Attraktivität in der Politik: Warum Rechte schöner sind
Man könnte sagen: Es gibt keine objektiv schönen oder hässlichen Politiker, so was liegt immer im Auge des Betrachters. Das wäre eine hehre Haltung, aber sie ist nachweislich falsch. Forscher haben gezeigt, dass Attraktivität eine leicht messbare Größe ist. Man muss nicht einmal Tausende Menschen fragen, wer attraktiv ist und wer nicht, es reichen zwei Dutzend, und die sind sich so einig, dass ihr Urteil repräsentativ ist.
Man könnte sagen: Das Aussehen ist doch nicht so wichtig. Ein Politiker arbeitet inhaltlich. Das Parlament ist kein Laufsteg. Aber das wären unhaltbare Behauptungen.
Forscher haben Tausende Fotos von Politikern genommen und Menschen in anderen Ländern gefragt, wer davon attraktiv ist und wer nicht. Es wurde sichergestellt, dass niemand wusste, wer die Gezeigten sind. Amerikaner bewerteten finnische Kommunalpolitiker, die sie noch nie gesehen hatten. In anderen Fällen merkten die Forscher, wie unbekannt Prominente selbst im eigenen Land sind. Einmal sollten Politikstudenten aus Hannover in schneller Folge Fotos bewerten – und erkannten den damaligen Ministerpräsidenten ihres Bundeslandes nicht: Christian Wulff.
Wer attraktiv ist, bekommt mehr Stimmen
Als man wusste, welche Politiker gut aussehen und welche nicht, wurden Wahlergebnisse untersucht. Das ging bei den Parteitagen los. Wer attraktiv ist, bekommt mehr Stimmen, weniger Gegenkandidaten, wird in weniger Wahlgängen gewählt und als Kandidat in leichter zu gewinnenden Wahlkreisen eingesetzt. So eklatant ist die Ungerechtigkeit. Im Parlament bekommen Attraktive prestigeträchtigere und sichtbarere Führungspositionen, und vielleicht ist diese ganze Bevorzugung ein Grund, warum sich attraktive Politiker nachweislich öfter trauen, gegen die eigene Parteilinie zu stimmen. Sie sind also nicht nur schöner, sondern auch mutiger, ihr unverdientes Äußeres erzeugt eine innere Geradlinigkeit, die andere an ihnen bewundern. Die Ungerechtigkeit bleibt nicht an der Oberfläche.

Wähler unterstellen attraktiven Politikern eher, intelligent, kreativ, ehrlich, authentisch, vertrauenswürdig und kompetent zu sein. Sie schreiben auch einer Partei, die einen attraktiven Kandidaten hat, mehr positive Eigenschaften zu. Machen attraktive Politiker einen Fehler, wird ihnen schneller verziehen. Sie bekommen, wenn sie vor Schwierigkeiten stehen, mehr Unterstützung und Respekt, und zu allem Überfluss werden sie von den Medien öfter erwähnt und abgebildet als ihre weniger vorzeigbaren, verhuschten Kollegen in den unwichtigen Funktionen und schlecht sitzenden Anzügen, die in umkämpften Wahlkreisen antreten, die sie sich auf dem Parteitag gegen große Widerstände erkämpfen mussten.
Nachteile wegen der Hautfarbe, des Geschlechts oder der sexuellen Orientierung werden oft besprochen. Hässlichkeit aber bleibt ein Tabu. Dabei haben unattraktive Menschen schon in der Kindheit immense Nachteile. Eltern von niedlichen Babys sind fürsorglicher und beschäftigen sich lieber mit ihnen als Eltern anderer Kinder. Attraktive haben schon im Kindergarten mehr Freunde. Erwachsene finden sie nicht einfach nur süßer, sondern halten sie für die besseren Menschen: ehrlicher, lieber, intelligenter. Später geben ihnen Lehrer bessere Noten. Im Beruf verdienen sie mehr Geld, werden eher befördert und öfter für ihre Leistung gelobt. Sie sind deshalb eher der Meinung, in einer gerechten, fairen Welt zu leben, in der es keine Notwendigkeit gibt, eine soziale Umverteilung anzustreben oder benachteiligte Gruppen zu ermächtigen. Also schließen sie sich Parteien an, die zu ihren Überzeugungen passen.
