Wie konnte es in Ceuta so weit kommen?
Nordafrika
Wie konnte es in Ceuta so weit kommen?
Rund 50.000 Migranten kamen in den letzten Tagen in die spanische Exklave in Marokko. Die Menschen sind größtenteils mittlerweile zurückgekehrt. Was sind die Hintergründe dieser Ereignisse?
Frage & Antwort
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Reiner Wandler
Die meisten der zehntausenden Menschen, die in den vergangenen Tagen in die spanische Exklave Ceuta in Nordafrika gekommen sind, sind mittlerweile nach Marokko zurückgekehrt. Mindestens 67 Menschen kamen ums Leben, wie das spanische Innenministerium am Samstag angab. Die meisten Menschen seien bei dem Versuch ertrunken, schwimmend von Marokko aus in die Exklave zu gelangen, wie Medien berichteten.
Was ist in Ceuta passiert? Und warum gibt es die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla in Marokko eigentlich? Der STANDARD beantwortet im Folgenden die wichtigsten Fragen.
Frage: 50.000 Menschen gelangten am Donnerstag nach Ceuta, indem sie den Grenzzaun umschwammen. Wie ist die Lage mittlerweile?
Antwort: Fast alle – über 48.000 sind nach Angaben des spanischen Innenministeriums wieder freiwillig ausgereist. In Ceuta ist weitgehend Normalität eingekehrt. Nur noch Müll und Schwimmringe, auf dem Wasser und am Strand verstreut, zeugen vom Massenansturm.
Frage: Was geschieht mit den Zurückgekehrten? Gibt es Auffanglager auf marokkanischer Seite?
Antwort: Nein, gibt es nicht. Aber in diesem Fall braucht es die auch nicht, da die Menschen einfach wieder dahin gehen können, wo sie herkommen, in ihre Dörfer und Städte. Anders ist dies bei Flüchtlingen weiter aus dem Süden Afrikas, die über Marokko versuchen, Spanien zu erreichen, etwa aus dem Sudan. Sie leben oft unter menschenunwürdigen Bedingungen in grenznahen Wäldern, wo sie auf ihre Chance warten, die Grenzzäune zu überwinden. Werden sie aufgegriffen, schiebt sie Marokko oft einfach ab, zum Beispiel nach Algerien, oft ohne Wasser und ohne Nahrung. Die meisten Nicht-Marokkaner unter denen, die am Donnerstag nach Ceuta gelangten, dürften wohl versuchen, einen Asylantrag zu stellen.
Frage: Warum ist das ausgerechnet jetzt passiert?
Antwort: Viele derer, die zurückgegangen sind, berichten davon, dass auf den sozialen Netzwerken das Gerücht verbreitet wurde, Spanien würde sie aufnehmen und auf das Festland weiterreisen lassen. Unter anderem wurde auf ein Gerichtsurteil des spanischen Obersten Gerichtshofes von Anfang des Monats verwiesen, das die unmittelbare Rückführung an der Grenze für jene verbietet, die über das Meer kommen, da es da keine physische Barriere gibt. Bei Ankunft über Land sind sofortige Abschiebungen sehr wohl weiter möglich. So ist die "physische Barriere" der Knackpunkt: Nun sollen am Grenzdamm zwischen den Küsten Marokkos und dem Ceuta-Strand Tarajal Schwimmbojen installiert werden, um eine "physische Barriere" zu schaffen. Zudem sollen Verfahren beschleunigt werden, um die Rückführung irregulär eingereister Migranten zu erleichtern.
Frage: Was geschah von marokkanischer Seite?
