11. September 2001: Terror-Export aus Deutschland


"Dieser Tag hat die Welt verändert", sagt Bundespräsident Johannes Rau unter dem Eindruck der brennenden und einstürzenden Zwillingstürme des World Trade Centers in New York. Fast 3000 Menschen sterben am 11. September 2001, als islamistische Terroristen vier entführte Passagierflugzeuge zu tödlichen Waffen umfunktionieren.

Unter den Toten sind elf Deutsche

Das deutsche Staatsoberhaupt ringt um Worte: "Wir wissen nicht, welche politischen, welche gesellschaftlichen Auswirkungen das hat, was heute geschehen ist und was wir auf den Fernsehschirmen gebannt und erschrocken und, kaum des Nachdenkens fähig, verfolgen." Bald erfährt die Welt, dass unter den Opfern Menschen aus 92 Ländern sind, darunter elf Deutsche.

Ein glutroter Feuerball umgibt den linken Turm des World Trade Centers in New York. Der rechte Turm ist im oberen Bereich von schwarzen Rauchwolken eingehüllt.
Am 11. September 2001 rasen islamistische Terroristen mit entführten Passagierflugzeugen in die Türme des World Trade Centers in New York Bild: Spencer Platt/Getty Images/AFP

Am Tag danach wird ein schnell kursierendes Gerücht zur Gewissheit: Drei der vier mutmaßlichen Terror-Piloten haben zuletzt in Hamburg gelebt. Chef der islamistischen Terror-Gruppe soll der aus Ägypten stammende Mohammed Atta gewesen sein. Er war Anfang der 1990er Jahre zum Studium in die norddeutsche Hansestadt gekommen.

Mohammed Atta radikalisiert sich in einer Moschee

Irgendwann radikalisiert sich der junge Mann, vor allem in der später von den Sicherheitsbehörden geschlossenen Al-Quds-Moschee in der Nähe des Hauptbahnhofs. Seine letzten drei Lebensjahre verbringt er in einer Wohngemeinschaft mit zwei anderen mutmaßlichen Attentätern im Stadtteil Harburg.

9/11: Die Hamburger Terrorzelle

To view this video please enable JavaScript, and consider upgrading to a web browser that supports HTML5 video

Der sogenannten Hamburger Terrorzelle sollen sechs Männer angehört haben, darunter der Marokkaner Mounir al-Motassadeq. Er wird im weltweit ersten Prozess um die Terroranschläge vom 11. September 2001 als Helfer angeklagt.  Das Hanseatische Oberlandesgericht verurteilt ihn 2003 wegen Beihilfe zum tausendfachen Mord und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zur Höchststrafe von 15 Jahren.

Ein Mann aus Bremen landet im US-Gefangenenlager Guantanamo

Nach Verbüßung der Haft wird al-Motassadeq in sein Herkunftsland Marokko abgeschoben. Ein weiterer mutmaßlicher Attentäter aus dem Umfeld des Todespiloten Atta ist der im Jemen geborene Ramzi Binalshibh, der seit 2006 ohne Gerichtsverfahren im US-Gefangenenlager Guantanamo gefangen gehalten wird.

20 Jahre Gefangenenlager Guantánamo

To view this video please enable JavaScript, and consider upgrading to a web browser that supports HTML5 video

Die USA inhaftieren in dem völkerrechtswidrigen Gefängnis hunderte Verdächtige, darunter den in Bremen geborenen Murat Kurnaz. Er wird erst nach fast fünf Jahren im August 2006 freigelassen, ohne dass ihm eine Beteiligung an den Terroranschlägen nachgewiesen werden kann. Sein Schicksal verarbeitet Kurnaz in einem Buch, das 2013 verfilmt wird. 

Frank-Walter Steinmeier als Zeuge im Untersuchungsausschuss 

Im Deutschen Bundestag versuchen derweil Untersuchungsausschüsse aufzuklären, warum Kurnaz und andere Verdächtige zu Unrecht ins Visier amerikanischer und deutscher Geheimdienste gelangt sind. Als Zeuge ist auch der damalige Außenminister und heutige Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier geladen.

Der ehemalige Guantanamo-Häftling Murat Kurnaz (l.) sitzt an einem Tisch in einem Saal des Deutschen Bundestags. Sein volles, dunkles und lockiges Haar ist nach hinten gekämmt. Er hat einen langen Bart, der ungefähr bis zum unteren Brustbereich reicht. Neben ihm sitzt sein Anwalt Bernhard Docke, der eine kreisrunde Brille trägt. Er ist mit einem dunklen Jackett über einem weißen Hemd sowie einer roten Krawatte bekleidet. Vor ihm liegen Unterlagen auf dem Tisch.
Der ehemalige Guantanamo-Häftling Murat Kurnaz (l.) und sein Anwalt Bernhard Docke im Untersuchungsausschuss des Deutschen BundestagsBild: Rainer Jensen/dpa/picture alliance

Im Mittelpunkt steht die Frage, warum deutsche Sicherheitsbehörden 2002 die mögliche Rückkehr des deutschstämmigen Häftlings mit türkischem Pass ablehnen. Steinmeiers Begründung: "Niemand bezweifelt, auch ich nicht, dass Herr Kurnaz in Guantanamo Schlimmes durchlitten hat. Deshalb haben wir uns auch um eine rechtsstaatliche Behandlung bemüht. Aber zugleich, das verstehen Sie bitte, waren wir auch gehalten, für Sicherheit in unserem eigenen Land zu sorgen."    

