„Das Blaue vom Himmel“ versprochen: Sam Altman plante ein KI-Rechenzentrum mit Atomstrom aus Frankreich


Wie OpenAI ein deutsches Rechenzentrum mit französischem Atomstrom betreiben wollte

Stand: 21.07.2026, 20:05 Uhr

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OpenAI hat ein Milliarden-Rechenzentrum in Deutschland geplant. Sam Altman wollte dafür Atomstrom aus Frankreich nutzen. Das Projekt liegt derzeit auf Eis.

Berlin/San Francisco – Ein KI-Rechenzentrum von OpenAI auf deutschem Boden, gebaut mit Strom aus französischen Atomkraftwerken – dieser Plan sorgte offenbar über Monate für vertrauliche Gespräche zwischen dem US-Unternehmen und der Bundesregierung. Wie unter anderem das Handelsblatt unter Berufung auf mehrere mit dem Vorgang vertraute Quellen berichtet, führte OpenAI-Chef Sam Altman im vergangenen Jahr mehrere Gespräche mit Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD) und Digitalminister Karsten Wildberger (CDU). Am Ende zerschlug sich das Vorhaben.

Klingbeil, Merz und Altman auf Quantensupercomputer

OpenAI-Chef Sam Altman soll für sein geplantes deutsches KI-Rechenzentrum auf französischen Atomstrom gesetzt haben. © © picture alliance/dpa | Malin Wunderlich | Markus Lenhardt | Michael Kappeler

Den bereitliegenden Informationen zufolge plante Altman ein Rechenzentrum mit einer Kapazität von bis zu einem Gigawatt. Zum Vergleich: Nach Angaben des IT-Branchenverbands Bitkom kommen die bestehenden KI-Rechenzentren in Deutschland derzeit zusammen auf kaum mehr als 0,5 Gigawatt Leistung. Bis 2030 soll die KI-Kapazität hierzulande auf zwei Gigawatt steigen. Eine einzelne Investition von OpenAI hätte laut dem Bericht also fast im Alleingang gereicht, um dieses Ziel zu erreichen. Die Kosten für ein Rechenzentrum dieser Größenordnung liegen schätzungsweise bei einem zweistelligen Milliarden-Dollar-Betrag.

Bis zu einem Gigawatt Leistung: Warum Altman auf Atomstrom aus Frankreich setzen wollte

Der erste Austausch zu der Idee fand laut Regierungskreisen am 24. September vergangenen Jahres statt. Altman traf Merz demnach zunächst persönlich und soll noch am selben Abend, im Rahmen der Axel-Springer-Awards, auch Digitalminister Wildberger von seinem Vorhaben erzählt haben. Auch mit Klingbeil kam er in dieser Zeit zusammen, so das Handelsblatt.

Mehreren Insidern zufolge wollte Altman für das Vorhaben einen Standort nahe der französischen Grenze wählen, um Atomstrom aus Frankreich zu importieren. Hintergrund ist der hohe Strompreis in Deutschland, der als eines der größten Hemmnisse beim Aufbau eigener KI-Infrastruktur gilt. Frankreich bezieht mehr als 65 Prozent seines Stroms aus Kernkraft und gilt damit als vergleichsweise günstiger und verlässlicher Energiestandort. Die Bundesregierung soll dem Vorhaben trotz der ungewöhnlichen Forderung zunächst offen gegenübergestanden haben. Eine milliardenschwere Investition dieser Größenordnung wäre für die schwarz-rote Koalition ein wichtiger Erfolg gewesen, zumal Merz mit dem früheren Commerzbank-Chef Martin Blessing eigens einen Sonderbeauftragten ernannt hat, der ausländische Investoren anwerben soll.

Warum die Pläne von OpenAI wieder in der Schublade verschwanden

Nach ersten Gesprächen machte sich in der Bundesregierung jedoch Ernüchterung breit. Weitere Gespräche mit OpenAI brachten keine Fortschritte, es fehlte an der nötigen Detailtiefe. Auf Anfrage des Handelsblatts wollte eine OpenAI-Sprecherin weder die Gespräche mit der Bundesregierung noch Überlegungen zu Größe und Standort des Projekts kommentieren. Man sehe aber „enormes Potenzial für die Zukunft der KI in Deutschland“, so die Sprecherin. Deutschland zähle nach Unternehmensangaben zu OpenAIs wichtigsten Märkten in Europa, das Team vor Ort sei im vergangenen Jahr verdreifacht worden. Aktuell konzentriere man sich auf die Partnerschaft mit SAP im Bereich souveräner KI.

