Zeit der FDV-Dohnen: Plötzlich ist in Charkiw jeder im Visier
Wie die Russen mit Drohnen Zivilisten jagen: Jemand muss beschlossen haben, die alte Ljubow Fedosowa zu töten
Je weiter der Krieg voranschreitet, desto raffinierter werden die russischen Formen des Tötens. Zunehmend kommen FPV-Drohnen zum Einsatz, mit denen gezielt Jagd auf Personen gemacht werden kann. Auch der Autor Sergei Gerasimow fühlt sich ins Visier genommen.
Sergei Gerasimow11.08.2026, 05.30 Uhr
8 Leseminuten

Bildlegende...
epa13126503 Ukrainian rescuers work at the site of a Russian FPV drone strike on a fuel station in Kharkiv, Ukraine, 22 July 2026, amid the Russian invasion. At least five people were injured as a result of Russian FPV drone strikes on the fuel stations in different districts of Kharkiv, according to the State Emergency Service report. EPA/SERGEY KOZLOV
Sergey Kozlov / EPA
Der Krieg entwickelt sich weiter.
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Zunächst wurden wir – die zivilen Einwohner von Charkiw – von den Russen mit Artillerie und Mörsern beschossen. Dann kamen die Luftangriffe. Es regneten jahrelang Nacht für Nacht ballistische Raketen auf uns herab. Strassen und Gebäude bebten, als würden sie von Erdbeben erschüttert. Dann kamen die Shahed-Drohnen, die Marschflugkörper, die Gleitbomben, Drohnen mit Düsenantrieb.
Um ehrlich zu sein, haben wir noch immer nicht ganz begriffen, wie es so weit kommen konnte. Wir lebten in Frieden, gingen unseren Geschäften nach, erledigten unsere Arbeit, zogen unsere Kinder gross – und da tauchte plötzlich jemand auf, der beschlossen hatte, unser Land zu erobern und uns zu töten. Es hiess, Charkiw werde entweder russisch werden oder untergehen. Die Russen wiederholen diesen Slogan von Zeit zu Zeit in den sozialen Netzwerken. Aus einem unerfindlichen Grund glauben sie, ein Recht zu haben, darüber zu entscheiden, was aus Charkiw werden soll.
Derweil ist die Zeit der FPV-Drohnen angebrochen. Heute wird etwa die Hälfte aller Angriffe auf unsere Stadt mit ihnen durchgeführt.
Natürlich heulen Gleitbomben immer noch ohrenbetäubend über die Wohnviertel hinweg. Raketen und Shahed-Drohnen reissen nach wie vor die obersten Stockwerke von Wohnblocks ab. Der Diktator im Kreml tut nach wie vor sein Bestes, um Charkiw entweder russisch oder tot zu machen. Doch FPV-Drohnen – die in der Lage sind, ein einzelnes Auto zu verfolgen oder eine Einzelperson zu jagen – markieren einen Wandel von der allgemeinen Massenvernichtung hin zum individualisierten Mord. Sie stellen eine ganz neue Bedrohung dar.
Die lokalen Behörden in Cherson veröffentlichten dieses Video, das zeigt, wie eine russische Drohne einen ukrainischen Gemüsehändler verfolgt. Er überlebte.
Via Reuters
Eine Lücke im Netz
Die erste FPV-Drohne tauchte im Februar 2026 über Charkiw auf. Eine weitere folgte im April, und danach stieg ihre Zahl stetig an. Mittlerweile dringen jeden Tag mehrere FPV-Drohnen zu uns vor.
Stellen Sie sich eine der Tankstellen in Charkiw vor, die mit Anti-Drohnen-Netzen verhüllt sind. Es ist fünf Minuten nach Mitternacht. Der Vorplatz ist bei leichtem Regen menschenleer; hin und wieder fährt ein Auto vorbei. Dann taucht eine FPV-Drohne auf, schwer wie ein Nachtfalter und eine dicke Spule Glasfaserkabel hinter sich herziehend. Sie umkreist die Tankstelle, steigt auf und sinkt nieder, während sie nach einer Lücke im Netz sucht. Da sie keine findet, beschleunigt sie und rammt stattdessen ein Sicherheitsfahrzeug. Das Auto explodiert – doch glücklicherweise hat der Wachmann das Summen der Drohne gehört und es gerade noch rechtzeitig geschafft, hinauszuspringen.