Gerhard Schröder verspricht "uneingeschränkte Solidarität"

Der Fall Kurnaz zeigt exemplarisch, unter welchem Druck die deutsche Politik nach den Terroranschlägen in den USA steht. Bundeskanzler Gerhard Schröder gibt am Tag danach eine Regierungserklärung ab: "Der gestrige 11. September 2001 wird als ein schwarzer Tag für uns alle in die Geschichte eingehen", sagt der Sozialdemokrat.

9/11 - Chronologie der Anschläge

To view this video please enable JavaScript, and consider upgrading to a web browser that supports HTML5 video

Er habe dem amerikanischen Präsidenten das tief empfundene Beileid des gesamten deutschen Volkes ausgesprochen. "Ich habe ihm auch die uneingeschränkte, ich betone: die uneingeschränkte, Solidarität Deutschlands zugesichert", sagt Schröder. Selbstverständlich biete man den Bürgern und Behörden der USA jede gewünschte Hilfe an. "Natürlich auch bei der Ermittlung und Verfolgung der Urheber und Drahtzieher dieser niederträchtigen Attentate."

Bundestag beschließt Anti-Terror-Gesetze

Damit setzt Schröder den Ton und legt die Grundlage für eine Reihe von Gesetzesverschärfungen. Wenige Wochen nach den Anschlägen präsentiert die Regierungskoalition aus Sozialdemokraten und Grünen ihr erstes sogenanntes Sicherheitspaket: mehr Geld, mehr Personal und mehr Befugnisse für Polizei und Geheimdienste.

Interview mit Bernd Greiner, Terrorforscher

To view this video please enable JavaScript, and consider upgrading to a web browser that supports HTML5 video

Bislang privilegierte religiöse Vereinigungen können nun wie andere Vereine verboten werden, wenn sich ihre Aktivitäten gegen das Grundgesetz, die Freiheitlich-Demokratische Grundordnung (FDGO), richten oder andere strafbare Zwecke verfolgen. Keine vier Monate nach den Terroranschlägen in den USA tritt das Terrorismusbekämpfungsgesetz in Kraft.

Bundesverfassungsgericht beschränkt die Rasterfahndung

Geheimdienste erhalten Zugriff auf personalisierte Daten von Banken, Luftfahrt- und Telekommunikationsunternehmen. Das Ausländerrecht wird verschärft. Mit Hilfe der Rasterfahndung, bei der ohne konkreten Verdacht massenhaft Daten abgeglichen werden, sollen sogenannte Schläfer aufgespürt werden: Menschen wie Mohammed Atta aus der Hamburger Terrorzelle, die Sicherheitsbehörden nicht rechtzeitig auf dem Schirm hatten.

Antiterrordatei muss nachgebessert werden

To view this video please enable JavaScript, and consider upgrading to a web browser that supports HTML5 video

Das Bundesverfassungsgericht beendete diese rechtlich fragwürdige Methode. Nur wenn eine konkrete Gefahr bestehe, sei sie zulässig, heißt es in dem 2006 gefällten Urteil. Sieben Jahre später erklärt Deutschlands höchstes Gericht auch die Antiterror-Datei für teilweise verfassungswidrig.

Deutschland beteiligt sich am Afghanistan-Krieg

Auch militärisch haben die islamistischen Terroranschläge vom 11. September 2001 weitreichende und lang andauernde Folgen. Die USA greifen bereits im Oktober die in Afghanistan herrschenden Taliban an, weil sie sich weigern den mutmaßlichen Drahtzieher der Attentate auszuliefern: Osama bin Laden, Chef des Terrornetzwerks Al-Kaida.

Als Soldat in Afghanistan

To view this video please enable JavaScript, and consider upgrading to a web browser that supports HTML5 video

Deutschland beteiligt sich ab Dezember an dem US-geführten Krieg, der 20 Jahre dauert und im August 2021 mit der Rückkehr der Taliban an die Macht endet. Auf Seiten der internationalen Truppen kommen rund 3600 Soldaten ums Leben, darunter 59 aus der Bundeswehr. Auch drei deutsche Polizisten sterben.

Johannes Rau: "Dieser Tag hat die Welt verändert"

Die Worte von Bundespräsident Johannes Rau, gesprochen am 11. September 2001 nach den islamistischen Terroranschlägen in den USA, hallen nach - bis heute: "Dieser Tag hat die Welt verändert."