Was machte Apollo im Salzkammergut?


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Was machte Apollo im Salzkammergut?

Eine winzige Bronzeapplik mit dem Kopf des Apollo inspiriert zu weitreichenden Überlegungen über menschliches Fehlverhalten und mögliches göttliches Wirken

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Stefan Groh

Archäologische Fundstücke erlauben Rückschlüsse auf ihre Verwendung, sprich Funktion, oder, wie in diesem Fall, auf die Gedankenwelt ihrer Besitzerinnen und Besitzer. Ein exzeptionelles Fundstück aus dem Salzkammergut sucht seinesgleichen in der römischen Welt.

Es trägt das Bild des griechisch-römischen Gottes Apollo, einem Bildtypus folgend, der ihn als strafenden Rächergott auszeichnet. Wie gelangte das Fundstück in diese Region und was erzählt das Fundstück mit dem Konterfei dieses Gottes für eine Geschichte?

Apollo

Wenn sich ein olympischer Gott in das Salzkammergut verirrt, dann kann das kein Zufall sein. Die keltischen Noriker und Taurisker imitierten bereits griechische Münzen, auf denen Apollo dargestellt war. Als Apollo-Belenus bezeugte er seine römisch-keltischen Wurzeln und war offizieller Stadtgott der Hafenmetropole Aquileia (Italien). Von hier aus verbreitete sich der Apollo-Kult entlang der Bernsteinstraße nach Norden.

So finden wir in Celeia, dem heutigen Celje in Slowenien, einen großen Marmorkopf einer Kolossalstatue des Apollo. In Teurnia (Kärnten) wurde er als römisch-keltischer Apollo-Grannus in einem Tempel verehrt und war für die Heilung Kranker verantwortlich. Die Zuständigkeitsbereiche des Licht- oder Sonnengottes Apollo waren vielfältiger Natur, sie reichten eben von der Heilung und dem Schutz ganzer Städte bis hin zu Wahrung der Künste wie des Gesangs, der Musik oder der Dichtung sowie der Weissagung.

In diesem Kontext zeigt Apollon sich gerne mit dem Attribut der Lyra. Die Orakelstätte von Delphi war ihm geweiht, der Lorbeerbaum seine heilige Pflanze. Ein weiterer bedeutsamer Aspekt war jedoch auch der eines rächenden und strafenden Gottes, weshalb er dann mit dem Bogen samt Köcher dargestellt wurde, so auf einer Statue aus der norischen Provinzhauptstadt Virunum.

Apollo mit seinem Bogen und Köcher aus Virunum

Das Fundstück

Doch zurück in das Salzkammergut. Hier ereignete sich um die Mitte des 3. Jahrhunderts n. Chr. ein Kapitalverbrechen, und zwar wurden ein römischer Militärposten überfallen und eine große Menge an Silbermünzen gestohlen.

Die Flucht der Räuber mit dem Münzschatz.

Auf der Flucht verloren die Diebe zumindest einen Teil der Beute, ob sie entkamen, kann nicht mehr geklärt werden, ist aber unwahrscheinlich. Einem der überfallenen Wächter, einem römischen Offizier, wurde ein Finger mit einem Ring abgetrennt, er dürfte das Verbrechen nicht überlebt haben.

Brandspuren auf einigen der Fundmünzen deuten darauf hin, dass sie sich ursprünglich in einer Holzkassette befunden haben dürften, die, zusammen mit dem Gebäude, in dem sie verwahrt waren, verbrannt ist. Die geraubten Münzen verloren die Täter auf ihrer Flucht, die Fundstücke streuten trichterförmig am Boden und lagerten sich im Wald ab. Die Fundstelle befindet sich heute in der Nähe von Bad Mitterndorf im sogenannten Kampwald.

Die Streuung der Fundmünzen entlang der Fluchtroute, ein Fingerring und die Bronzeapplik (Apollo) im Kampwald bei Bad Mitterndorf

Das bemerkenswerte, hier behandelte, winzige Fundstück lag in 31 Meter Entfernung nordöstlich der Münzmassierung und war zugleich das erste Objekt, das, von der rekonstruierten römerzeitlichen Wegtrasse aus betrachtet, verloren gegangen ist. Es war aus Bronze gefertigt und an der Rückseite hohl.

Das Stück ist derart detailreich und fein gearbeitet, dass es am ehesten von einem Münzmeister oder Gemmenschneider gefertigt worden sein dürfte. An der Schauseite befindet sich ein nach Links gewandter Kopf. Die Haupthaare werden von einer Binde gehalten, das Gesicht ist von Locken gesäumt. Über der Stirn wölbt sich eine große Haarlocke, ein Krobylos, das Haar wurde am Scheitel zu einem Knoten gedreht und hochgesteckt.

Die lediglich 1,7 × 1,4 cm groß Bronzeapplik ist in ihrer Art einzigartig, sie orientiert sich an Münzbildern und Gemmen aus der Zeit Alexander des Großen. Ein Pendant in der Fertigung und Haargestaltung ist mit einem Pferdegeschirrbeschlag aus Herculaneum aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. gegeben. Auf welchem Gegenstand das Stück aus dem Kampwald ursprünglich appliziert war, kann nicht im Detail geklärt werden, am ehesten ist an ein Kästchen aus Holz zu denken.