Zuvor, in der gleichen Nacht, traf eine weitere Drohne eine Tankstelle auf der anderen Seite der Stadt.
Nicht alle Drohnen machen sich mit einem Summen bemerkbar. Es gibt auch «Lauerdrohnen». Auf vier dünnen Aluminiumbeinen ruhend und die Strasse durch ein Kameraauge beobachtend, sitzen sie lautlos im Hinterhalt – unter einem Busch, hinter einer Gebäudeecke oder bei einem Müllcontainer. Sobald sie ein Ziel ausgemacht haben, schlagen sie zu. Gerne gehen sie zusammen mit herkömmlichen FPV-Drohnen vor: Eine Drohne trifft ein Ziel, ein Polizeiauto rückt zur Abklärung der Lage an, und dann schlägt die Lauerdrohne zu.
Eine Handvoll Drohnen innerhalb von vierundzwanzig Stunden ist kein massiver Beschuss, daher haben es die russischen Streitkräfte auf empfindliche Objekte wie Tankstellen abgesehen. Es handelt sich um eine spiegelbildliche Reaktion auf die ukrainischen Angriffe auf russische Ölraffinerien. Allerdings besitzt die Ukraine keine Raffinerien und keine grossen Treibstoffdepots mehr, und die Tanks der Tankstellen liegen unter der Erde. Die Zerstörung aller fünftausend ukrainischen Tankstellen wird auch mit FPV-Drohnen nicht zu schaffen sein. Ihre Angriffe setzen Autos in Brand, zerschmettern Scheiben und hinterlassen Verletzte oder Tote. Sie schüren Angst unter der Bevölkerung, aber eine Treibstoffknappheit bringen sie nicht zustande.

Russian FPV-drone hits a car, amid Russia's attack on Ukraine, in the frontline town of Kramatorsk, Ukraine, July 15, 2026. Iryna Rybakova/Press Service of the 93rd Kholodnyi Yar Separate Mechanized Brigade of the Ukrainian Armed Forces/Handout via REUTERS ATTENTION EDITORS - THIS IMAGE HAS BEEN SUPPLIED BY A THIRD PARTY. TPX IMAGES OF THE DAY
UKRAINIAN ARMED FORCES / Handout
Zum Ruhm der «russischen Welt»
Nördlich des Stadtzentrums steht ein 24-stöckiges Wohnhochhaus. Alle hundert Meter machen einen Unterschied: Je weiter man in Charkiw nach Norden geht, desto mehr nähert man sich der russischen Grenze – und desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man sich in Reichweite einer FPV-Drohne befindet. Auf den ersten Blick wirkt das hohe Gebäude intakt, abgesehen von ein paar mit Sperrholzplatten vernagelten Fenstern. Doch hoch oben, im elften Stock, hat es ein kleines Loch in der Aussenwand.
Es handelt sich um die Narbe, die eine FPV-Drohne hinterlassen hat, indem sie bei einem Angriff einfach nur gegen die Fassade prallte. Die Wucht des Aufpralls sprengte nahe Fenster heraus, doch die Explosion war gering – eine FPV-Drohne trägt nur ein Kilogramm oder anderthalb Kilogramm Sprengstoff. Höchstwahrscheinlich kam niemand zu Schaden.
Der Drohnenpilot verfehlte sein Ziel, wohl beim Versuch, durch ein Fenster zu fliegen. Das nächste Mal wird er das schaffen. Die Drohne wird die Scheibe durchschlagen und im Raum explodieren – möglicherweise einem, der voll Menschen ist – und ihn von innen her zerstören. Von der Strasse aus werden lediglich ein zerbrochenes Fenster und ein verbogener Fensterrahmen zu sehen sein. Der News-Bericht wird sich auf einen einzigen Satz beschränken, den wir schon kennen: «Eine feindliche Drohne drang in eine Wohnung im dritten Stock eines Hochhauses ein.» Oder im vierten Stock. Oder im elften. Oder im dreiundzwanzigsten.