Konservative in Brüssel sind 25 Prozent attraktiver als Linke
So entstehen Unterschiede. Forscher haben die attraktiven Politiker von den unattraktiven getrennt und geschaut, in welchen Parteien es mehr oder weniger davon gibt. Ergebnis: Konservative Politiker sind attraktiver als linke Politiker. Man kann auch genau sagen, um wie viel. Im Europäischen Parlament sind die Konservativen im Schnitt 25 Prozent attraktiver als Sozialdemokraten, in Australien 32 Prozent, in Finnland 41 Prozent und in den Vereinigten Staaten 14 Prozent.

Die Unterschiede zwischen den Ländern haben einen Grund. Weil die Attraktiven sich nicht vor Konkurrenz fürchten, macht sie das im politischen Sinne zu Liberalen: Sie glauben an den Markt, in dem sie die Gewinner sind. Der Liberalismus ist aber in jeder Parteienlandschaft anders aufgeteilt. In den Vereinigten Staaten denken auch weite Teile der Demokraten so. Also sind die Attraktivitätsunterschiede zwischen Linken und Rechten dort geringer.
In Deutschland ist das anders, dort sind die Unterschiede groß. Der F.A.S. liegen bislang unveröffentlichte Rohdaten der Universität Düsseldorf vor, die der Soziologe Ulrich Rosar erhoben hat. Er ließ Probanden die Attraktivität der Direktkandidaten bei der Bundestagswahl 2025 bewerten. Am attraktivsten waren die Kandidaten der FDP, was einleuchtet, weil sie in Deutschland diejenige Partei ist, die am ehesten für Marktliberalismus steht. Danach folgten Union, Grüne und SPD. Weit abgeschlagen standen die Kandidaten von BSW, AfD und Linkspartei. Sie waren die unattraktivsten. Rosar findet das plausibel: „Je unattraktiver die Personen sind, desto eher erleben sie Nachteile im freien Wettbewerb und fordern eine Begrenzung der Konkurrenz.“ Sie wollen geschützt werden – vor dem freien Markt, der Macht der Wohlhabenden oder vor Migranten, die ihnen die Jobs wegnehmen.
Man könnte eine freundlichere Erklärung für das Abschneiden der AfD versuchen. Ihre Kandidaten sind oft Männer und älter. Das zieht runter: Jüngere und Frauen wirken attraktiver. In Rosars Studie kann das aber nicht der Grund sein: Die Effekte von Alter und Geschlecht wurden vom Soziologen rausgerechnet. AfD-Politiker sind wirklich und objektiv weniger attraktiv.
Sie können sich an etwas anderem festhalten. In jeder Partei hat die Attraktivität der Kandidaten ein anderes Gewicht. Bei der Union und der SPD ist den Wählern das Aussehen besonders wichtig. Bei Grünen, FDP und Linken hingegen weniger. Bei der AfD ist der Effekt nicht messbar. Es gibt ihn nicht. AfD-Wähler entscheiden nicht nach Attraktivität, oder allgemeiner: nicht nach Personen. Sie wählen, weil sie etwas wollen, zum Beispiel weniger Ausländer. Sie kümmern sich nicht darum, wie derjenige aussieht, der ihre Position vertritt.
Schönere Kandidaten wurden öfter rechts eingeordnet
Wenn konservative Wähler attraktive Politiker stärker belohnen als andere, könnte man sie für uninteressiert halten oder für banal. Der Finne Panu Poutvaara, Leiter des Ifo-Zentrums für Migration und Entwicklungsökonomik in München, hat einen anderen Verdacht. Benutzen konservative Wähler das Aussehen als Abkürzung? Schließen sie – berechtigterweise – vom Aussehen auf die Weltanschauung? Poutvaara legte Testpersonen zwei Fotos von unbekannten Politikern vor und fragte, welcher Weltanschauung sie diese zuordnen. Und siehe da: Schönere Kandidaten wurden öfter rechts eingeordnet, weniger schöne öfter links. Menschen schließen also vom Aussehen auf die Gesinnung und tun das, wie sich zeigt, nicht zu Unrecht.