Apollokopf aus dem Salzkammergut

Apollo von Belvedere

Die Darstellung des männlichen Jünglings auf der Bronzeapplik trägt eine auffällige Haargestaltung, deren Vorbilder zeitlich weit zurückliegen. Dieselbe Frisur zierte Apollo auf einer 2,24 Meter großen römischen Marmorstatue, welche wiederum die Kopie eines griechischen Bronzeoriginals war, das in den Jahren 330 bis 320 v. Chr., vermutlich vom griechischen Bildhauer Leochares, gefertigt worden ist.

Apollo wird im Moment kurz nach dem Abschuss eines Pfeiles dargestellt. Und da befinden wir uns mitten in der Belagerung von Troja, dem Epos der Ilias von Homer. Apollo baute zusammen mit dem Meeresgott Poseidon die Stadtmauer von Troja und unterstützte es im Krieg gegen die Griechen.

Der Mythos besagt nämlich, dass Apollo die Pest in das Lager der angreifenden Griechen brachte, indem er mit der Pestilenz infizierte Pfeile verschoss. Dies geschah, weil Agamemnon, der Anführer der Griechen im Trojanischen Krieg, die Tochter des trojanischen Apollo-Priesters Chryses als Kriegsbeute geraubt hatte. Auf den Raub folgte die Bestrafung durch den erzürnten Apollo. Er war es auch, der den vom Königssohn Paris auf den unverwundbaren griechischen Helden Achilles abgefeuerten Pfeil lenkte, der diesen an seiner einzigen Schwachstelle, der "Achillesferse", traf.

Der so dargestellte Gott brachte Verderbnis über räuberische frevelnde Menschen, er personifizierte das Strafgericht eines Rächers. Der Bildtypus des Apollo von Belvedere, benannt nach seinem Aufstellungsort dem vatikanischen Belvedere, wurde wiederholt in der Kunstgeschichte aufgegriffen. Besonders prominent ist dessen Umsetzung in der Sixtinischen Kapelle in Rom. Michelangelo wählte als Vorbild für das Haupt des Weltenrichters nämlich genau den Kopf des Apollo von Belvedere, also jenen Bildnistyp, den wir im Kampwald angetroffen haben.

Der Apoll von Belvedere: Römische Statue nach einer griechischen Großbronze

Ein strafender Gott im Salzkammergut

Das Fundstück zierte wahrscheinlich eine Kassa, in welcher der Sold der in das Salzkammergut von Enns/Lauriacum abkommandierten Legionssoldaten aufbewahrt wurde. Das Leben dieser Männer in einer unwirtlichen, von räuberischen Banden heimgesuchten Region war hart. Sie wurden zur Sicherung der Verkehrswege eingesetzt, auf denen das wertvolle Salz nach Wels/Ovilava und an den Donaulimes transportiert wurde.

Der Abbau erfolgte am Sandling bei Bad Aussee, das Salz wurde über den Pötschenpass nach Bad Ischl und Ovilava transportiert. Aus Ovilava, dem heutigen Wels, ist ein von zwei römischen Soldaten gesetzter Weihestein für Apollo bekannt. Mit dem Setzen des Steines erbaten die Soldaten den Schutz des allmächtigen Gottes. Dies lässt auf ein Heiligtum oder einen Tempel des Apollo in der Stadt schließen.

Das in topografisch schwierigem Gelände etablierte römische Wegenetz des Salzkammerguts war weitverzweigt, eine Straße führte von Hallstatt durch das Koppental über das Bad Mitterndorfer Becken, entlang der Nordhänge des Grimming bis in das Ennstal.

Das Salzkammergut und der Fundort des Münzschatzes sowie der Bronzeapplik mit dem Apollo-Kopf im Kampwald

Ein Versorgungs- und Kontrollposten befand sich bei Pichl/Kainisch, am westlichen Ausgang des Bad Mitterndorfer Beckens. Hier dürfte der Überfall in den Jahren 241/243 n. Chr. stattgefunden haben. Hierher brachte man den in Rom frisch geprägten Sold, mit dem die Legionäre ihren Unterhalt bestreiten hätten sollen.

Warum wählte man nun ausgerechnet eine Bronzeapplike mit dem Kopf des Apollo für die Geldkassette? Man verstand damals genau, was dieser Apollokopf auf der Kassa symbolisierte: "Noli me tangere – Rühr mich nicht an, sonst wird dich der Zorn des Apollo treffen!"

Welch Ironie des Schicksals, dass diese Bronzeapplik Teil des geraubten Münzschatzes war, der auf der Flucht den Dieben verloren ging. Sie wurden wohl von Soldaten verfolgt und dürften den Raub nicht überlebt haben. Traf sie schlussendlich doch der rächende Pfeil des Apollo? (Stefan Groh, 24.9.2026)

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