Wenn Nacktheit wieder provoziert: Eine Arte-Doku spürt der aussterbenden FKK-Kultur nach


„FKK vor dem Aus?“, fragt die Arte-Doku kurz und knackig, und wer die dort beschriebene Entwicklung nicht hat kommen sehen, dürfte – wie die Autorin hier – fürbass erstaunt sein. Was, Nackerte sterben aus? An Stränden und in Vereinen? Weil die jungen Leute heute alle so prüde sind? Wie kann das sein? Werden die heute nicht schon mit Porno sexsozialisiert, ziehen die nicht auch weitgehend auf TikTok und Instagram blank und bessern sich ihre Finanzen mit OnlyFans auf?

Stimmt. Doch der Graben zwischen inszenierter und gelebter Nacktheit scheint sich brutalst vertieft zu haben. Vielleicht, weil die an Stränden, in Klubs, auf Wanderungen und in Camps gelebte Nacktheit so fürchterlich unperfekt ist. Weichzeichner und Filter fallen da aus: Die Menschheit muss in all ihrer Unvollkommenheit ertragen werden, mit Falten, Cellulite, Dehnungsstreifen und Hängebäuchen. Das mag jüngeren Generationen einfach zu viel sein, sie wurden mit dem ganzen  Kladderadatsch krankhafter und bizarrer Selbstoptimierung via soziale Medien groß. Und leben – Bildschirmkontrollzeiten zufolge – lieber in einer Scheinwelt denn in der knallharten Realität.

Nacktheit nur noch akzeptiert, solange sie performt wird

Die Arte-Dokumentation „FKK vor dem Aus?“ erzählt deshalb viel mehr als nur die Geschichte einer Freizeitbewegung. Vielmehr spürt sie einem gesellschaftlichen Klima nach, das nackte Haut zwar pausenlos kommerzialisiert, den normalen und natürlichen Körper aber, so wie er uns nun einmal mitgegeben wurde, immer schwerer aushält. Die Pornografisierung der Öffentlichkeit hat Nacktheit nicht enttabuisiert, sondern ästhetisiert und normiert. Nacktheit ist heute oft akzeptiert, solange sie performt wird – als Selbstinszenierung, als Fitnessprojekt oder als erotisches Versprechen.

Im Mittelpunkt der Doku steht Jeannette Langner aus Zwickau. Für sie gehört Freikörperkultur seit ihrer Kindheit zum Alltag. Heute muss sie sie immer mehr verteidigen: an FKK-Abschnitten an der Ostsee, in die sich vermehrt Badehosen- und Bikiniträger einschleichen; und auch in ihren Integrationskursen, in denen sie Deutsch lehrt und vornehmlich Migranten sitzen hat, die mit nackten Leibern nun gar nicht klarkommen. Der blanke Körper scheint ins Hintertreffen zu geraten. So sehr, dass es seit 2025 die Verfügung gibt, das Nacktsein an 37 ausgewiesenen FKK-Abschnitten an der mecklenburgischen Ostseeküste radikal einzuhalten. Wer dagegen verstößt, kann vom Strandvogt (wenn der denn da ist) des Platzes verwiesen werden.

Auch die Akten sprechen Bände, schaut man auf das Verschwinden der Nacktheit im öffentlichen Raum: Europaweit hat sich die Zahl der organisierten Naturisten halbiert. In den Klubs ist das Durchschnittsalter oft 60 und mehr. Jeannette Langner will das nicht länger hinnehmen: Als Vorsitzende von Get Naked Germany kämpft sie dafür, Naturismus als immaterielles UNESCO-Kulturerbe anerkennen zu lassen. Das mag zunächst kurios klingen, dahinter stehen aber einige nachvollziehbare Ideen: Was, wenn Nacktsein nicht ein Zustand, sondern eine Haltung wäre? Und sie uns wieder zu mehr Gelassenheit führen würde? Schließlich sind wir Menschen unser Körper und sollten ihm, so wie er nun mal ist, dankbar sein. Weil er uns durchs Leben trägt, unser Überleben garantiert, überhaupt erst unser Sein manifestiert.

Die Dokumentation begleitet Langners Verein auch bei Nacktwanderungen, Museumsbesuchen oder Weinverkostungen. Das hat bisweilen etwas Skurriles, aber nie etwas Lächerliches. Ihre beiden Söhne, 23 und 26 Jahre alt, können mit dem Entkleidungsdrang der Mutter – wie könnte es anders sein – natürlich nichts anfangen. Aber nahe London wirbt die junge Britin Saoirse Newhouse für British Naturism in den sozialen Medien. Für die 21-Jährige ist er kein nostalgischer Rückzug, sondern Widerstand gegen Körpernormen und digitale Schönheitsfilter. Sie wünscht sich, dass ihre Generation die natürliche Nacktheit neu entdeckt – fernab von Insta & Co.

FKK vor dem Aus? Dokumentation, jetzt in der Arte-Mediathek

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