Warum Walter Ruck nun doch die Reißleine zog


13 Tage lang hat sich der Wiener Wirtschaftskammer-Präsident Walter Ruck, den heimliche Tonaufnahmen aus seinem eigenen Weinkeller politisch unter Druck setzten, vehement gegen einen Rücktritt gestemmt. Am Donnerstag ging dann alles ganz schnell. Ruck trat um 11 Uhr von allen Ämtern zurück.

Pressekonferenz gab es (wie in solchen Fällen sonst üblich) keine – eine Presseaussendung des Wiener ÖVP-Wirtschaftsbundes verkündete das Aus von Ruck. Nicht einmal ein Zitat des scheidenden Chefs war beigefügt. Nur so viel: Er ziehe sich „ins Privatleben zurück“.

Seine vorläufige Nachfolgerin: Margarete Kriz-Zwittkovits. Sie folgt Ruck in der Wiener Wirtschaftskammer ebenso wie an der Spitze des Wirtschaftsbundes. In einer Aussendung stellte sie klar: „Ich habe keinen Weinkeller.“ Sondern „offene Türen für die Unternehmer.“ Ihre Aufgabe sei es, „möglichst rasch einen Neubeginn zu organisieren und das Vertrauen wiederherzustellen“.

++ HANDOUT ++ KRIZ-ZWITTKOVITS ZUR PRÄSIDENTIN DER WIRTSCHAFTSKAMMER WIEN DESIGNIERT

Der KURIER beantwortet die wichtigsten Fragen zu den aktuellen Entwicklungen in der Causa Ruck.

Was gab den Ausschlag, dass Ruck nun doch noch zurückgetreten ist?

Dem Vernehmen nach lag es an den Veröffentlichungen im KURIER tags zuvor: Laut Gesprächsprotokoll spricht Ruck in der Weinkeller-Runde freimütig über ein Bauprojekt des UKH Meidling der AUVA. Planungsstadträtin Ulli Sima (SPÖ) habe unter anderem einen Architekturwettbewerb gefordert, der das Projekt massiv verzögert hätte. Dieses Problem habe er Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) dargelegt. Das Ergebnis: „Innerhalb von einem Monat war das alles durch, was normalerweise drei Jahre dauert“, so Ruck. Sima und Ludwig bestreiten wie berichtet, dass es eine derartige Intervention gab.

Wie Insider berichten, soll Ludwig angesichts der neuen Vorwürfe aber die Reißleine gezogen haben. Er habe Ruck „zumindest nahegelegt, zurückzutreten“.

Dass dieser im Weinkeller-Gespräch insinuiert haben soll, dass Ludwig wegen ihm rechtlich verpflichtende Ausschreibungsverfahren umgangen habe, sei dem Stadtchef „wohl doch zu weit gegangen“, wie es heißt. Es war dies die erste potenziell strafrechtlich relevante Aussage Rucks.

Wer ist Rucks Nachfolgerin Margarete Kriz-Zwittkovits?

Sie ist jene Frau, die Rucks Erzählungen nach brav „salutierte“, als sie ihre Kandidatur bei der Wien-Wahl 2025 zugunsten seines Sohnes Alexander zurückziehen musste. In den vergangenen Tagen fiel sie dadurch auf, Ruck für dessen beleidigende Aussagen über sie auch noch zu verteidigen.

Die 67-Jährige ist gebürtige Eisenstädterin, aber in der Döblinger ÖVP sozialisiert. Seit 2020 ist sie Vizepräsidentin der Wiener Wirtschaftskammer, von 2021 bis 2025 war sie ÖVP-Gemeinderätin in Wien. Schon in dieser Zeit fiel sie durch Linientreue zu Ruck auf – und nicht zu ihrer Landespartei. Dennoch gilt sie als gut vernetzt in der Wiener ÖVP. Parteichef Markus Figl dürfte sich durch die Ernennung von Kriz-Zwittkovits zumindest nicht vor den Kopf gestoßen fühlen. Vielleicht ein kleines Friedensangebot des ÖVP-Wirtschaftsbundes?

Wird sie langfristig Präsidentin bleiben?

Nein, das bezweifeln Insider. Als Nachfolgerin eine Frau zu präsentieren, schien für den Wirtschaftsbund angesichts der Sexismus-Vorwürfe wohl aber taktisch klug.

Wer sind mögliche Kandidaten für eine dauerhafte Nachfolge-Lösung?

