Wie der Kongo-Konflikt dem Ebola-Virus in die Karten spielt


D'zirava Lety braucht nur wenige Worte, um die Ausweglosigkeit ihrer Situation zu schildern: "Es gibt im ganzen Lager nur einen Wasserhahn. Und auch fehlende Toiletten sind ein Problem: Kinder erleichtern sich überall. Weil die Seuche bei uns angekommen ist, sollen wir uns die Hände waschen, aber es gibt keine Hygienekits. Und wir können unsere Waren nicht in der Stadt verkaufen: Die Leute stoßen uns weg und sagen, wir übertragen Krankheiten."

Ein Mann sitzt in einem Flüchtlingslager an einer Nähmaschine
Binnenvertriebene wie dieser Mann bei Bunia sind oft auf einfache Dienstleistungen angewiesen, um ihr Leben in den Camps finanzieren zu können - doch Ebola erschwert nun die Interaktion mit potenziellen KundenBild: Xinhua/IMAGO

Lety lebt mit 20.000 anderen Binnenvertriebenen im Flüchtlingslager Kigonze vor den Toren der Stadt Bunia im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Sie sind geflüchtet vor der Gewalt der zahlreichen Rebellengruppen, die seit Jahrzehnten die Region destabilisieren. Doch nun greift ein weiteres Sicherheitsrisiko direkt im Lager um sich: Die DW erfuhr von der Lagerleitung, dass im Juni erstmals bei Verstorbenen das Ebola-Virus festgestellt wurde. "Es gab vorher nicht so viele Tote, aber seitdem Ebola angekommen ist, verzeichnen wir bis zu sechs Versterbende pro Tag", sagt der Lagervorsitzende Étienne Ndrutsi.

Wie Konflikte als Brandbeschleuniger für Krankheiten dienen

Die seltene Bundibugyo-Variante des Virus grassiert laut Experteneinschätzungen mindestens seit April in der Gegend; direkt nach der Entdeckung des Ausbruchs im Mai rief die Weltgesundheitsorganisation eine gesundheitliche Notlage aus. Bis Mitte Juli gab es im Kongo 1963 bestätigte Infektionen und 719 Todesfälle, dazu kommen 20 Infektionsfälle und zwei Tote im benachbarten Uganda. Die WHO schätzt jedoch, dass nur jeder zweite Fall - womöglich sogar nur jeder vierte - erfasst wird.

Im Ostkongo werden die Gegenmaßnahmen durch die Sicherheitskrise erschwert. Das Virus hingegen kann sich leichter ausbreiten, weil Menschen wie D'zirava Lety in überfüllten Flüchtlingslagern leben oder durch ihre Ortswechsel die Verbreitung beschleunigen.

Eine Frau bestückt eine Wäscheleine in einem Vertriebenencamp inmitten des Ebola-Ausbruchs
Menschen, die in Friedenszeiten einen recht kleinen Bewegungsradius hätten, werden durch die Gewalt in der Ituri-Provinz zu Ortswechseln gezwungenBild: Xinhua/picture alliance

Während die Epidemie also vom Konflikt profitiert, wird die Bekämpfung aktiv erschwert: "Gesundheitskräfte, Behandlungszentren, Labore, Krankenwagen und medizinische Nachschubwege müssen grundsätzlich vor militärischer Behinderung und politischem Wettstreit geschützt werden", fordert deshalb Juste Codjo, ein früherer Offizier in der beninischen Armee und Sicherheitsforscher an der Kean University in New Jersey (USA).

"Das humanitäre Völkerrecht schützt zwar den Zugang zur Gesundheitsversorgung in bewaffneten Konflikten, doch in der Realität müssen diese rechtlichen Verpflichtungen stets durch praktische Verhandlungen mit jedem Akteur untermauert werden, der in der Konfliktzone Gebiete kontrolliert", sagt Codjo zur DW.

Ein Kämpfer mit einem Gewehr sitzt auf einer kleinstädtischen Straße
Dieser Rebellenkämpfer in El Salvador bewacht eine zerstörte Polizeigarnison - andere halfen in späteren Phasen des Bürgerkriegs sogar aktiv mit, um Kinder gegen Polio, Masern, Diphterie, Tetanus, Keuchhusten und anderere Krankheiten zu immunisierenBild: Luis Romero/AP Photo/picture alliance

Weltweit kommt es trotzdem immer wieder dazu, dass Konflikte und Krankheiten einander überlagern: Im krisengeschüttelten Jemen kämpfen Helfer und Behörden seit einem Jahrzehnt gegen immer wieder aufflammende Cholera-Ausbrüche. Und auch die Cholera-Epidemie im Sudan von 2024 bis 2026 mit mehr als 3500 Toten lässt sich mit dem dort andauernden Bürgerkrieg in Verbindung bringen - nicht zuletzt, weil die Kriegsparteien Helfern kaum Zugang zur Seuchenbekämpfung einräumten.