Ein 24-stöckiges Wohnhochhaus im Norden von Charkiw.
Sergei Gerasimow
Warum gerade diese Wohnung und keine andere? Zufall. Um jemanden – irgendjemanden – zu töten: zum Ruhme der «russischen Welt».
Wenn FPV-Drohnen überhandnehmen, werden sie beginnen, zu zweit die Fenster von Wohnungen anzugreifen. Die erste wird die Doppelverglasung durchschlagen; die zweite, die in den Raum eindringt, wird die darin befindlichen Menschen jagen. Oft wird dies nachts geschehen: Jemand schaltet ein Licht ein, und die Drohne fliegt auf das erleuchtete Fenster zu wie eine Motte auf eine Flamme.
Wenn die Drohnenangriffe weiter zunehmen, werden öffentliche Verkehrsmittel – Trolleybusse, normale Busse und Strassenbahnen – die nächsten Ziele sein. Zu beobachten ist diese Entwicklung bereits in Saporischja und Cherson, Städten, die noch näher an der Front liegen als Charkiw.
Nehmen wir zum Beispiel Cherson. Am 16. Juni traf eine Drohne einen Stadtbus, wobei ein Fahrgast getötet und zwei weitere verletzt wurden, unter ihnen der Chauffeur. Am 19. Juni wurden bei einem weiteren Angriff vier weitere Menschen verletzt. Am 1. Juli griff der Feind einen Personenkleinbus mit einer Drohne an, wobei zwei Menschen getötet und sieben verletzt wurden; eines der Opfer erlag später im Krankenhaus seinen Verletzungen. Am Morgen des 8. Juli kam ein weiterer Kleinbus an die Reihe, wobei eine Frau aus der Gegend umkam und sechs weitere Personen verletzt wurden.
Nach den öffentlichen Verkehrsmitteln werden sich FPV-Drohnen auf Sattelzüge, Lieferwagen, Krankenwagen, Feuerwehrautos und Polizeiautos verlagern. Dann auf jedes beliebige zivile Fahrzeug. Und danach – auf Leute, welche die Strasse entlanggehen.
Sie ergab sich nicht
Am 8. Juli, gegen sechs Uhr abends, war der Himmel bewölkt, aber die Sicht blieb gut. Dem Piloten der russischen FPV-Drohne konnte die Tatsache nicht entgangen sein, dass er eine ältere Passantin ins Visier nahm.
Möglicherweise hatte er sie schon oft zuvor gesehen. Ljubow Fedosowa – so hiess sie – ging jeden Tag diesen Weg zur Arbeit und kehrte jeden Abend ebenda nach Hause zurück. Sie lebte in einem Dorf rund zehn Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Wie wir alle lebte sie ein friedvolles Leben, kümmerte sich um ihre persönlichen Dinge, ging zur Arbeit und zog ihre Kinder gross. Dann tauchte plötzlich eine Drohne auf mit dem Ziel, sie zu töten und ihr Zuhause zu zerstören. Ljubow Fedosowa ergab sich nicht, sie floh nicht. Während andere das Weite suchten, blieb sie als allerletzte Bewohnerin zurück.
Jeden Tag wurde sie gedrängt, sich in Sicherheit zu bringen, und jeden Tag lehnte sie ab – sie wollte ihre Katzen, ihre Hunde und ihr Vieh nicht im Stich lassen. Vielleicht dachte sie, die Russen würden niemals eine harmlose alte Frau angreifen, die eine Landstrasse entlangschlurft. Es ist wohl so, dass der russische Drohnenpilot, da er keine militärischen Ziele fand, spontan beschloss, jemanden zu töten. Wenn eine Drohne ihr primäres Ziel nicht findet und ihre Batterie zur Neige geht, ist es aus praktischer Sicht lohnender, Zivilisten anzugreifen, als die Waffe zu verlieren. Schliesslich kostet eine FPV-Drohne rund 400 Dollar. Schliesslich sind diese 400 Dollar dazu da, dem Ruhm der «russischen Welt» zu dienen.
