Wieso Anthropic rote Zahlen schreibt, wenn der Unternehmenswert steigt
Künstliche Intelligenz
Wieso Anthropic rote Zahlen schreibt, wenn der Unternehmenswert steigt
Der KI-Konzern steigert seinen Umsatz um 45 Prozent und steht trotzdem unter Druck. Bis 2030 will er mehr als eine halbe Billion Dollar in Rechenzentren stecken. Manche Investoren fürchten einen kühlen Börsenstart
Gregor Metz
Anthropic plant laut anonymen Berichten aus dem Umfeld des Konzerns, im November an die Börse zu gehen. In einem internen Bericht weist das Unternehmen einen Nettoverlust von insgesamt 80,7 Milliarden Dollar für das erste Halbjahr 2026 aus. Schuld ist unter anderem die Wertsteigerung von Anleihen, die in Aktien des KI-Giganten umgewandelt werden können. Es ist vor allem ein kompliziertes Finanzierungsmittel, das den Verlust schlimmer aussehen lässt, als er womöglich ist. Ein weiterer Finanzbericht von vor einer Woche senkte die Bewertung von Anthropic auf 1,5 Billionen Dollar.
Verlust durch Wertzuwachs?
Wandelanleihen sind Kredite, die der Gläubiger später zu einem vorab fixierten Preis in Aktien umtauschen kann. Bis dahin stehen sie als Schulden in der Bilanz. Ein Beispiel: Amazon leiht Anthropic eine Milliarde Dollar, wandelbar zu 100 Dollar je Aktie. Verdreifacht sich der Wert der Aktie, ist Amazons Anspruch rund drei Milliarden Dollar wert. Anthropic muss die Schuld entsprechend erhöhen und verbucht die Differenz als Verlust, obwohl kein Geld fließt. Je wertvoller Anthropic wird, desto höher fällt also dieser Buchverlust aus.
Ist der Verlust überhaupt relevant? Es fließt kein Geld aus dem Unternehmen, aber die Zahl zeigt, wie viel des steigenden Unternehmenswerts außenstehenden Investoren versprochen wurde. Sobald die Aktien umgewandelt werden, verfließt der Effekt und mit ihm Buchverlust. Der Gläubiger profitiert dann davon, sich günstig in das Unternehmen "eingekauft" zu haben.
Finanzdickicht
Aussagekräftiger für das laufende Geschäft ist das operative Ergebnis: Wie viel verdient oder verliert das Unternehmen mit dem, was es tatsächlich tut? 2025 verzeichnete Anthropic einen operativen Verlust von gut acht Milliarden Dollar. Im zweiten Quartal 2026 drehte das Ergebnis laut Medienberichten erstmals ins Plus, im dritten Quartal soll die Marge bei elf Prozent gelegen haben.
Allerdings handelt es sich um ein „bereinigtes“ Ergebnis, und die Zahlen stammen aus Präsentationen für potenzielle Investoren, nicht aus geprüften Abschlüssen. Welche Kosten herausgerechnet wurden, ist nicht bekannt. Belastbar einschätzen lässt sich das Ergebnis daher erst, wenn Anthropic seinen Börsenprospekt veröffentlicht.
Finanzierungskosten
Anthropic plant, bis 2030 mindestens 518 Milliarden Dollar in Cloud-Services und Rechenzentren zu investieren. Davon ist der Konzern mit den neun Milliarden an Infrastrukturinvestitionen im vergangenen Halbjahr bislang sehr weit entfernt.
Trotz stabiler Zahlen bleibt das Unternehmen unterhalb des notwendigen Wachstumspfads, um die immensen Ausgaben wieder hereinzuholen. Zwar konnte Anthropic seinen Umsatz im Sommer um 45 Prozent im Vergleich zum zweiten Quartal auf 16,8 Milliarden Dollar erhöhen, blieb damit jedoch deutlich unter der Verdoppelung von erstem zu zweitem Quartal 2026. Die rückläufige Wachstumsrate weckt bei manchen Investoren die Sorge vor einem kühleren IPO, das weitreichende Folgen für die gesamte KI-Sparte hätte.
Chinesische Konkurrenz
Die privaten Modelle von Anthropic und OpenAI gelten als Weltmarktführer. Doch dieser Vorsprung scheint zu schwinden. Die neuesten "Open Weights Modelle", welche im Internet frei verfügbar sind und angepasst werden können, von chinesischen Entwicklern stellen das Wirtschaftsmodell der Platzhirsche grundsätzlich infrage. Mit "DeepSeek" oder "Kimi" könnte man LLMs auf der eigenen Hardware betreiben, wodurch die Rechenkapazitäten, welche den Kern des KI-Booms ausmachen, obsolet wären. KI-Expertinnen rechnen damit, dass die chinesischen Open Weights in maximal einem Jahr die Leistungsfähigkeit von Anthropic und OpenAI eingeholt haben werden. (Gregor Metz, 21.10.2026)
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