Zalando setzt auf KI und überzeugt mit niedriger Bewertung


Stand: 09.09.2026, 20:25 Uhr

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Zalando setzt großflächig auf Künstliche Intelligenz, von Content über Logistik bis zum B2B-Geschäft, und wächst damit deutlich. Beim aktuellen Kurs von rund 23 Euro ist die Aktie günstig bewertet.

In vielen Branchen geht ein Schreckgespenst um. Der wachsende Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) stellt viele etablierte Geschäftsmodelle auf die Probe, so zumindest die Befürchtungen. Das Schlagwort KI-Disruption beherrscht die Schlagzeilen. Es gibt aber auch die Unternehmen, die sich die neuen Möglichkeiten zu Nutze machen. Der DAX-Wert Zalando (ISIN: DE000ZAL1111, Symbol: ZAL) ist ein prominentes Beispiel. Er setzt KI gleich an mehreren Stellen ein und stärkt damit sein Geschäftsmodell. Und das ist nicht der einzige Grund, weshalb die Aktie aktuell für Anleger interessant ist.

Content-Partnerschaft

Dieser Artikel entstand in Kooperation mit BÖRSE am Sonntag.

Wie Zalando künstliche Intelligenz im Alltag einsetzt

Scrollt man durch die Zalando-App, stehen die Chancen gut, direkt oder indirekt auf KI zu treffen. Fast jedes Bild, das dort aufblitzt, jedes Kampagnenbanner, jedes kurze Video, stammt nicht aus einem Fotostudio, sondern von einem KI-Modell. Noch vor einem Jahr lag dieser Anteil bei praktisch null, mittlerweile sind es 90 Prozent, wie Zalando in seinem Jahresbericht 2025 offenlegt. Aus sechs Wochen Produktionszeit pro Kampagne wurden wenige Tage, aus der klassischen Foto-Logistik ein Content-Fließband, das 70 Prozent mehr liefert, ohne dass die Kosten steigen. Diese Vorteile verkauft Zalando inzwischen weiter: Über die B2B-Plattform SCAYLE STUDIOS, ein KI-gestütztes Fotostudio, greifen bereits mehr als 100 Marken wie s.Oliver und Betty Barclay darauf zu.

Ein Mann mit dunklen Haaren im weißen Hemd spricht mit einem Mikrofon in der Hand vor einem blauen Bildschirm, auf dem der Schriftzug Zalando Assistant zu sehen ist.

Zalando-Co-CEO David Schröder spricht auf der Digitalmesse OMR in Hamburg. Der Online-Modehändler erzeugt inzwischen 90 Prozent seiner Kampagneninhalte mit Künstlicher Intelligenz. © picture alliance/dpa | Daniel Bockwoldt

Auch an anderen Stellen setzt Zalando auf KI-Mitarbeiter. Ein Algorithmus schlägt inzwischen so treffsicher passende Artikel vor, dass die Warenkörbe der Kundinnen und Kunden um 13 Prozent voller sind. Ein anderer lernt aus den Körpermaßen von mehr als einer Million Menschen, welche Größe wirklich passt, und verringert damit die größenbedingten Retouren um mehr als 8 Prozent. In den Logistikzentren übernehmen Roboter inzwischen rund 2 Millionen Warenentnahmen im Monat. Im rund 3.000 Köpfe starken Tech-Team liefern KI-Werkzeuge mehr als 20 Prozent mehr Code-Änderungen.

B2B-Sparte treibt Gewinnwachstum im ersten Halbjahr

Der umfangreiche Einsatz von KI bei Zalando zeigt, dass der Online-Modehändler längst über die Experimentierphase hinaus ist, die bei den meisten Unternehmen noch läuft, um die Möglichkeiten der neuen Technologie auszuloten. Zalando verbessert mithilfe von KI bereits die operativen Prozesse, was sich auch in den Geschäftszahlen positiv niederschlägt.

Im ersten Halbjahr 2026 hatte der Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um 22,2 Prozent auf 6,42 Milliarden Euro zugelegt. Das bereinigte Ergebnis vor Zinsen und Steuern (EBIT) stieg um 16,1 Prozent auf 269,6 Millionen Euro. Dazu beigetragen hat das B2B-Geschäft, also die Aktivitäten rund um die Logistik-, Software- und Marktplatzlösungen ZEOS, SCAYLE und Tradebyte, mit denen Zalando anderen Marken und Händlern seine eigene Infrastruktur zur Verfügung stellt. Dieses Geschäft hat zwar bislang nur einen Umsatzanteil von knapp 10 Prozent, ist aber mit einer bereinigten EBIT-Marge von 10,5 Prozent deutlich profitabler als das Endkundengeschäft (B2C) mit 3,5 Prozent. Der Anteil am bereinigten Konzern-EBIT beträgt fast 25 Prozent.

