1200 Festnahmen, ein Rathaus brennt nieder, Luxusläden geplündert – die Polizei konnte nur zusehen: Was am 17. Oktober in Frankreich passiert ist
Am Samstag hat die massive Gewalt und Zerstörung im Zuge einer landesweiten Mobilisierung gegen die hohen Lebenshaltungskosten Frankreich in einen Schockzustand versetzt. Zwischen 550.000 und 800.000 Menschen sind nach übereinstimmenden Berichten französischer Medien auf die Straße gegangen.
In mehreren Städten aber mündete der Protest in Plünderungen, Brandstiftung und Straßenschlachten. Premierminister Sébastien Lecornu sprach von „Gewalt extremer Intensität“ und zählte am Abend 1200 Festnahmen sowie 150 verletzte Sicherheitskräfte. Einzelne Medien berichten bereits von noch höheren Zahlen.
Rathaus von Limoges weitgehend zerstört
Das historische Rathaus von Limoges aus dem 19. Jahrhundert ist durch ein offenbar von Randalierern gelegtes Feuer größtenteils zerstört worden. Der Glockenturm auf dem Dach stürzte ein, das Dach brach auf die unteren Stockwerke. Präfekt Maurice Barate sprach von einer „Kulturkatastrophe“ und einem „vorsätzlichen Akt von Vandalen“.
In Marseille erzwang eine vermummte Gruppe den Zutritt zum Rathaus und richtete erhebliche Schäden an – unter anderem wurde eine Marianne-Statue umgestürzt. Bürgermeister Benoît Payan kritisierte, die Sicherheitskräfte hätten dem Schutz öffentlicher Gebäude keine Priorität eingeräumt.
Luxusboutiquen geplündert, Barrikaden in Paris
In Paris spielten sich ab dem Nachmittag Szenen ab, die an den 1. Dezember 2018 erinnerten, als Gelbwesten den Arc de Triomphe gestürmt hatten.
So zertrümmerten Gruppen von Plünderern am Samstag die Schaufenster von Luxusgeschäften wie Kenzo, Céline, Salomon und Arc'teryx und räumten die Regale leer.
Ein Handyladen an der Place Jacques-Bonsergent wurde komplett ausgeräumt, ein Goldgeschäft aufgebrochen. Auf dem Messaging-Dienst Signal boten Unbekannte gestohlene Burberry-Schals zum Verkauf an.
Plünderung von Geschäften am Place de la République während einer Demonstration gegen steigende Lebenshaltungskosten und schlechte Bedingungen an Schulen.
© Lucy North/PA Wire/dpa
Zwischen Madeleine und Concorde errichteten Vermummte Barrikaden und rückten Schritt für Schritt auf die Polizeilinien vor. Die Beamten konnten sich nur mit Tränengas und Entkreisungsgranaten befreien.
Sicherheitskräfte an mehreren Fronten überfordert
Innenminister Laurent Nuñez räumte ein, die Polizei sei nicht in der Lage gewesen, die vielen mobilen Kleingruppen einzudämmen. „Wir haben das Dispositiv nicht unterdimensioniert, wir hatten es mit einem massiven Ansturm von Randalierern zu tun, die in Gruppen agierten, sich aufteilten und verstreuten“, sagte er.
Die Geheimdienste hatten laut Berichten Schwierigkeiten gehabt, das Ausmaß der über soziale Medien organisierten Mobilisierung vorherzusagen, berichtet unter anderem die Tageszeitung Le Monde.
Gruppen drangen bis in die Nähe des Élysée-Palastes vor. Aus Sicherheitskreisen hieß es: „Etwas ist schiefgelaufen, es ist nicht hinnehmbar, dass Gruppen so nah an den Élysée herankommen konnten.“
17-Jährigem die Hand abgerissen
In Saint-Étienne wurde einem 17-jährigen Demonstranten die Hand abgerissen, nachdem er offenbar eine von der Polizei geworfene Granate aufgehoben hatte.
Auch ein elf Monate altes Kind wurde an der Hand schwer verletzt.
Die Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen eingeleitet und die Generalinspektion der Nationalpolizei (IGPN) eingeschaltet.
Regierung attackiert die Linke
Premierminister Lecornu machte in einer abendlichen Stellungnahme „linksextreme Gruppen“ und „Kriminelle“ für die Eskalation verantwortlich. Er sprach von einem „politischen Manöver, das Gewalt akzeptiert“, und zielte damit auf La France Insoumise (LFI).
Justizminister Gérald Darmanin wies die Staatsanwaltschaften an, Untersuchungshaft für Tatverdächtige zu beantragen.
Protest gegen hohe Lebenshaltungskosten in Paris: Szene nahe dem Place de la République in Paris am Samstag.
© Jumeau Alexis/imago
Jean-Luc Mélenchon, der selbst im Pariser Demonstrationszug mitgelaufen war, wies die Schuld zurück und machte die Polizeistrategie verantwortlich. Der Präfekt habe „das Chaos organisiert“, schrieb er auf X. Präsident Emmanuel Macron kündigte an, die Täter würden „strafrechtlich verfolgt und bestraft“.
Friedliche Massen neben entschlossenen Randalierern
Der Kern der Mobilisierung war friedlich. Auf der Place de la République drängten sich Zehntausende, der Zug zur Place de Clichy verlief ohne größere Zwischenfälle.
Schüler, Studierende, Gewerkschafter, Gelbwesten und Beschäftigte aus dem Gesundheitswesen marschierten Seite an Seite. Sabrine Kharbach von der Studentengewerkschaft Union Étudiante sprach von einer „Sturzflut“ und stellte den Protest in die Tradition des Mai 1968.
Doch parallel formierten sich immer neue Splittergruppen – organisierte Linksautonome, Jugendliche aus den Vorstädten und Gelegenheitsplünderer –, die sich über Telegram und Signal koordinierten und die Polizei an Dutzenden Orten gleichzeitig banden.
Ein Land zwischen Wut und Fassungslosigkeit
In Bordeaux wurde die Residenz der Präfektin gestürmt und verwüstet, die Spezialeinheit Raid musste anrücken. In Lyon brannte das Fremdenverkehrsbüro an der Place Bellecour.
Derweil kam es in Toulouse ebenfalls zu massiven Plünderungen. Der Pariser Bürgermeister Emmanuel Grégoire beschrieb „ganze Straßenzüge, die systematisch verwüstet wurden“.
Sechs Monate vor der Präsidentschaftswahl steht die Regierung Lecornu unter enormem Druck, so die Tageszeitung La Liberación. Die Opposition wirft ihr vor, die soziale Krise unterschätzt und beim Sicherheitskonzept versagt zu haben. Lecornu selbst nannte es „ein Wunder, dass die Bilanz nicht schwerer ausfällt“.
Lesen Sie mehr zum Thema