Zusammenschluss zu Konsortium?: Mafioso "Scarface" plaudert vor Gericht Interna aus
Zusammenschluss zu Konsortium?Mafioso "Scarface" plaudert vor Gericht Interna aus
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In Mailand läuft das Gerichtsverfahren Hydra. Es geht um ein Bündnis, das Cosa Nostra, Camorra und 'Ndrangheta geschlossen haben sollen. Die Aussagen eines Mafiosos über den Alltag hinter Gittern lassen die Vermutung plausibel erscheinen.
Ein Julimorgen im Bunker-Gerichtssaal der Strafvollzugsanstalt San Vittore in Mailand. William Alfonso Cerbo wird in den Saal geführt. Die Carabinieri verdecken ihn, so gut es geht. Der Mafioso hat beschlossen, mit der Justiz zu kooperieren und Interna über die Organisation auszusagen. Als "Collaboratore", einer von mehreren Kronzeugen, steht er unter Personenschutz und darf, wie die Richterin den Anwesenden eingeschärft hat, auf keinen Fall fotografiert werden. Während der Verhandlung sitzt er hinter einem Paravent. Bei dem Strafverfahren geht es um "Hydra", in der griechischen Mythologie ein Unwesen mit vielen Köpfen, im Mailänder Gerichtssaal ein mehrköpfiges Mafia-Konsortium in der Lombardei.
Die Mafia ist in dieser norditalienischen Region nichts Neues, eingenistet hat sie sich schon in den 1970er Jahren. Neu ist aber, dass die drei Organisationen Cosa Nostra aus Sizilien, 'Ndrangheta aus Kalabrien und Camorra aus Neapel dort seit 2019 ein Konsortium gebildet haben sollen. Es soll helfen, die Profite durch Synergien zu maximieren, sich gegenseitig nicht in die Quere zu kommen und gegebenenfalls zu unterstützen. Alle drei Organisationen sind gleichberechtigt, beziehungsweise alle vier, denn laut Cerbo sollen jetzt auch die Albaner dazugestoßen sein.
Im Bunker von San Vittore
Der streng abgeschirmte und überwachte Gerichtssaal ist eher klein. Oben auf der Tribüne nimmt das Publikum Platz, bestehend aus Vertretern von Antimafia-NGOs und Bürgermeistern, in deren Gemeinden die Mafia besonders präsent ist. Im Parterre vor dem Richterpult sitzen die Verteidiger, es sind ungefähr 30 an diesem Tag. Links und rechts sind die Gemeinschaftskäfige, in denen die Angeklagten das Verfahren live verfolgen können. An diesem Tag sind sie aber leer. Die Angeklagten befinden sich über das Land verteilt in verschiedenen Gefängnissen und sind, wenn überhaupt, per Video zugeschaltet.
Der Mailänder Bunker ist die Miniversion von dem, der sich in der palermitanischen Strafvollzuganstalt Ucciardone befindet. Der dortige Bunker wurde einst extra für den "Maxiprocesso" gebaut. Staatsanwalt Giovanni Falcone hatte 475 Angeklagte vor Gericht gebracht. Es war der größte Prozess gegen die Cosa Nostra, der von März 1986 bis Januar 1992 dauerte.
Im Fall Hydra haben die Staatsanwälte Alessandra Cerreti und Rosario Ferracane gegen insgesamt 143 Personen Anklage erhoben. 80 von ihnen haben sich für das Schnellverfahren entschieden, um eine Strafmilderung zu erhalten.
Das fand schon Anfang des Jahres statt. Der Richter verurteilten in erster Instanz 60 der Angeklagten wegen Mitgliedschaft in einer Mafia-Organisation, Erpressung, Drogenhandel, illegalem Waffenbesitz, falschen Rechnungen, Steuerbetrug, Geldwäsche und noch weiterer Delikte. Die Höchststrafe betrug 16 Jahre. 18 Angeklagte wurden freigesprochen, zwei zu dem "Schnellprozess" nicht zugelassen. Cerbo selbst wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt, seine Zusammenarbeit mit der Justiz wurde als mildernder Umstand gewertet.
Scarface und Mafia-Gepflogenheiten
Cerbo ist Jahrgang 1982, kommt aus der sizilianischen Stadt Catania und war in der Lombardei der Frontmann des ebenfalls aus Catania stammenden Mazzei Clans. Intern war Cerbo auch als Scarface bekannt. Er selbst erzählt, warum: "Ich hatte mir in der Nähe von Catania eine Villa bauen lassen, die genauso war wie die von Toni Montana im Film 'Scarface'."
