Wird Künstliche Intelligenz der neue Bademeister? Ins Becken springen kann die Technik nicht
Stand: 12.07.2026, 14:03 Uhr
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Überfüllte Schwimmbäder stoßen an ihre Grenzen. Kameras mit KI-Technologie sollen mancherorts schon jetzt helfen, Badegäste besser zu schützen. Wie zuverlässig aber ist die Technik im Ernstfall?
Hamburg/Wiesbaden (KNA) – Die nächste Hitzewelle rollt auf Deutschland zu: Viele Schwimmbäder rechnen mit einem Besucheransturm. Schon im Juni gerieten manche Betriebe an ihre Belastungsgrenze. Einzelne wie das Kylltalbad Kordel oder die Stadtwerke Sigmaringen erließen wegen drohender Überfüllung sogar einen Einlassstopp – aus Sicherheitsgründen.
Artikel der KNA
Dieser Beitrag stammt von der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).
Schwimmmeister sind für Schwimmbäder zwar Pflicht, sie sind für die Überwachung zuständig. Doch dicht gefüllte Becken erinnern oft eher an Wimmelbilder. Wie lässt sich da mit bloßem Auge feststellen, wenn eine Person in Not gerät? Immer mehr Schwimmbäder in Deutschland setzen daher auf Künstliche Intelligenz (KI): Kameras sollen permanent überprüfen, ob alle Badegäste in einem Becken in Sicherheit sind. Wie aber fallen die ersten Erfahrungen aus – kann KI menschliche Aufmerksamkeit ersetzen?

Personal anderweitig gefragt – KI bleibt
„Die Kameras helfen ungemein, wenn das Bad voller ist. Sie sind ein zuverlässiges Hilfstool“, sagt Michael Dietel, Sprecher des Bäderlands Hamburg, der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Zwar liefen regelmäßig Schwimmmeister um die Becken. „Trotzdem kann nicht jeder permanent im Wasser überwacht werden. Es gibt auch Ablenkungen, zum Beispiel, wenn jemand ausrutscht und die Prellung versorgt werden muss, oder wenn ein Besucher eine Frage hat.“
Im Billebad testete das Bäderland 2025 zum ersten Mal in der Hansestadt die KI-Kameras. Momentan ist es dort in zwei Becken im Einsatz. „Wir wollen sie in Zukunft an allen unseren 25 Standorten einrichten“, sagt Dietel. „Am ehesten, wo sich vulnerable Gruppen befinden und die Risiken besonders groß sind. Zum Beispiel dort, wo Kinder nahe an tiefe Becken kommen.“
Bewegung im Wasser wird analysiert
KI-Kameras erfassen Bewegungen im Wasser; Gesichter sind nicht sichtbar. Bewegt sich ein Körper ungewöhnlich oder treibt in auffälliger Position an der Oberfläche, sendet die Kamera ein Signal via Smartwatch an den Schwimmmeister.
Wie sensibel die Kamera reagiert, hängt von technischen Einstellungen ab. Sie ist außerdem lernfähig und passt ihr Verhalten an frühere Situationen und Erfahrungen an.
Erstes KI-Schwimmbad in Wiesbaden
Das Schwimmbad Kleinfeldchen in Wiesbaden setzte als einer der ersten Bäderbetriebe hierzulande KI-Kameras ein. Die Geräte gingen 2020 zunächst im Hallenbad in einen Testbetrieb von zwei Jahren, „um das System zu füttern“, sagt Eric Alberti, Co-Chef des Bäderbetriebs Mattiaqua. Seitdem habe sich die Messgenauigkeit verbessert: „Die Anzahl der Fehlalarme konnte reduziert werden.“
Inzwischen sind die Kameras auch an Außenbecken in Kleinfeldchen im Einsatz. Die Installation ist im Freien allerdings komplizierter: In der Halle lassen sich die Kameras an der Decke befestigen, im Außenbereich sind zusätzliche bauliche Veränderungen nötig. „Wir mussten dafür strategische Punkte suchen, an denen wir Fahnen aufstellen konnten“, sagt Alberti. „Mit der entsprechenden Ausrichtung kann das komplette Becken ausgeleuchtet werden.“
Ertrinkende strampeln und schreien nicht
Der Experte räumt mit einem verbreiteten Missverständnis auf: „Ertrinken ist ein lautloser Tod“, sagt Alberti. „Nach Mitteilung der KI-Kamera kann der Bademeister einen Menschen in Not sofort an die Oberfläche bringen.“ Seit ihrer Installation sei „kein Badeunfall mit gravierenden Folgen“ aufgetreten. Inzwischen sind auch im Außenbereich Kameras im Einsatz.
Laut Deutscher Lebensrettungsgesellschaft starben im vergangenen Jahr 15 Menschen in deutschen Schwimmbädern, drei mehr als im Jahr zuvor. Insgesamt kamen 393 Menschen bei Badeunfällen ums Leben, die meisten in Gewässern wie Seen, Flüssen und dem Meer.
KI am Pool hat ihre Grenzen
Schwimmmeister begegnen der technologischen Entwicklung mit gemischten Reaktionen. „KI kann uns Schwimmmeister unterstützen und Hilfestellung leisten“, sagt Peter Harzheim, Präsident des Bundesverbands Deutscher Schwimmmeister. „Sie reagiert auf Bewegung, aber nicht, wenn zum Beispiel jemand die Augen verdreht. Das sehe ich nur als Schwimmmeister, wenn ich am Beckenrand stehe.“ KI reagiere außerdem erst dann, wenn ein Körper bewegungslos ist: „Sie kann eine Notsituation oft erst dann erkennen, wenn es schon passiert ist.“
Er befürchtet zudem zusätzliche finanzielle Belastungen für Bäderbetriebe. „KI-Anlagen müssen aufgebaut, eingerichtet und gewartet werden“, sagt Harzheim. „Das sind hohe laufende Kosten.“ Viele Familienbäder könnten das wahrscheinlich nicht leisten. „Ansonsten müssten Besucher höheren Eintritt zahlen.“ Er warnt außerdem vor weiteren personellen Engpässen. „Gegen KI ist nichts einzuwenden“, so Harzheims Fazit. „Aber sie muss moderat eingesetzt werden.“
Trotz KI fehlen in Bädern die Fachkräfte
Bäderbetriebe klagen schon seit mehreren Jahren über Fachkräftemangel. Laut Deutscher Gesellschaft für das Badewesen fehlen derzeit etwa 2.000 bis 3.000 Fachkräfte für Bäderbetriebe oder Rettungsschwimmer. Einige arbeiten mit Saisonkräften. Per Blockseminar bekommen Fachfremde eine Ausbildung zum Rettungsschwimmer – teilweise innerhalb von einer Woche. Dazu gehören das Rettungsschwimmabzeichen und ein Erste-Hilfe-Kurs.
„Es geht uns nicht darum, Personal wegzurationalisieren“, betont Alberti. Die KI-Kameras seien vielmehr dafür da, Fachkräfte im Alltag zu unterstützen und den Gästen ein höheres Sicherheitsgefühl zu vermitteln. „Irgendwann werden KI-Kameras vielleicht so sensibilisiert sein, dass ein Bademeister vor Monitoren sitzt“, sagt Alberti. „Nur eines wird KI natürlich nie können: bei einem Notfall ins Becken springen.“