Die positive Entwicklung im B2B-Bereich im ersten Halbjahr 2026 begründete Zalando mit Skaleneffekten in der KI-gestützten ZEOS-Logistik sowie mit den margenstarken Softwareumsätzen der KI-Plattform SCAYLE. Co-CEO Robert Gentz erklärte zudem, dass die schnell skalierenden KI-Fähigkeiten des Unternehmens bereits messbare Vorteile für Wachstum und Effizienz in beiden Geschäftsbereichen lieferten. Finanzchefin Anna Dimitrova verwies zudem auf ein striktes, KI-gestütztes Kostenmanagement als einen der Gründe für die robuste Profitabilität.

Nettoverlust und ABOUT-YOU-Strategie im Fokus

Trotz dieser Fortschritte bei den bereinigten Gewinnen, die unter anderem erhebliche Restrukturierungskosten sowie Aufwendungen für anteilsbasierte Vergütungen und akquisitionsbezogenen Aufwendungen beinhalten, ist Zalando unter dem Strich nach wie vor nicht sonderlich profitabel. Im ersten Halbjahr 2026 rutschte man sogar in die roten Zahlen und verzeichnete einen Nachsteuerverlust von 13,8 Millionen Euro, während im ersten Halbjahr 2025 noch ein Überschuss von 106,5 Millionen Euro angefallen war. Hauptursache sind Restrukturierungskosten von 138,9 Millionen Euro, die größtenteils auf einmalige Effekte aus der geplanten Schließung des Logistikzentrums in Erfurt im Rahmen der Neugestaltung des Logistiknetzwerks zurückzuführen sind.

Die Schließung wird mit einer strategischen Neuausrichtung des gemeinsamen Logistiknetzwerks nach der Übernahme von ABOUT YOU begründet. Mit dem im Sommer 2025 abgeschlossenen Zukauf des einstigen Konkurrenten will Zalando ein paneuropäisches Ökosystem für Mode- und Lifestyle-E-Commerce aufbauen, das sowohl das Endkunden- als auch das Firmenkundengeschäft abdeckt. Im B2C-Geschäft bleiben beide Marken eigenständig, Zalando gilt als stärker markenorientiert, ABOUT YOU als trendorientiert, während im Hintergrund Synergien bei Logistik, Zahlungsabwicklung und kommerzieller Zusammenarbeit gehoben werden. Im B2B-Geschäft ergänzt die von ABOUT YOU mitgebrachte Softwareplattform SCAYLE das bestehende Betriebssystem ZEOS. Langfristig strebt Zalando durch den Zusammenschluss Synergien von rund 100 Millionen Euro pro Jahr beim Gruppen-EBIT an. Gemeinsam soll zudem ein größerer Teil des rund 450 Milliarden Euro schweren europäischen Mode- und Lifestyle-Marktes abgedeckt werden.

Agentic Commerce als neues Wachstumsfeld

Die Übernahme verdeutlicht, dass Zalando nach wie vor viel Geld in die Hand nimmt, um die eigene Marktposition in Europa strategisch zu festigen. Hierzu passen auch die Ambitionen im Bereich Agentic Commerce, in dem man in Europa eine Vorreiterrolle einnehmen möchte. Gemeint ist damit eine Einkaufsart, bei der nicht mehr Kundinnen und Kunden selbst durch eine Shopping-App klicken, sondern ein KI-Chatbot wie Google Gemini, ChatGPT oder Perplexity die Suche, Empfehlung und im Idealfall den Kauf direkt übernimmt. Zalando positioniert sich hier bewusst früh: Das Unternehmen ist einer von nur zwei europäischen Startpartnern für Googles Universal Commerce Protocol, über das KI-Chatbots künftig direkt auf Zalandos Produktkatalog zugreifen und Bestellungen abwickeln können, ohne den Umweg über die eigene App. 

Begründet wird das damit, dass solche KI-Chatbots das Unternehmen schon heute bevorzugt als Modeplattform empfehlen, wenn Nutzerinnen und Nutzer danach fragen. So werde Zalando bei Mode- und Lifestyle-Anfragen in großen KI-Chatbots typischerweise als 1., 2. oder 3. Ergebnis genannt und sei in vielen Ländern in der Regel die führende Plattform. Die frühe technische Anbindung soll diesen Vorteil absichern. Der Markt dafür gilt zwar noch als klein, aber wachstumsstark: Laut Bain- und Morgan-Stanley-Research, auf die sich Zalando beruft, soll der Anteil von KI-gesteuerten Käufen am Online-Einzelhandel von aktuell rund 1 Prozent auf etwa 15 Prozent bis 2030 steigen.

Cashflow-Entwicklung stützt attraktive Bewertung

Obwohl die Maßnahmen zur strategischen Positionierung, darunter weiterhin hohe Marketingaufwendungen, die Profitabilität belasten, zeigt der Blick auf die Cashflows, dass Zalando wirtschaftlich bereits gut aufgestellt ist. Die Entwicklung des operativen Cashflows (OCF) wird auch von Änderungen im Working Capital geprägt und unterliegt damit größeren Schwankungen, die sich aus der Natur des Geschäftsmodells ergeben. Dazu zählen vor allem Veränderungen bei den Vorräten, den Forderungen aus Lieferungen und Leistungen sowie den Verbindlichkeiten gegenüber Lieferanten und Partnern, also das kurzfristig gebundene Kapital des laufenden Geschäfts. Der übergeordnete Trend ist dennoch positiv: Die durchschnittliche jährliche Steigerungsrate lag in den vergangenen fünf Jahren bei über 16 Prozent, 2025 wurden konkret 4,28 Euro OCF je Aktie erzielt.