Niemand bezweifelt, dass Rucks engster Zirkel vorerst an der Macht bleibt. Es ist also denkbar, dass eine Nachfolge im Sinne Rucks organisiert wird. Als Kandidat genannt wurde zuletzt Martin Heimhilcher, der einen dementsprechenden KURIER-Bericht aber vehement dementierte. Er ist ein Freund Rucks und kommt in den Tonaufnahmen vor.

Immer wieder im Gespräch für den Chef-Posten war Mario Watz, derzeit Obmann der AUVA. Er war Bau-Innungsmeister, bevor Rucks Sohn Christoph den Posten 2025 übernahm. Auch als Wiener Kammer-Chef hätte Christoph Ruck irgendwann auf Watz folgen sollen, so die Fantasie von Vater Walter.

Noch ein möglicher Kandidat: Rainer Trefelik, derzeit Spartenobmann Handel in der Bundeswirtschaftskammer. (Und bekannt für die riesige Weihnachtsschleife an der Fassade seines Geschäfts in der Kärntner Straße.) Er galt lange als Gegenspieler von Ruck und wurde deshalb einst in den Bund weggelobt.

Wird die Wiener Wirtschaftskammer jetzt umfassend reformiert?

Auf Bundesebene hat Präsidentin Martha Schultz nach dem Abgang ihres Vorgängers Harald Mahrer große Reformen eingeleitet. Auf Wiener Ebene war unter Ruck wenig Bereitschaft erkennbar. Kritik gibt es am undurchschaubaren Wahlsystem, dem aufgeblähten Funktionärsapparat und der wenig transparenten Vergabe von Kammer-Mitteln. Ob sich daran etwas ändert, ist unklar. Ruck hat Wirtschaftsbund und Kammer mit Gefolgsleuten besetzt. Offen ist, ob sie sich  emanzipieren und Reformen einleiten. 

Was bedeutet der Rücktritt Rucks für die Achse zwischen Wiener Wirtschaftskammer mit der Stadt Wien?

Das Bündnis zwischen der rot dominierten  Stadtregierung und der schwarzen Kammer wird gerne als inoffizielle Koalition bezeichnet, die das tatsächliche Machtzentrum der Bundeshauptstadt bildet. Das war unter den Vorgängern von  Ludwig und Ruck so – und das wird auch nach dessen unfreiwilligem Abgang so sein. Auch wenn sich die Protagonisten vielleicht persönlich nicht so nahe sind, wie es Ruck und Ludwig waren.

Wie sehr hat die Affäre der ÖVP geschadet?

Keine allzu souveräne Figur konnte ÖVP-Chef Christian Stocker abgeben. Erst  nach einer dreitägigen Schrecksekunde  forderte er von Ruck die Aufklärung der Vorwürfe. Eine Forderung, der der Kammerchef allerdings partout  nicht nachkommen wollte. So blieb Stocker nur der Parteiausschluss Rucks übrig, der zunächst dennoch  nicht von der Kammerspitze wich. Stocker hat recht, wenn er betont, dass er formell den Wirtschaftskammer-Präsidenten nicht absetzen kann. 

Was bleibt, ist der Eindruck, dass ein Machtwort des Kanzlers und ÖVP-Chefs im Ernstfall auf Landesebene wenig zählt.

Ist das Image von Bürgermeister Michael Ludwig beschädigt?

Sein Verhalten  sorgte  für Staunen: Während hochrangige ÖVP-Funktionäre längst den Rücktritt Rucks forderten, war es der rote Bürgermeister, der  in der Öffentlichkeit seinem Freund zur Seite sprang. SPÖ-intern kommt es nicht gut an, dass Ludwig die Vizebürgermeisterin Barbara Novak nicht entschieden verteidigt hat, als bekannt wurde, wie abschätzig Ruck über sie sprach. 

Was bleibt, ist  das Bild eines Bürgermeisters, der  willfährig Begehrlichkeiten des Kammerchefs exekutiert – zumindest, wenn man Ruck glaubt.

Wie geht es mit dem Tonband weiter?

Dieses könnte bei der Staatsanwaltschaft landen – zumindest, wenn es nach der FPÖ geht.

Welche Fragen sind noch offen?

Auch nach dem Rücktritt Ruck sind es viele: Wie lange kann sich der Wiener SWV-Präsident Marko Fischer halten, dem vorgeworfen wird, das Gespräch heimlich aufgezeichnet zu haben? Warum war der mächtige SPÖ-Bezirksvorsteher Ernst Nevrivy beim Gespräch dabei? Und was haben eigentlich er und die anderen Gesprächsteilnehmer zu Rucks Ausführungen gesagt?

kurier.at  |  30.07.2026, 18:24