Für links eingestellte Bürger kann das ein Dilemma bedeuten: Sie bevorzugen, wie alle Menschen, attraktive Kandidaten. Sie müssen aber davon ausgehen, dass mit der Attraktivität auch die konservative Einstellung wächst. Was tun sie? Poutvaara: „In unserer Studie haben wir herausgefunden, dass auch linke Wähler lieber besser aussehende Kandidaten gewählt haben, obwohl sie zu denen eine größere ideologische Distanz hatten.“ Das Aussehen war – bis zu einem gewissen Grad – wichtiger als der Inhalt.
Linke könnten sagen: Manche sind nur schöner, weil sie reicher sind. So jemand hat vielleicht den besseren Friseur, den erholsameren Urlaub, die besser pflegende Gesichtscreme und ein gewisses Leuchten in den Augen, weil sein Leben so fabelhaft ist. Gleichzeitig ist er eher konservativ, findet den Marktliberalismus nicht schlecht und ist genervt von Gewerkschaften, die sein übertarifliches Gehalt gefährden. Das, sagen Forscher, ist möglich, ihren Daten nach kann es aber nur einen kleinen Teil des Phänomens erklären.
Das alles betrifft nicht nur Politiker, sondern auch ihre Anhänger. Einmal verwendeten skandinavische Forscher die Daten der American National Longitudinal Study of Adolescent Health. Dort geben die Teilnehmer an, ob sie sich selbst attraktiv finden und wo sie politisch stehen. Ergebnis: Wer sich selbst schön fand, war öfter konservativ. Das war ein Indiz für die These: Anhänger konservativer Politiker sind entweder hübscher oder sind zumindest dieser Meinung, wenn sie in den Spiegel schauen.
Muss sich Ines Schwerdtner vor Friedrich Merz verstecken?
Es gibt ein Unwohlsein bei all dem. Was die Forscher über das Aussehen sagen, kann für einen plumpen Angriff benutzt werden: als wäre linke Sozialpolitik eine Komplexbearbeitung des hässlicheren Teils der Gesellschaft. Deshalb kommen immer Gegenbeispiele, also die Namen von linken Politikern, deren Attraktivität niemand leugnen kann, im Vergleich zu den eher inhaltlich getriebenen Exemplaren der anderen Parlamentsseite. Müsste sich die Linken-Vorsitzende Ines Schwerdtner von dem CDU-Vorsitzenden Friedrich Merz etwas über Attraktivität sagen lassen? Muss sich der französische Rechtspopulist Jordan Bardella verstecken vor einem Rechtsliberalen wie Präsident Emmanuel Macron? Der Soziologe Rosar kennt das. Er geht aber nicht nach Anekdoten, sondern nach den Daten über die gesamte Bandbreite der vielen Hinterbänkler, die niemand vor Augen hat. Sie sind ausschlaggebend. Er sagt: „Es gibt auch bei der Linkspartei extrem attraktive Personen, aber die sind nicht charakteristisch.“

Ein anderes Gegenbeispiel ist die Bewegung von Donald Trump. Dort spielt Attraktivität eine große Rolle. Der Frankfurter Amerikanist und Ästhetikforscher Johannes Völz spricht vom „Barbie-und-Ken-Ideal“, langbeinige Blondinen mit aufgespritzten Lippen und kurzen Röcken, ein Verteidigungsminister mit soldatischem Körper und Fernsehgesicht, der vor seinen Generälen den Kämpfer markiert. Völz schreibt gerade ein Buch darüber. Er ist überzeugt, dass es bei solchen Stereotypen um mehr geht als Vorlieben. „Das sind Komplementärpaare. Die Anhängerschaft sagt: Wir lassen uns dieses Frauenideal und dieses Männerbild nicht von einem linksliberalen Establishment verbieten.“ Dagegen haben liberaldemokratische Parteien eine andere Ästhetik. „Sie versuchen, Prozesse und Institutionen in den Vordergrund zu rücken. Es geht um das Amt, nicht um die Person. Angela Merkel ist das klassische Beispiel. Für Rechtspopulisten gibt es eine größere Faszination für die Person.“
Dem Volkswirt Poutvaara ist nicht ganz wohl mit dem, was seine Studien ihn lehren. Er findet, die Menschen sollten seine Erkenntnisse zum Anlass nehmen, einmal nachzudenken, wen sie wählen und warum. „Ich hoffe, dass es dann die Tendenz gibt, analytisch zu wählen und nicht nach dem Aussehen.“