Wenn die Haut zur Belastung wird – „Der Kratz-Impuls lässt sich nicht unterdrücken“


Stand: 17.09.2026, 08:00 Uhr

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Eine Mutter kniet neben ihrem am Boden sitzenden Kind und cremt den rechten Arm mit einer Salbe ein

Neurodermitis oder atopische Dermatitis (AD) ist eine der häufigsten chronisch-entzündlichen Hauterkrankungen und tritt meist bereits im frühen Kindesalter auf. © Christin Klose/dpa

Lästig, aber vorübergehend? Neurodermitis wird nach Einschätzung von Fachleuten oft unterschätzt. Dabei kann die Erkrankung enorm belastend sein – auch für das Umfeld betroffener junger Menschen.

Hannover (KNA) – Die Teenagerin möchte nicht mit der Bahn fahren, weil sie dort angestarrt wird. Ein Gleichaltriger findet seine Neurodermitis schlimmer als sein Asthma, obwohl die Atemnot eigentlich gefährlicher ist. Und selbst die erwachsene Frau wiegelt ab, als eine Freundin nachfragt, was sie da „Schlimmes“ an den Beinen habe. Neurodermitis betrifft mehr als die Haut. Doch die betroffene Haut ist oftmals sichtbar: Genau diese Mischung macht die Erkrankung für viele auch zu einer psychischen Belastung.

Artikel der KNA

Dieser Beitrag stammt von der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Neurodermitis oder atopische Dermatitis (AD) ist eine der häufigsten chronisch-entzündlichen Hauterkrankungen und tritt meist bereits im frühen Kindesalter auf. Laut aktuellen Statistiken betrifft die Diagnose in Deutschland 2,2 Millionen Erwachsene und 1,4 Millionen Kinder. Die meisten Menschen verbinden damit lästig juckende Haut, doch Fachleute betonen, dass die Belastung deutlich umfassender sein kann. Auch das Risiko für sogenannte Atopie-Karrieren ist erhöht, also die Entwicklung von Asthma oder Heuschnupfen.

Der Welt-Neurodermitis-Tag soll darauf aufmerksam machen: 2018 etabliert, findet er am Montag unter dem Motto #BreakTheInvisibleBurden statt (dt.: Die unsichtbare Last überwinden). Betroffene bräuchten Akzeptanz und Unterstützung, mahnt die Beauftragte für Öffentlichkeitsarbeit der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft, Silke Hofmann.

Neurodermitis ist kein kosmetisches Problem

Annice Heratizadeh, Kirsten Henning und Katharina Wirtgen gehören als zertifizierte Trainerinnen zum Neurodermitis-Schulungsteam an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Das Ziel, ob für Familien, Eltern oder Erwachsene, ist immer dasselbe: den Umgang mit der Erkrankung erlernen. Die Barrierefunktion des größten menschlichen Organs, der Haut, ist bei ihr aufgrund einer komplexen genetischen Veranlagung gestört; die Haut ist dadurch trockener und empfindlicher.

„Auf jeden Fall“ müssten Betroffene und Angehörige erst lernen, wie komplex Neurodermitis sei, sagt Henning, Kinderkrankenschwester und Diplom-Pädagogin. Einmal habe die Mutter eines erkrankten Kindes erleichtert festgestellt: „Sie sind die erste, die mir gesagt hat, dass es eine chronische Erkrankung ist.“ So habe sie selbst der Verwandtschaft erklären können, dass es keineswegs um ein kosmetisches Problem gehe.

Ständig kratzende Etiketten oder Ärmelbündchen, zu warme Bettwäsche, kribbelnde Haut unter Frottee: „Hautgesunde Personen merken das nicht, aber Betroffene spüren es sehr deutlich.“ Auch heiße Sommer machen Neurodermitis-Kranken besonders zu schaffen, manch anderen eher starke Kälte.

Die richtige Neurodermitis-Therapie finden

Individuell mögliche Auslöser erkennen und einen Umgang damit erlernen: Das ist nach Worten von MHH-Oberärztin und Dermatologin Heratizadeh ein wichtiger Baustein. Alle Betroffenen benötigen eine Basispflege, also Salben oder Cremes, die die Haut vor allem mit Feuchtigkeit und Fetten versorgt. Darauf baut das weitere therapeutische Stufenmodell auf, je nach Schweregrad der Symptome. Ab leichter bis mittelstarker Ausprägung kommen zusätzlich antientzündliche Wirkstoffe zum Einsatz.