Historisch gibt es auch Beispiele, wie es anders laufen kann: So verständigten sich im Bürgerkrieg in El Salvador (1980-92) die Konfliktparteien dreimal auf eintägige Waffenruhen, um Hilfsorganisationen sichere Impfkampagnen gegen eine Reihe von Kinderkrankheiten zu ermöglichen. Im Kongo sind Forderungen nach Ebola-Waffenruhen bisher verhallt.

Das Muster früherer Epidemien: Erst Angriffe, dann mehr Infektionen

Als der Ostkongo 2018 schon einmal von einem verheerenden Ebola-Ausbruch betroffen war, dokumentierten US-Wissenschaftler eine eindeutige Korrelation zwischen Gewalt und Ausbreitung des Virus. Das Muster war in mehreren Fällen das gleiche: Rebellen attackieren einen Ort oder ein Gesundheitszentrum. Daraufhin bricht dort die Kontakt-Nachverfolgung sowie die Impfung von Kontaktpersonen zusammen. Anschließend gehen lokal die Fallzahlen spürbar nach oben.

So steckte in der Stadt Beni jeder Infizierte nach Beginn der Impfkampagne laut Studieim Schnitt 0,8 Menschen an - das Infektionsgeschehen verringerte sich also allmählich. Nach einem Rebellen-Angriff stieg dieser sogenannte R-Wert wieder auf 1,9 - jeder Infizierte steckte zeitweise also fast zwei weitere Personen an. Als die Auswirkungen der Gewalt zurückgingen, sank auch der R-Wert bis November wieder auf 0,72.

Zwei Männer desinfizieren gegenseitig ihre Schuhe am Eingang eines improvisierten Behandlungszentrums; im Hintergrund weisen Schilder die Öffnungszeiten und Sponsoren aus
Auch bei diesem Ebola-Ausbruch wurden in Windeseile Behandlungszentren errichtet. Dabei ist entscheidend, dass die lokale Bevölkerung den Maßnahmen vertrautBild: Benediction Murhabazi/AFP

Damals ging die Gefahr nicht nur von Rebellen aus, sondern auch von durch Verschwörungsmythen verängstigte Anwohner: Gesundheitsversorgung ist in dem entlegenen Gebiet für viele schlicht etwas, was außerhalb dieser akuten Krisen kaum verfügbar ist, und so überwiegt die Skepsis gegenüber Fachkräften in Schutzkleidung. Deshalb fordern Experten immer wieder auch vertrauensbildende Maßnahmen, etwa von lokalen Vertretern religiöser Gemeinschaften.

Ebola als politisches Sprungbrett für die Rebellen

Das Epizentrum der aktuellen Epidemie ist die Provinz Ituri, in der diverse Milizen und die kongolesische Armee um die Vorherrschaft kämpfen. Doch es treten immer wieder Fälle in Nachbarregionen auf - auch weiter südlich, wo die Rebellenkoalition AFC/M23 seit Anfang 2025 große Gebiete unter ihre Kontrolle gebracht hat. Diese verfolgt offensichtlich den Ansatz, eigene Strukturen aufzubauen und ihre eigene Vormachtstellung gegenüber der Regierung in Kinshasa so längerfristig abzusichern.

So auch bei Ebola: Als erste Fälle in ihrem Gebiet gemeldet wurden, richtete die AFC/M23 eine Krisenzone ein und intensivierte die Tests. Neben einem eigenen Koordinator hilft laut einem Reuters-Bericht auch Ruanda, das die vielfach belegte Unterstützung der Rebellen bis heute offiziell bestreitet. Und auch die WHO kooperiert pragmatisch mit den Rebellen. Das Gesundheitsministerium in Kinshasa ist laut Berichten weitgehend außen vor, erhält aber weiter Daten und Testergebnisse aus den Gebieten. Während in Ituri das Infektionsgeschehen weiter zunimmt, erklärte Ende Juni AFC/M23, der lokale Ausbruch in den eroberten Gebieten sei eingedämmt.

Ein bewaffneter M23-Rebell und ein Gesundheitsarbeiter in Schutzkleidung stehen vor einem mit Stacheldraht gesicherten Ebola-Labor
Die kongolesische Regierung hat in der Millionenstadt Goma kaum noch Einfluss auf Gesundheitsangebote, aber die Daten aus dem Labor im Hintergrund werden noch nach Kinshasa übermitteltBild: Arlette Bashizi/REUTERS

Dass das Epidemie-Management zu einer politischen Aufwertung der Rebellen führen könnte, hält auch Sicherheitsexperte Juste Codjo für möglich - und warnt gleichzeitig davor, dass Rebellen oder Regierung die Hilfe monopolisieren könnten. Aber: "Bedenken über politische Außenwirkung darf nicht dazu führen, dass lebensrettende Hilfe verweigert wird. Öffentliche Gesundheit darf nicht zur Geisel eines Wettbewerbs um Legitimität werden. Ich glaube, dass die Hilfe über neutrale Dritte sorgfältig entpolitisiert, überwacht und ausgeführt werden kann", sagt Codjo zur DW.

Vom Genozid in Ruanda zum Dauerkrieg im Kongo

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Mitarbeit: Markus Loïka in Kigonze