendung. Der Ursprungsgedanke des saisonalen und regionalen Gemüseanbauens ist in der Gesellschaft etwas verlorengegangen. Den sollten wir wieder erlernen – und dafür sind Kleingärten toll. Man lernt dann ja auch, die Produkte zu lagern und zu verarbeiten.

rbb|24: Wo Sie das Thema Verschwendung angesprochen haben. Vielfach wird in den Kleingärten ordentlich gewässert. Kann man das angesichts zunehmender Trockenperioden noch machen?

Schulz: Hierfür ist es hilfreich, so gut wie möglich Wasser in den Gärten zu speichern, das man dann zum Wässern verwenden kann. Man kann beispielsweise von allen Dachflächen Wasser in Regentonnen sammeln. Es hilft auch, kleine Mulden zu schaffen. Beet-Flächen kann man mit Stroh oder Blättern abdecken, um das Wasser im Boden zu halten. Ein echter Qualitätsgewinn wäre es aber, weniger Rasen und mehr schattenspendende Gehölze im Kleingarten zu haben.

rbb|24: Was können klassische Kleingärtner von neuen Konzepten, wie Waldgärten oder vom sogenannten Urban Gardening, lernen?

Schulz: In den Waldgärten geht es um waldartige Strukturen, die man mit essbaren Pflanzen nachahmt. So will man ein klimaangepasstes und biodiverses Ökosystem schaffen. Das kann man sehr gut in Kleingärten umsetzen. Man kann leicht auch die Kleingartenordnungen so anpassen – so wie es in den Urbanen Waldgärten in Britz geschehen ist. Das ist ein neuartiger Kleingartenpark, der gemeinsam mit engagierten Menschen und verschiedensten Fachverwaltungen entwickelt und umgesetzt wurde. Die Anlage kann gleich mehrfach genutzt werden. Es gibt einen gemeinschaftlichen Waldgarten, ein Drittel ist ein großer essbarer Park und auch die Parzellen sind Waldgärten. Das kann Vorbild sein für andere Kleingärten. So kann man gemeinschaftlichere Formen des Gärtnerns integrieren und naturnahen Gartenbau fördern.

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Gemeinschaftsgarten-Strukturen in Kleingärten zu bringen ist eine sehr gute Idee

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Jennifer Schulz

rbb|24: Könnten dort Rentner ihre Verwandtschaft noch zum Kaffeetrinken in den Garten einladen und junge Familien ein Trampolin für ihre Kinder aufstellen?

Schulz: Die Bedürfnisse beider Zielgruppen können sehr gut befriedigt werden. Ob es für Familien schön ist, hängt am Ende ja nicht am Trampolin. Im Zweifelsfall sind es andere Attraktionen, die für sie eine Rolle spielen. Gerade Rentner und Rentnerinnen, die oft mehr Zeit haben als Berufstätige mit Kindern, tragen viel zum sozialen Gelingen im Waldgarten Britz bei. Und da muss nicht jeder seine eigene Bank-Garnitur haben, um sich hinzusetzen. Die gemeinschaftliche Infrastruktur wird von vielen unterschiedlichen Generationen hier sehr gerne genutzt. Hier tun sich Jung und Alt zusammen, lernen voneinander und gehen aufeinander ein. Da ist nicht jeder nur in seiner Parzelle und schaut über den Gartenzaun.

rbb|24: Würde es helfen, die Kleingartenordnung insgesamt an die heutigen Zeiten anzupassen – etwa, was die Pflanzenauswahl oder die Nutzung der Flächen betrifft?

Schulz: Das würde auf jeden Fall helfen. Als wir wegen des Waldgartens Britz angefragt hatten, hieß es irgendwann, das wäre nicht mit dem Bundeskleingartengesetz vereinbar. Doch das ist eine Rahmengesetzgebung, in deren Rahmen sehr viel möglich ist. Hierfür sind die Satzung und Gartenordnung, die sich die einzelne Kleingarten-Kolonie gibt und mit den Mitgliedern abstimmt, entscheidend. Viele wissen gar nicht, dass es da Spielraum für Gestaltung gibt.

In Britz kann man Parzellen beispielsweise jetzt auch als gemeinsamer Haushalt – also beispielsweise auch als WG – pachten. Während früher nur Paare beziehungsweise Eheleute Parzellen haben konnten. Das klingt jetzt vielleicht wie ein kleiner Schritt – ist aber ein Weg, sich der Gesellschaft anzupassen. Künftig sind in den Berliner Kleingärten, so wie es seit Juni in den neuen Verwaltungsvorschriften steht, auch Gemeinschaftsgärten in Parzellen möglich sein.

rbb|24: Was muss sich in Kleingärten unbedingt verändern, damit sie künftig zu uns und zur klimaangepassten Stadt passen?

Schulz: Gemeinschaftsgarten-Strukturen in Kleingärten zu bringen, ist eine sehr gute Idee. Man braucht auch nicht unbedingt Zäune zwischen den Parzellen. Wenn die weg sind, fördert es auch das Miteinander. Schön ist es auch, wenn die Durchwegung Strukturen bietet, die für die Öffentlichkeit schön zu nutzen sind – wie beispielsweise durch die Pflanzung von Obstgehölzen an den Wegen, so dass jeder naschen kann.

Neben diesen sozialen Komponenten gibt es aber natürlich auch die ökologischen. Da ist es wichtig, dass mehr Gehölze, wie zum Beispiel größere Obstbäume und naturnahe Strukturen zugelassen werden. Da gibt es Schulungsbedarf bei älteren Gartenfachberatern und bei vielen Kleingärtnern. Denn da hat sich einiges in den Zielvorstellungen getan, um Kleingärten schrittweise ökologischer und klimaangepasster zu gestalten. Es ist ein Wissenstransfer nötig und der kommt erfreulicherweise auch schon in Gang.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Sabine Priess, rbb|24. Es handelt sich um eine gekürzte und überarbeitete Fassung des Gesprächs.

Sendung: rbb|24, 27.09.2026, 07:10 Uhr
Audio: rbb|24, 27.09.2026, Sabine Priess im Gespräch mit Jennifer Schulz

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