Wie der Klimawandel Taifune verändert


Stand: 09.08.2026, 12:55 Uhr

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Supertaifun Hinnamnor wütet im September 2022 über Fernost.

Supertaifun Hinnamnor wütet im September 2022 über Fernost. © IMAGO/NASA Earth

Im westlichen Pazifik könnten besonders heftige Wirbelstürme zunehmen. Auf den Philippinen hat sich die Zahl der Supertaifune seit 1998 mehr als verdoppelt.

Der erste kräftige Regenschauer kommt pünktlich zur Mittagszeit. Eine tropfende Menschentraube drängt sich unter die vorstehende Gebäudekante an einem Supermarkt in Ximending, einem trubeligen Viertel in Taiwans Hauptstadt Taipeh.

Die für die Stadt typischen Laubengänge, die sich wie schmale Arkaden durch ganze Straßenzüge ziehen, bieten zwar Schutz. Doch sobald der Wind sich dreht, peitscht der Regen selbst dort waagerecht durch die Gänge.

Es ist Freitag, einige Stunden bevor der Supertaifun Bavi nördlich der Insel vorbeiziehen soll. Diesmal könne es ernst werden, warnen Taiwans Medien seit Tagen. Die Bevölkerung solle sich auf das Schlimmste vorbereiten. Präsident Lai Ching-te zeigt in einem Facebook-Clip, welche Vorräte in einen Notfallrucksack gehören.

Am Ende bleibt Taiwan jedoch das Schlimmste erspart. Bavi – mit einer Fläche so groß wie Frankreich – schwächt sich in den Tagen zuvor leicht ab.

Die Menschen in Taiwan sind gewarnt.

Die Menschen in Taiwan sind gewarnt. © IMAGO/Ryan Eduard Benaid

„Vor allem hatten wir Glück, dass der Taifun weiter nördlich vorbeigezogen ist als wir befürchtet hatten“, erklärt Huang Treng-shi, Direktor des taiwanesischen Wettervorhersagezentrums CWA.

Besonders hart trifft Bavi die Nördlichen Marianen. Edie Hälfte der Gebäude auf Rota wird beschädigt. Auf den Philippinen sterben mindestens 17 Menschen an den Folgen des Taifuns. In China werden laut der Nachrichtenagentur AP fast drei Millionen Menschen in Sicherheit gebracht.

In Ximending bummeln dagegen bereits am Sonntagvormittag wieder die Ersten durch die Einkaufsstraßen, in typisch tropischer Regenmontur – kurze Hose, Sandaletten und Regenschirm. „Wir sind an Taifune gewöhnt“, sagt ein Kellner am Abend unbeeindruckt. „Irgendwann wird auch uns wieder ein wirklich großer treffen, aber diesmal hatten wir Glück.“

Evakuierungen schon bevor die Lage eskaliert

Der Taifun Morakot von 2009 gilt vielen als Referenzereignis für einen „schlimmen Taifun“. Binnen weniger Tage fielen in einigen Regionen bis zu 2.800 Millimeter Regen – fast fünfmal so viel wie in Berlin durchschnittlich in einem Jahr. Der Sturm löste verheerende Überschwemmungen und gewaltige Erdrutsche aus. Rund 700 Menschen starben.

Taiwan investiert nicht zuletzt aufgrund dieser Erfahrung enorm in Prävention. Kaum ein anderes Land in Ostasien könne heute mithilfe hochauflösender Wettermodelle so präzise vorhersagen, welche Regionen besonders gefährdet sind, sagt Huang Treng-shi. Evakuierungen würden deshalb oft schon eingeleitet, bevor die Lage kritisch wird.

Doch trotz aller Fortschritte bereitet eine entscheidende Frage auch Huang Kopfzerbrechen: Wie verändert der Klimawandel Taifune?

Der nordwestliche Pazifik bietet günstigere Bedingungen für tropische Wirbelstürme als jede anderen Region der Welt. Mit seinen 7.600 Inseln, nach Osten offen zum gigantischen Pazifik, gibt es kein Land, das stärker unter Taifunen leidet als die Philippinen. Auch Taiwan, Japan, die südostchinesische Küste und weite Länder der Region werden Jahr für Jahr getroffen.

Seltener, aber heftiger

Die Physik von Taifunen ist komplex. Ein Wirbelsturm benötigt deutlich mehr als warmes Meerwasser.

Die Atmosphäre muss labil genug sein, damit warme, feuchte Luft kräftig aufsteigen kann. Gleichzeitig darf die Windscherung – unterschiedlich starke oder unterschiedlich gerichtete Winde in verschiedenen Höhen – nicht zu groß sein. Sonst wird der entstehende Wirbel auseinandergerissen, bevor er sich organisieren kann.