Die Expertin will Ängste vor Kortison abbauen: Äußerlich angewendet, in der angemessenen Stärke und moderner Präparation sei es „das erste Mittel der Wahl, außer an sensiblen Stellen wie etwa im Gesicht oder in Hautfalten, insbesondere auch bei Babys“ – zumindest vorübergehend.

Zusätzlich stehen kortisonfreie Externa zur Verfügung (sogenannte Calcineurin-Inhibitoren oder Januskinase-Inhibitoren). Bei schwererer Ausprägung kommen auf Neurodermitis „zugeschnittene“, moderne innerliche Therapien zum Einsatz („immunmodulierend“; als Spritze oder Tablette). Allerdings gebe es nicht die eine dauerhafte Lösung für alle Betroffenen.

Wenn Schmerz im Gehirn zur Belohnung wird

Es kann also dauern, den eigenen Weg zu finden. Diplompsychologin Wirtgen erklärt die Dynamik des sogenannten Juckreiz-Kratzzirkels: „Der Kratz-Impuls lässt sich nicht unterdrücken.“ Die natürlichste Reaktion sei, die juckende Stelle zu kratzen. Aber oftmals könnten regelrechte Kratz-Attacken entstehen, die nicht nur der Haut selbst schaden.

Auch das Gehirn kann den Mechanismus erlernen: Wenn eine Stelle beispielsweise blutig gescheuert ist, geht das Jucken in Schmerz über. Für viele Betroffene eine kurzfristige Erleichterung, die jedoch den Kratz-Impuls weiter verfestigen kann.

Anschauliche Erklärungen finden

Das zu beobachten, sei für Eltern frustrierend, sagt Wirtgen. Es sei dann wichtig, zu unterscheiden, wann Kratzen aus echter Qual geschehe – und wann aus Gewohnheit, Verlegenheit oder vielleicht, um Aufmerksamkeit zu erhalten. Sie empfiehlt, die Erkrankung anschaulich zu erklären. Schon jüngere Kinder verstünden beispielsweise: „Deine Haut hat mehr Hunger“ oder: „Ich kann mit der Brille besser sehen – und deiner Haut geht es mit der Creme besser.“

Davon, die Hände eines Kindes festzuhalten oder es immer wieder zu ermahnen, rät Henning hingegen ab. Klopfen, streicheln, drücken: All das erleichtere juckende Haut, ohne sie kaputtzumachen. Wenn Kinder ungern eingecremt würden, sei es oft hilfreich, die Tiegel attraktiv, etwa bunt zu gestalten und kühl zu lagern.

Familientherapeutin Wirtgen ergänzt, bei größeren Kindern könnten Cremes und Medikamente so aufbewahrt werden, dass sie jederzeit herankämen – um einen eigenen Rhythmus zu finden und zu erleben, dass sie sich selbst helfen können. Wenn das Kind dann Kratzalternativen anwendet, sei es wichtig, zu loben: „So bekommt es dazu eine positive Zuwendung, die es ermutigt und weiter bestärkt.“

Tipps für den Umgang mit Neurodermitis

Was hautgesunde Menschen kaum wahrnehmen, kann für Neurodermitis-Patientinnen und -Patienten zur Qual werden. Eltern betroffener Kinder und erkrankte Erwachsene können auf einiges achten, um den Alltag zu erleichtern.

– Basistherapie konsequent anwenden: In der Regel wird ein mildes („pH‑hautneutrales“) Reinigungsmittel empfohlen, kombiniert mit einer wirkstofffreien, pflegenden Salbe, Creme oder Lotion, die trockene Haut mit Feuchtigkeit und Fetten versorgt. Eltern von Säuglingen mit Neurodermitis rät Annika Vogt, Dermatologin an der Berliner Charité, sie zwei- bis dreimal wöchentlich zu baden und anschließend einzucremen. Die Badezeit sollte kurz und die Wassertemperatur nicht zu hoch sein.