Antwort: Dass sich in Marokko so viele Menschen auf den Weg an die Grenze machen können, muss zumindest stillschweigend geduldet werden, in einem Land, wo ein Mann, nämlich König Mohamed VI., das Sagen hat. Der Monarch feierte nur 30 Kilometer entfernt sein Thronfest, während nebenan ein Massensturm auf Ceuta stattfand. So kommt es immer wieder zu Migrationsbewegungen mit der Duldung der marokkanischen Polizei und Armee, wenn die diplomatische Stimmung zwischen beiden Ländern schlecht ist. So etwa 2021, als Spanien den Chef der Unabhängigkeitsbewegung der von Marokko besetzten Westsahara in einem Madrider Krankenhaus behandelte. Damals gelangten über 10.000 Menschen nach Ceuta.
Frage: Gibt es derzeit diplomatische Verstimmungen?
Antwort: Eigentlich sind die diplomatischen Beziehungen zwischen Marokko und Spanien derzeit gut. Die spanische Regierung von Pedro Sánchez hat die Autonomielösung für die besetzte ehemalige spanische Kolonie Westsahara anerkannt und ist damit weit auf Mohamed VI. zugegangen. Manche sehen die spanischen Energiegeschäfte mit dem Erzfeind Algerien als Grund für Verstimmungen. Doch trotz jüngstem Staatsbesuch sind die nicht wirklich neu.
Frage: Italien schließt die Grenzen für Menschen, die aus Spanien kommen. Finnland überlegt sich das auch. Ist die Angst berechtigt, die Marokkaner aus Ceuta können weiterreisen?
Antwort: Die beiden Exklaven an der nordafrikanischen Küste, Ceuta und Melilla, gehören zwar zu Spanien und damit zur Europäischen Union, sie sind aber nicht Teil des Schengenraumes. Wer von dort weg will, in Richtung spanischem Festland, muss eine Fähre oder im Falle von Melilla auch einen Linienflug nehmen. Sowohl im Hafen als auch auf dem Flughafen gibt es strenge Grenzkontrollen, eben weil die beiden Städte nicht zu Schengen gehören.
Frage: Warum gibt es überhaupt die beiden Exklaven Ceuta und Melilla?
Antwort: Beide Städte gehören seit Jahrhunderten zu Spanien. Sie waren einst eine Art Brückenkopf für jene Flotte, die ein Weltreich aufbaute. Und sie dienten natürlich auch dazu, die Meerenge von Gibraltar, also die Einfahrt vom Atlantik ins Mittelmeer zu schützen. Marokko erhebt Anspruch auf beide Städte. Allerdings gab es Marokko als solches damals noch gar nicht. Übrigens ist das nicht die einzige geografische Besonderheit der Region. Ein Stück weiter liegt Gibraltar, das eigentlich Spanien ist, aber seit dem Erbfolgekrieg zu Großbritannien gehört.
Frage: Wie reagiert die EU?
Antwort: Am Samstag haben sich Experten der EU-Mitgliedstaaten in einer Krisensitzung über die Entwicklungen der vergangenen Tage ausgetauscht. Was genau dabei besprochen wurde, ist bisher nicht bekannt. Italien und Dänemark haben unterdessen eine gemeinsame Initiative für ein koordiniertes europäisches Vorgehen gestartet. Für Dienstag ist eine Dringlichkeitssitzung der EU-Innenminister angesetzt. Die irische EU-Ratspräsidentschaft kündigte die Videokonferenz zu den "Entwicklungen in Ceuta" via X an. Die Sondersitzung hatten Staats- und Regierungschefs von 22 EU-Mitgliedstaaten, darunter auch Kanzler Christian Stocker (ÖVP), in einem Brief sowie Spaniens Regierungschef Sánchez in einem separaten Schreiben gefordert.
Sánchez konterte die Kritik einiger EU-Mitgliedstaaten an der spanischen Migrationspolitik. Er rief dazu auf, an einem starken und geeinten Europa weiterzubauen – und Europa nicht zu spalten. "Solidarität und Mitgefühl sind freiwillig", schrieb er auf der Plattform X. Die Achtung der europäischen Verträge sei es jedoch nicht. (Reiner Wandler aus Madrid, red, 1.8.2026)
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