Für 2026 gehen die durchschnittlichen Analystenschätzungen allerdings von einem Rückgang auf 2,69 Euro OCF je Aktie aus. Dahinter steckt jedoch kein struktureller Rückgang, sondern ein Sondereffekt. Ende 2024 hatte Zalando aus Gründen der Kundengeld-Sicherung Zahlungen an Partner vorzeitig geleistet, die eigentlich erst im ersten Quartal 2025 fällig gewesen wären. Weil diese Zahlung im ersten Quartal 2025 dadurch ausblieb, fiel der operative Cashflow in diesem Quartal spürbar höher aus und trieb auch den Gesamtjahreswert 2025 nach oben. Da Zalando seine Sicherungsstrategie inzwischen angepasst hat, um solche Vorzieheffekte künftig zu vermeiden, dürfte der für 2026 erwartete Rückgang zu einem guten Teil schlicht die Rückkehr zu einem normalisierten Niveau widerspiegeln, nicht eine Verschlechterung des operativen Geschäfts.

Für 2027 und 2028 rechnen die Analysten im Schnitt bereits wieder mit einem Anstieg auf 3,77 beziehungsweise 4,29 Euro, das entspricht einer durchschnittlichen Wachstumsrate von knapp 14 Prozent. Gemessen am aktuellen Kurs ergibt sich daraus, auf Basis des erwarteten 2026er operativen Cashflows, ein Kurs-Cashflow-Verhältnis von 8,7. Das ist eine attraktive Bewertung. Legt man die für 2027 und 2028 erwarteten operativen Cashflows zugrunde, sinkt dieser Wert sogar auf 6,1 beziehungsweise 5,4. Damit dürften die Risiken des Geschäftsmodells in der Bewertung bereits ausreichend berücksichtigt sein.

Wettbewerb und Integration als zentrale Risiken

Zalando bewegt sich in einem hart umkämpften Markt, in dem asiatische Ultra-Fast-Fashion-Anbieter über den Preis Druck ausüben. Hinzu kommen hausgemachte Herausforderungen. Bleiben die mit der ABOUT-YOU-Übernahme erhofften Synergien aus, könnte sich der milliardenschwere Zukauf als teurer Fehlgriff erweisen statt als Wachstumstreiber. Auch die Agentic-Commerce-Strategie hat eine Kehrseite. Zalando will bei KI-Chatbots vorne mitspielen. Genau dort wird der Wettbewerb um Sichtbarkeit aber auch härter. Ein Vorsprung lässt sich schnell wieder verlieren.

Das margenstärkere Plattformgeschäft mit Partnerprogrammen, Werbung, Logistik- und Fulfillment-Dienstleistungen trägt bereits heute maßgeblich zum Ergebnis bei. Die offene Frage ist, ob sich das fortsetzen lässt. Das Risiko besteht darin, dass große Marken ihren Direktvertrieb ausbauen, auf mehrere Plattformen verteilen oder bessere Konditionen verlangen. Zalando muss zugleich weiterhin in Technologie, Logistik, Kundenakquise und Internationalisierung investieren, was erst einmal weiterhin die Margen belasten könnte. Das trifft wiederum auf eine nach wie vor dünne Ergebnisbasis. Der Nettoverlust im ersten Halbjahr 2026 hat gezeigt, dass schon einmalige Sonderbelastungen wie die Restrukturierung des Logistiknetzwerks ausreichen, um die operativen Fortschritte unter dem Strich wieder aufzuzehren. Daher ist besonders wichtig, dass sich Umsatzwachstum künftig mehr und mehr in nachhaltige Cashflows und höhere Margen übersetzt. Die Grundlagen dafür sind geschaffen, ein nachhaltiger Erfolg muss sich aber erst noch zeigen.

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Warum die Zalando-Aktie für Anleger interessant bleibt

Während vielerorts der rasante Vormarsch der KI zu Sorgenfalten führt, nutzt Zalando die sich damit bietenden neuen Möglichkeiten. Content, Produktempfehlungen, Logistik, Software, selbst die eigene Sichtbarkeit in KI-Chatbots, überall zeigt sich derselbe Ansatz. KI ist beim Online-Modehändler kein Experiment mehr, sondern Teil des Geschäftsmodells und hilft bereits, die operativen Prozesse zu verbessern. Die Zahlen aus dem ersten Halbjahr 2026 deuten darauf hin, dass sich das auch finanziell auszahlt. Risiken bleiben trotzdem, wie etwa der nach wie vor dünne Ergebnisspielraum. In der aktuell attraktiven Bewertung sind diese jedoch gut abgebildet. Auf dem aktuellen Niveau ist die Zalando-Aktie daher für längerfristige Investoren interessant. Vielleicht auch gerade für diejenigen, die sich bei Zalando einkleiden und dabei den Einsatz der neuen KI-Tools bereits selbst erlebt haben.