„Zweite Welle“ in Putins Benzin-Desaster: Potemkinsche Tankstellen – und Unmut im Ukraine-Krieg
„Zweite Welle“ in Putins Benzin-Desaster: So reagieren die Russen – „Gibt kein Vertrauen“
Stand: 20.08.2026, 13:39 Uhr
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Lange Schlangen und „Potemkinsche Dörfer“ an Russlands Tankstellen: Der Krieg erreicht auch Putins Anhänger. Wie reagieren sie?
Gerade schlägt die „zweite Welle“ durch. So nennen russische Medien die aktuellen Nöte der Autofahrer in Wladimir Putins Reich: Zum zweiten Mal in diesem Sommer ist Treibstoff akut knapp – nicht nur auf der russisch besetzten Krim. Aktuell trifft das Problem sogar erstmals die Hauptstadt. Die Webseite benzinmap.ru meldete am Donnerstag Mengenbeschränkungen an Moskauer Tankstellen – und „strenge Einschränkungen“ in 59 von 85 russischen Regionen. Aber leidet Putins Ansehen unter der Misere? Umfragen geben Indizien. Daria Krushcheva, Slawistin und Expertin für russische Medien, schildert dem Münchner Merkur von Ippen.Media zugleich Behördentricks und alten und neuen Fatalismus in Russland.

Klar ist: Im Autoland Deutschland wäre die Misere Anlass für heftige Debatten, womöglich gar für eine Regierungskrise. Aber auch in Russland ist die Benzinkrise ein „großes Problem, sowohl für Zentralrussland als auch für die anderen Regionen und insbesondere für landwirtschaftlich geprägte Gebiete“, wie Khrushcheva, Slawistin der Ruhr-Uni Bochum, erklärt. Aber: Auf Unmut reagiere in Behörden und Putins Apparat niemand, Proteste führten in der Regel bestenfalls zu Festnahmen und negativen Konsequenzen. „Die Menschen haben Angst“, meint die Expertin. Ältere Umfragen spiegeln indes gewisse Effekte.
Ärger in Russland: Trifft Benzinmangel härter als ein Drohnenangriff?
Der Treibstoffmangel hat direkt mit Russlands Krieg gegen die Ukraine zu tun: Kiew hat in den vergangenen Monaten erfolgreich auf Schläge tief im russischen Hinterland gesetzt, nicht zuletzt gegen Öl-Infrastruktur – wohl mit Wissen und Unterstützung der USA, wie der Investigativjournalist Bojan Pancevski unserer Redaktion sagte. Der Thinktank Center for Strategic & International Studies (CSIS) analysierte zuletzt unter Berufung auf Umfragen etwa der Institute Levada und Gallup, der Forschergruppe ExtremeScan aber auch der kremlnahen Demoskopen von VZIOM: Militärische „Schocks“ wirken auf die Zustimmung der Bevölkerung weniger stark als wirtschaftliche Probleme. Die Attacken auf Raffinerien und Öl-Anlagen kombinierten nun indes beides.
So notierte Gallup im Juni einen Rekordwert von 60 Prozent der Befragten, die eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage in ihrer Region Russlands wahrnahmen. Das Institut führt jährlich telefonische Befragungen für seinen „World Poll“ durch. Levada zufolge erklärten im Juni 52 Prozent der Befragten, Russland bewege sich in die richtige Richtung – der niedrigste Wert im laufenden Ukraine-Krieg. Der Thinktank IKAR veröffentlichte im selben Monat Daten, denen zufolge je 58 Prozent der Befragten ein Ende des Krieges und eine Verbesserung der finanziellen Lage als wichtigste politische Prioritäten sahen, „deutlich vor anderen Alternativen“. Und nach einer Erhebung von ExtremeScan aus dem Jahr 2023 neigen (auch wirtschaftlich) von Kriegsfolgen betroffene Russinnen und Russen etwa 1,5 Mal eher dazu, einen Truppenabzug und Verhandlungen zu unterstützen. Es scheint also plausibel, dass gerade Angriffe mit indirekten, aber spürbaren Folgen ein Umdenken anregen. Jedenfalls abseits der laut CSIS rund 15 Prozent „Falken“, ideologischen Hardlinern, in Russland.
Die These von CSIS lautet: Gegen einen vermeintlichen „Angriff“ lässt sich mobilisieren, Tod und Verlust können geschickt kommuniziert oder verschleiert werden, wie zuletzt auch eine NATO-Analyse zeigte. Schlangen an Tankstellen lassen sich aber nicht verbergen. Tatsächlich zeigen in Russland sogar mehrere Apps mithilfe von Nutzerdaten die Versorgungslage – wohl schon aus dem rein praktischen Ansinnen, unnötige Fahrten zu geschlossenen Tankstellen zu vermeiden. Khrushcheva beobachtet zudem: Viele Russinnen und Russen äußern im Netz weiter Unmut, trotz Sperren und Verboten. Wenngleich sie versuchten, „sehr vorsichtig zu sein“.
„Potemkinsche Dörfer“ in Putins Russlands – an Tankstellen: „Ein sehr typisches Phänomen“
Dabei kursierten auch für den Kreml unangenehme Bilder, erzählt die Expertin: „Augenzeugen dokumentieren in Videos die Warteschlangen an Tankstellen, die Preise und sogenannte ‚schwarze Geschäfte‘.“ Videos belegten auch, dass Benzin plötzlich an Tankstellen auftauche, oder sich Preise veränderten, wenn der Präsident oder hochrangige Beamte eine Region besuchten. „Eine Art ‚Potemkinsche Dörfer‘“, meint Krushcheva, eine Illusion für die Staatselite also. Und damit ein für viele Krisensituationen in Russland sehr typisches Phänomen. Der Ärger treffe aber oft lokale Behörden.
Und teils regiert offenbar Fatalismus. „In Russland gibt es dafür einen ironischen Spruch“, erzählt die gebürtige Russin, „‚Wir haben noch nie gut gelebt – also brauchen wir auch gar nicht erst damit anzufangen.“ Als in diesem Jahr Öl-Verschmutzungen im Schwarzen Meer zur Gefahr wurden, habe es nach anfänglichen Protesten zwei Reaktionen gegeben: Die Menschen hätten sich entweder mit der Lage abgefunden. Oder sie hätten sich zusammengeschlossen und etwa bei der Reinigung von Stränden und Küsten selbst Hand angelegt.
Die Menschen seien müde von den Krisen, meint die Expertin, Aggression und Erschöpfung lägen in der Luft. Zugleich sei die Sorge vor einer Mobilisierungswelle nach den Wahlen im September gegenwärtig und jede Beschwerde könne gegen die Äußernden verwendet werden: „Es gibt also kein Vertrauen in irgendjemanden.“ Tatsächlich meldeten am Donnerstag mehrere Medien, darunter Euronews, in Wolgograd seien fünf Menschen festgenommen worden, weil sie in einem Video an Russlands obersten Ermittler Alexander Bastrykin beklagt hatten, Amtsträger könnten ungehindert tanken, während Normalbürger unter Restriktionen litten.
Die Alltagsprobleme könnten den Druck auf beiden Seiten weiter erhöhen. Es beginne angesichts der ukrainischen Schläge „im Gebälk der russischen Wirtschaft zu knarzen“, sagte zuletzt auch Verteidigungsexperte Frank Sauer dem Münchner Merkur von Ippen.Media. Andere Stimmen mahnen hingegen: Russland könne prinzipiell „ewig weitermachen“. (Quellen: Daria Khrushcheva, benzinmap.ru, CSIS, Gallup, Levada, ExtremeScan, IKAR, Euronews, eigene Recherchen)