In der Bundesregierung kursieren unterschiedliche Erklärungen für das Scheitern. Altman sei bekannt dafür, große Ankündigungen zu machen, die anschließend im Sand verliefen, heißt es. Ein hoher Beamter wird mit den Worten zitiert, der Amerikaner habe „das Blaue vom Himmel“ versprochen, sein Team habe die hochtrabenden Pläne danach wieder einkassiert. Ein anderer Insider berichtet, von ernst zu nehmenden Bemühungen auf Arbeitsebene bei OpenAI sei keine Spur gewesen.

Doch neben dem Strombedarf spielt bei Rechenzentren eine zweite Ressource eine Rolle: Wasser. Server erzeugen beim Rechnen Hitze, die häufig über Kühltürme mit Wasser abgeführt wird. Nach einer Analyse der University of California verbraucht allein die Erstellung einer 100 Wörter langen E-Mail durch das Sprachmodell GPT-4 rund 519 Milliliter Wasser. Auch das Training großer Modelle ist wasserintensiv. Auch das Training großer Modelle ist wasserintensiv, allein das Microsoft-Rechenzentrum, in dem OpenAI das Modell GPT-3 trainierte, verbrauchte dabei rund 700.000 Liter Wasser zur Kühlung, bei Meta kam das Training von LLaMA-3 sogar auf 22 Millionen Liter. Ein Standort nahe der französischen Grenze hätte daher dieses Problem nicht gelöst, sondern lediglich die Stromfrage adressiert.

Deutsche Regulierung als möglicher Bremsklotz für Investoren

Neben den internen Zweifeln an der Ernsthaftigkeit des Projekts gibt es in Deutschland allgemein auch strukturelle Probleme. Die Bundesrepublik unterhält ein dichtes Regulierungsgeflecht, das auf Investoren wenig einladend wirkt. So macht das Energieeffizienzgesetz detaillierte Vorgaben zur Nutzung von Abwärme, und ab 2027 sollten Rechenzentren ursprünglich komplett mit Ökostrom betrieben werden. Die Bundesregierung hat mittlerweile reagiert. Im Juni beschloss das Kabinett Lockerungen bei diesen Vorgaben. Zudem einigte sich die schwarz-rote Koalition in einem Reformpaket darauf, Kommunen stärkere finanzielle Anreize für die Ansiedlung von Rechenzentren zu geben, etwa über einen höheren Anteil an den Gewerbesteuereinnahmen.

Denkbar ist auch, dass OpenAI schlicht an finanzielle Grenzen stieß. Berichten über interne Firmenzahlen zufolge soll OpenAI im Jahr 2025 Verluste von 39 Milliarden US-Dollar angehäuft haben, achtmal so viel wie im Jahr zuvor, vor allem wegen Investitionen in Wachstum und Dateninfrastruktur vor dem geplanten Börsengang.

Neue Debatte über den deutschen Atomausstieg möglich

Auch wenn das konkrete Projekt gescheitert ist, könnte Altmans Wunsch nach französischem Atomstrom die Debatte über den deutschen Atomausstieg neu beleben. Einige Nachbarländer haben ihre Entscheidung gegen Kernkraft zuletzt revidiert. Das belgische Parlament beschloss 2025, den eigenen Atomausstieg rückgängig zu machen, auch Schweden hat unter der konservativ-liberalen Minderheitsregierung in Stockholm eine Kehrtwende vollzogen und sieht Kernenergie als Baustein einer klimafreundlichen Stromversorgung. Frankreich, wo ein Ausstieg nie ernsthaft zur Debatte stand, versteht seine Kernkraftwerke inzwischen offen als strategischen Standortvorteil.

In Deutschland flammte die Atomdebatte zuletzt im April auf, als der inzwischen zurückgetretene Unionsfraktionschef Jens Spahn eine Rückkehr zur Kernenergie forderte. Kanzler Merz erteilte dem jedoch eine klare Absage. „Der Beschluss ist irreversibel“, sagte er dazu. „Ich bedauere das, aber es ist so.“ Eine Debatte über die Investitionsbedingungen für KI-Infrastruktur insgesamt bleibt dagegen wahrscheinlich, zumal Altman öffentlich angekündigt hat, den Bau neuer Rechenzentren im Rahmen seiner globalen „Stargate“-Initiative auch in Deutschland weiter voranzutreiben, sofern die Rahmenbedingungen stimmen. Für die Bundesrepublik bleibt die geplatzte Milliardeninvestition dennoch eine verpasste Chance, den eigenen Rückstand beim Ausbau der KI-Infrastruktur schneller aufzuholen. (Quellen: Handelsblatt, Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE), Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE), IT-Branchenverband Bitkom, University of California)(ls)