Hinzu kommt: Ein Taifun entsteht nicht aus dem Nichts. Fast jeder beginnt als unscheinbare atmosphärische Störung, wie bei einem Gewitter mit leicht vermindertem Luftdruck. Erst wenn all das – und noch mehr – zusammenpasst, kann daraus ein gewaltiger Taifun werden.

Der Klimawandel verändert nicht nur die Temperatur des Meerwassers, sondern auch die Atmosphäre. Klimamodelle deuten darauf hin, dass in den Tropen stabilere Atmosphärenschichtungen häufiger werden könnten. Diskutiert wird außerdem, ob sich künftig weniger tropische Störungen bilden, aus denen Taifune sich überhaupt erst entwickeln.

Die Forschungsliteratur deutet zunehmend darauf hin: Durch die Erderwärmung werden Taifune nicht häufiger und vielleicht sogar seltener. Das bedeutet allerdings keineswegs, dass auch die Gefahr abnimmt. Im Gegenteil: Seit einigen Jahren verdichten sich die Hinweise, dass besonders starke Taifune häufiger werden könnten.

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Seit einigen Jahren verdichten sich Hinweise, dass besonders starke Taifune häufiger werden könnten. Abgesehen von uneinheitlichen Datensätzen sind starke und sehr starke Taifune allerdings selten, und entsprechend schwierig ist es, einen Trend nachzuweisen.

Denn nicht nur der Klimawandel, sondern auch natürliche Schwankungen wie El Niño und La Niña beeinflussen das Taifungeschehen. Forscher:innen müssen also nach einem sehr leisen Signal in einem lauten Datensatz suchen.

Klarer wird das Bild beim Blick auf einzelne Regionen. „„Seit 1998 hat sich die Zahl der Supertaifune auf den Philippinen mehr als verdoppelt“, sagt Rafaela Jane Delfino von der Universität der Philippinen. Auch ungewöhnlich späte „Weihnachtstaifune“ würden häufiger beobachtet. „Selbst wenn es insgesamt weniger Stürme gibt, setzen intensivere und atypische Taifune den Philippinen stärker zu.“

Den Fokus auf die Zahl der Taifune hält Huang Treng-shi ohnehin für unglücklich. Selbst die Zahl der starken Taifune gebe noch keinen Aufschluss über die Gefahrenlage.

Bald drei, vier oder fünf Supertaifune pro Jahr?

„Sehr starke Taifune sind in der Regel langlebiger“, erläutert Huang. Selbst in Jahren mit weniger Taifunen könne ihre freigesetzte Energie daher ähnlich hoch oder sogar höher sein als in besonders aktiven Saisons.

„Die Interaktion des Taifuns mit der Topografie von Taiwan macht uns außerdem eigentlich die meisten Sorgen. Vor allem Systeme, die sich im Südwesten festsetzen, richten enorme Zerstörungen an.“

Ein mittelschwerer Taifun kann am falschen Ort also mehr Zerstörung bewirken als ein Supertaifun. Hinzu kommt, dass Untersuchungen zeigen, dass Taifune sich in immer kürzerer Zeit enorm verstärken können. „Wenn sich ein Taifun erst kurz vor dem Erreichen der Küste verstärkt, verkürzt das die Zeitspanne für Warnungen, Evakuierungen und Vorbereitungen erheblich“, betont Delfino. Im Vergleich zu Taiwan sind die Philippinen deutlich schlechter gegen Extremereignisse gerüstet. Zwar habe der Inselstaat große Fortschritte erzielt, sagt Delfino, doch die Möglichkeiten seien regional sehr unterschiedlich.

Was Taifune so gefährlich macht

Als Supertaifun Haiyan 2013 auf die Philippinen trifft, zerstört er innerhalb weniger Stunden mehr als eine Million Häuser. Mehr als 6.300 Menschen sterben. Auch in späteren Jahren richten schwere Taifune dort enorme Schäden an.

„Unser Ziel ist es, mit besserer Infrastruktur, Kommunikation und Vorhersage Todesfälle und Zerstörung zu vermeiden“, sagt Delfino. Mehr könne man nicht tun. Aufhalten ließen sich Taifune nun mal nicht.

Das Schadenspotenzial von Taifunen werde mit dem Klimawandel steigen, sagt sie. Die entsprechenden Prognosen seien sogar noch konservativ. Sie berücksichtigen bislang nur die physikalische Zerstörungskraft der Stürme, nicht die Verwundbarkeit der Menschen und ihrer Infrastruktur. „Die tatsächlichen Folgen könnten deshalb noch deutlich gravierender sein.“

Die Frage, ob der Klimawandel künftig drei, vier oder fünf Supertaifune pro Jahr hervorbringt, ist wissenschaftlich spannend. Für die Menschen entlang der Küsten des westlichen Pazifiks ist sie jedoch nicht die entscheidende.

Ob ein Sturm zur Katastrophe wird, hängt von vielen Puzzleteilen ab. Manche entscheiden sich über dem offenen Meer, andere dort, wo er auf Land trifft.