Er ist nicht der einzige mit einem Spitznamen: Da gibt es auch "Dollarino", einen Broker und Drogendealer, der mit Südamerika seine Geschäfte machte oder "il Nano", den Zwerg, der wegen seiner kleinen Statur so genannt wird, seine Frau war "la Nana", die Zwergin.
Was Cerbos "Geschäftsbereich" betrifft, ging es hauptsächlich um die Gründung von Scheinfirmen, vor allem im Bauwesen. Er setzte als Besitzer Strohmänner ein, kaufte Ware im Wert von Zig-, manchmal auch Hunderttausend Euro. Danach verschwand das Unternehmen samt Ware, die später verkauft wurde.
Was jetzt stattfindet, ist das ordentliche Gerichtsverfahren mit 65 Angeklagten. Cerbo ist der erste von fünf Kronzeugen, die beschlossen haben, die Seite zu wechseln. Auf die Frage, was ihn dazu bewegt habe, gab er zu Protokoll: "Ich hab es für meine Kinder, für meine Familie gemacht (...) um ihnen eine bessere Zukunft zu bieten."
Willkommenskultur hinter Gittern
Eingeführt wurde diese Figur des "Collaboratore" von Falcone. Für den Prozess in Palermo war es ihm gelungen, den Boss Tommaso Buscetta zur Zusammenarbeit zu überreden. Ein Volltreffer: Buscetta deckte die bis dahin geheime Struktur der Cosa Nostra auf. Je nachdem, wie bedeutsam die Interna sind, die ein Kronzeuge enthüllt, kann dieser mit einer Minderung bis zur Hälfte der Strafe rechnen.
Cerbo erzählt von Treffen und wo sie in den Mailänder Vorstadtgemeinden stattgefunden haben, er nennt Namen, weist auf Lokale auch gleich hinter dem Mailänder Dom hin, in denen eine der drei Mafia-Organisationen investiert hatte.
Nicht minder spannend sind seine Erzählungen über den Alltag der Mafiosi im Gefängnis. Als Cerbo im September 2021 verhaftet wurde, kam er nach San Vittore. "Dort war Vittorio Sorrentino, der sich mir sofort zur Verfügung stellte." Sorrentino gehört dem Camorra-Clan der Senese an. Und obwohl Cerbo Cosa Nostra ist, sorgte Sorrentino dafür, dass er in seine Zelle kam. Am Samstag traf man sich dann bei der Messe mit Giancarlo Vestiti, auch ein Senese-Mann. Auf die Frage der Richterin, ob sie denn besonders gläubig seien, antwortete Cerbo: "Persönlich nicht, darum ging es ja nicht. Die Messe war die einzige Gelegenheit, uns auszutauschen."
Sich zur Verfügung zu stellen, gehört anscheinend zu den Gepflogenheiten der Mafia. In einem anderen Fall ist es Cerbo, der diesen Dienst erweist. Es geht um den Sohn eines Camorrista, der im Gefängnis von Siracusa gelandet war. "Die Sache ist die", hebt er hervor, "in Siracusa gehören 90 Prozent der Insassen dem Clan Mazzei an. Gut möglich, dass sich ein Camorrista fremd fühlt. Wir setzen uns aber dafür ein, dass er sich wohlfühlt."
Es ist ein Geben und Nehmen. Cerbo erzählt von seiner Erfahrung im Marassi-Gefängnis von Genua. "Fast in jeder zweiten Zelle gab es Handys", sagt er. "Ich war gerade eingeliefert worden, da fragte mich ein 'Ndrangheta-Mann, ob ich telefonieren müsste. Dann würde er mir sofort ein Handy besorgen."
Geliefert wurden die Geräte an einem bestimmten Tag per Drohnen auf das gefängnisinterne Fußballfeld, das riesig war und an eine Straße grenzte. "Manche verbrachten den ganzen Nachmittag auf der Toilette und sprachen auch per Videocall mit Familie und den Mafiosi draußen", erinnert sich Cerbo. Ein kleines Handy kostete um die 400 Euro, ein großes 1200. Bezahlt wurde es von der Familie draußen. Abends, bevor die Zellen geschlossen wurden, verschwanden die kleinen Handys in den Hohlräumen der Tischbeine in den Gemeinschaftsräumen. Für die größeren hatte man sichere Mauerspalten gefunden.
Die Operation Ombra (Schatten) brachte gerade wieder einmal ans Licht, wie die Mafiabosse ihre Geschäfte per Handy auch aus dem Gefängnis weiterführen. Wenn das Internet gut ist, auch per Videocall. Etwas mehr als fünf Stunden, von kurzen Pausen unterbrochen, dauert der Verhandlungstag. Am 3. September wird der Prozess wieder aufgenommen. Dann sind die Strafverteidiger mit der Befragung an der Reihe.
Quelle: ntv.de