– Auf mögliche Auslöser achten: Die Hautbarriere ist bei Neurodermitis gewissermaßen durchlässiger, so formuliert es die Dermatologin Annice Heratizadeh. Im Einzelfall können luftgetragene Allergene (Pollen, Hausstaubmilben oder Tierhaare) sowie Temperaturwechsel oder chemische Irritation sogenannte Schübe und Ekzeme begünstigen. Tabak sollte unbedingt gemieden werden.

– Textilien prüfen: Auch mechanische Reize können die Haut irritieren. Nach Worten der Diplom-Pädagogin Kirsten Henning können kleine Maßnahmen helfen: Ärmelbündchen nach außen drehen, Etiketten sauber aus der Kleidung heraustrennen, Frottee und Biberbettwäsche vermeiden. „Wenn das Kind klagt: ‚Das kratzt‘ oder ‚das kitzelt‘ – unbedingt hinhören“, rät sie. Zudem ist die Hauttemperatur durch Entzündungsaktivität leicht erhöht: Betroffene sollten sich also nicht zu warm einpacken, vor allem nachts nicht.

– Alternativen zum Kratzen finden: Klopfen, Streicheln, Drücken – all das erleichtert laut Henning die juckende Haut, ohne sie kaputtzumachen. Die Hände eines Kindes festzuhalten oder es immer wieder zu ermahnen, führe dagegen selten weiter. Wenn Kinder ungern eingecremt würden, sei es oft hilfreich, die Tiegel attraktiv, also etwa bunt zu gestalten und kühl zu lagern.

– Aufklären: Schon jüngeren Kindern kann man die Erkrankung mit anschaulichen Vergleichen erklären, sagt die Psychologin Katharina Wirtgen. Zum Beispiel: „Deine Haut hat mehr Hunger“ oder: „Ich kann mit der Brille besser sehen – und deiner Haut geht es mit der Creme auch besser.“

– Vorsichtig nachfragen: Sichtbare Hautveränderungen sind für die meisten Menschen ohnehin unangenehm. Sätze wie „Oh nein, was hast du denn da?“ oder Kommentare darüber, wie „schlimm“ die Haut aussieht, können zusätzlich beschämen oder unangenehm berühren.

– Hilfe suchen: Unikliniken, Spezialzentren und Fachverbände bieten immer wieder Neurodermitis-Schulungen an; für schwer Betroffene gibt es auch Reha-Möglichkeiten. „Sie können eine Behandlung sinnvoll ergänzen“, sagt Vogt.

Betroffene klären Umfeld oft selbst auf

Die Krankheit zu verstehen, ist nicht nur für die Behandlung wichtig, sondern auch für den Alltag. Im Kindergartenalter glaubten andere Kinder mitunter, sich anstecken zu können, berichtet Henning. Dabei ist das nicht möglich. In manchen Reha-Programmen lernten junge Leute, wie sie ihre Haut pflegen und auf blöde Kommentare reagieren könnten. „Und wenn ein Schub da ist: Wie kannst du dich nach außen so zeigen – etwa mithilfe von Schminke – dass es für dich weniger belastend ist?“

Der Schweregrad von Neurodermitis bemisst sich nicht nur daran, wie stark die Haut entzündet ist, sondern auch sichtbare Hautareale spielen eine Rolle. Hänseleien, ein geringes Selbstwertgefühl und Frust über „kluge Ratschläge“ sind oft die Folge. Wenn Kinder sich zurückziehen, sogar soziale Ängste entwickeln, belaste das wiederum das gesamte Umfeld, sagt Wirtgen. Hier sei es oft wichtig, sich Hilfe und Austausch zu suchen: „Das entlastet oftmals sehr.“

Henning berichtet zudem von Müttern, deren Baby durch die Neurodermitis ungern kuschelt: Die Enttäuschung darüber könne den Aufbau einer gesunden Beziehung erschweren. Auch suchen Eltern oft monatelang nach Auslösern, führen Gespräche mit Erzieherinnen oder Lehrern – oder fürchten sogenanntes Überpflegen. „Das kommt immer wieder“, sagt Heratizadeh. Aber: „Überpflegen gibt es nicht. Gemeint ist, dass die Haut etwas verlernt, das sie selbst regulieren könnte. Genau das kann sie aber nicht.“