Oder vielleicht befolgte der Mann einfach nur Befehle: Töte jeden, greife alles an, was sich bewegt. Drohnen sind geniale Instrumente des Terrors. Man kann sie einsetzen, um gezielt zu töten, aber auch, um allgemein Angst zu schüren. Vielleicht aber wollte der Pilot auch Gott spielen: Ich entscheide darüber, wer lebt und wer stirbt. Gestern habe ich diese alte Frau verschont. Heute muss sie dran glauben.
Vielleicht war er ein regelrechter Sadist, der Freude daran hatte, einer alten Frau dabei zuzusehen, wie sie am Strassenrand qualvoll starb. Es ist sehr schwer nachzuvollziehen, was in seinem Kopf vorgegangen ist.
Oder vielleicht handelte es sich gar um ein KI-gestütztes System. Der Algorithmus erkennt Bewegungen auf der Strasse; der Bediener gibt den Befehl frei; die Drohne führt ihn aus. Der Bediener sieht vielleicht gar nicht, wen er getötet hat. Nicht dass dies wirklich eine Rolle spielt – für die «russische Welt» ist jede ukrainische Leiche ein Sieg. Ich übertreibe nicht. In Nikopol beispielsweise brachte eine FPV-Drohne eine 87-jährige Frau im Rollstuhl um.
Während in Charkiw eine Handvoll Drohnen pro Tag zu sehen sind, sind es in Nikopol mehrere pro Stunde. Infolgedessen ist diese Stadt mit 100 000 Einwohnern halb verlassen. Genau das ist die Aufgabe der FPV-Drohnen über den ukrainischen Städten. Sie schaffen es nicht, sie russisch zu machen, aber sie können versuchen, ihnen so weit wie möglich das Leben auszutreiben.
Könnte der Tod von Ljubow Fedosowa nichts weiter als ein tragischer Unfall gewesen sein? Äusserst unwahrscheinlich. Erst am Tag zuvor griff eine andere russische Drohne eine Frau nahe Charkiw an; sie starb im Krankenwagen auf dem Weg ins Krankenhaus. Zwei Tage später tötete eine weitere Drohne zwei alte Männer. Das ist die heutige Realität: FPV-Drohnen jagen Menschen, und zwar überall, wo sie hingelangen.
Und sie kommen überraschend weit. Theoretisch können glasfasergesteuerte Drohnen in einer Distanz von bis zu 50 Kilometern von der russischen Grenze entfernt operieren. Was heisst, dass sie nicht nur über den Aussenbezirken von Charkiw, sondern so gut wie über dem gesamten Stadtgebiet auftauchen können. Ich wohne 35 Kilometer von der Grenze entfernt. Ich könnte es also jede Nacht vor meinem eigenen Fenster hören – das hohe Singen einer russischen Motte, die ihre schwere Spule von Glasfaserkabel abwickelt.
Archaische Grausamkeit
In den ersten sechs Monaten des Jahres 2026 kamen 37 Prozent mehr ukrainische Zivilisten ums Leben als im gleichen Zeitraum 2025 – und 114 Prozent mehr als im Jahr 2024.
Der Bericht der Uno-Beobachtungsmission für Menschenrechte vom Juni 2026 bestätigt, dass in diesem Monat die höchste Zahl an getöteten und verwundeten Zivilisten seit Jahren zu verzeichnen war. Nach dem dramatischen Zuwachs im Mai stiegen die Opferzahlen weiter an und erreichten ein Ausmass, das es in der Ukraine seit den brutalen ersten Monaten der russischen Invasion im Frühling 2022 nicht mehr gegeben hatte.
Der Krieg entwickelt sich technisch weiter, doch die sinnlose archaische Grausamkeit, die auf russischer Seite geübt wird, will und will kein Ende finden.
Sergei Gerasimow lebt als Schriftsteller in der Grossstadt Charkiw, die nach wie vor von den Russen beschossen wird. – Aus dem Englischen von A. Bn.
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