Was Hockey dem Fußball voraushat: Es gibt sie noch, die klassische deutsche Turniermannschaft


Als die persönlichen Ehrungen anstanden, ging die deutsche Hockey-Nationalmannschaft weitgehend leer aus. Justus Warweg von Rot-Weiss Köln durfte zwar den Preis für den „Rising Star“ bei der Weltmeisterschaft in Wavre und Amstelveen in Empfang nehmen. Die Awards für den besten Spieler des Turniers und den besten Scorer aber heimste ein Argentinier ein, und als bester Torhüter wurde ein Spanier ausgezeichnet.

Für die Deutschen war das vergleichsweise leicht zu verschmerzen. Zum einen räumten sie den wichtigsten aller Preise ab, den silbernen Pokal für den neuen Weltmeister. Und zum anderen war es vor allem ein weiterer Beleg dafür, was diese Mannschaft in Wirklichkeit ausgezeichnet hatte: dass sie eben keine Ansammlung großer Stars oder Individualisten ist, sondern eine Mannschaft.

Im Endspiel gegen Spanien hatte sich das Team von Bundestrainer André Henning noch einmal zu einer finalen Kraftanstrengung aufgerafft. Am Ende siegten die Deutschen mit dem knappsten aller Ergebnisse. Der Treffer von Michel Struthoff zum 1:0 reichte zur erfolgreichen Titelverteidigung.

Dass diese Mannschaft zu diesem Zeitpunkt so unglaublich performt und alles mitbringt, um Titel zu gewinnen, das beeindruckt mich so krass.

Hockey-Bundestrainer André Henning

„Wir haben nicht unser bestes Spiel gemacht“, sagte der Siegtorschütze später im Interview bei Magenta TV, „aber wir sind als Team aufgetreten.“ Und weil die Spanier den Deutschen noch einmal alles abverlangt hatten, war neben Stolz und Freude vor allem Erschöpfung das vorherrschende Gefühl beim alten und neuen Weltmeister.

„Es ist so sackanstrengend gewesen“, sagte Hugo von Montgelas nach dem Finale, während Struthoff zugab, dass er sich „gar nicht richtig freuen“ könne: „Das waren die anstrengendsten 60 Minuten meines Lebens.“

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Mal haben die deutschen Männer nun den WM-Titel gewonnen: 2002, 2006, 2023 und 2026

Doch der Aufwand wurde belohnt – mit einem Titel, mit dem die wenigsten gerechnet hatten. Selbst Bundestrainer Henning hatte sein Team vor der WM als Wundertüte eingeschätzt. Das Etikett „Titelverteidiger“ war im Grunde ein Schwindel. Denn mit der Mannschaft, die 2023 Weltmeister geworden war, hatte der aktuelle Jahrgang nicht mehr viel gemein.

Nur neun der zwanzig Spieler im deutschen Kader sind schon vor drei Jahren bei der WM in Bhubaneswar (Indien) dabei gewesen. Mit dem früheren Kapitän Mats Grambusch und Lukas Windfeder, die beide ihre Karriere beendet haben, sowie dem verletzten Eckenspezialisten Gonzalo Peillat musste Henning drei Stützpfeiler des Weltmeisterteams von 2023 ersetzen. Und sechs Spieler in seinem Aufgebot sind 23 Jahre oder jünger.

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Doppelweltmeister. Bundestrainer André Henning holte nach 2023 in Indien erneut den Titel mit den deutschen Hockey-Männern.

© imago/Pro Shots/imago

„Dass diese Mannschaft zu diesem Zeitpunkt so unglaublich performt und alles mitbringt, was du brauchst, um Titel zu gewinnen, das beeindruckt mich so krass“, sagte Henning. „Wie sie zusammengewachsen ist, wie sie sich wirklich so viel Liebe gibt und so füreinander da ist: Das sucht seinesgleichen.“ Und deshalb laufe er nun „als Trainer mit Herzchenaugen durch die Gegend“.

Sein Team hat im Laufe des Turniers allen Widerständen erfolgreich getrotzt. Nachdem die Deutschen das erste Duell mit dem späteren Finalgegner Spanien 1:2 verloren hatten, mussten sie schon zum Abschluss der Zwischenrunde gegen Australien ein erstes K.-o.-Spiel bestreiten, ein inoffizielles Viertelfinale sozusagen. Nach nur drei Minuten geriet Hennings Mannschaft 0:1 in Rückstand, am Ende aber siegte sie 4:2 und sicherte sich damit den Einzug ins Halbfinale.

Ein früherer Hockey-Trainer fängt jetzt beim DFB an

„Das war unser mit Abstand bestes Spiel – und zwar in genau dem Moment, in dem wir am meisten Druck hatten“, sagte der Bundestrainer nach dem Erfolg gegen die Australier. Seinem Team bescheinigte er daher: „Das ist eine klassische deutsche Turniermannschaft!“

Im Hockey gibt es sie also noch. Anders als im Fußball, in dem die sogenannten deutschen Tugenden zwar oft beschworen werden, sie zuletzt aber nicht mehr gelebt wurden. In dieser Hinsicht kann der große Fußball tatsächlich vom – vergleichsweise – kleinen Hockey lernen.

Versuche, dieses Wissen zu transferieren, hat es sogar schon gegeben. In seiner Zeit als Bundestrainer wollte Jürgen Klinsmann Bernhard Peters, der mit den Hockey-Männern 2002 und 2006 Weltmeister geworden ist, als Sportdirektor zum Deutschen Fußball-Bund holen. Doch Klinsmann scheiterte am Beharrungswillen der konservativen Kräfte im DFB.

Peters‘ Nachfolger Markus Weise, 2004 mit den Hockey-Frauen sowie 2008 und 2012 mit den Männern Olympiasieger, wechselte 2015 als Leiter „Entwicklung und Innovation“ in die DFB-Akademie. Knapp vier Jahre später beendete er diese Tätigkeit auf eigenen Wunsch wieder, offenbar entnervt von der mangelnden Wertschätzung für seine Expertise.

Auch Jamilon Mülders hat im Hockey große Erfolge vorzuweisen. Als Spieler wurde er 2002 Weltmeister, als Trainer 2022 mit den holländischen Frauen. Zuletzt hat er als Performance Manager beim Niederländischen Hockey-Verband (KNHB) gearbeitet. An diesem Dienstag nun tritt der 50-Jährige einen neuen Job an. Er wird „Leiter Trainer*innen- und Talent-Entwicklung“ bei den weiblichen U-Teams des DFB.