200 Millionen Pfund und die WBA: Fury und Joshua kämpfen um absurde "Weltmeisterschaft"
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25.09.2026 | 21:56 Uhr
Nach Jahren vergeblichen Wartens fechten Tyson Fury und Anthony Joshua endlich die Battle of Britain aus. Der Kampf ist ein solches Pfund, dass er locker ohne Titel auskommt. Ein Verband entblödet sich aber nicht, das Altherren-Duell zur "WM" auszurufen.
Besser spät als nie. Dieser Satz ist kein Gesetz, sondern ein Axiom, ein nicht beweisbarer, selektiver Grundsatz. Man nutzt ihn, wenn er einem in den Kram passt, wenn die Realität einen Anlass bietet. Wer hat schon je von "besser nie als spät" gehört? Aber ist es wirklich besser, dass Tyson Fury und Anthony Joshua im betagten Boxeralter am 11. Dezember nach einer Dekade vergeblichen Wartens endlich im Ring aufeinandertreffen? Oder wäre die Battle of Britain nicht lieber eine unerfüllte Sehnsucht geblieben? Ein bloßer Traum, aber wenigstens einer, in dem sich dem die größten Schwergewichts-Stars ihrer Zeit im Zenit ihrer Schaffenskraft begegnen.
Auf diese Fragen gibt es mehrere Antworten, weil die Medaille mindestens zwei Seiten hat. Rein geschäftlich ist das Duell der Preiskämpfer ein "No Brainer". "Sie bekommen mehr Geld, als je zuvor ein britischer Boxer für einen Kampf verdient hat. Deshalb konnte bei den Summen, um die es geht, auch keiner den Kampf ablehnen", sagte Furys Promoter Frank Warren bei Sky Sports. Berichten zufolge kassieren die Rivalen pro Nase eine Börse von 100 Millionen Pfund (rund 116 Millionen Euro). Mit keinem anderen Kampf hätten der 38-jährige Fury und der zwei Jahre jüngere Joshua auf der Zielgeraden ihrer Karrieren noch einmal derart abgesahnt. Streaming-Gigant Netflix überträgt weltweit. Ins Principality Stadium von Cardiff werden mindestens 80.000 Fans pilgern.

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Anthony Joshua verbiegt sich vor Jahrhundertkampf mit Fury
Möglich macht den Geldregen Saudi-Arabien. "Zwei der besten Schwergewichtler ihrer Generation endlich zusammen im Ring. Das wird einer der größten Kämpfe der Boxgeschichte. Ich bin sehr glücklich, den Fans diesen Kampf zu schenken", jubilierte Turki Al-Sheikh. 15 Jahre habe es keiner geschafft, den Blockbuster zu organisieren - bis er kam. Der 45-Jährige ist der Boss der General Entertainment Authority des saudischen Königshauses und damit "Brot-und-Spiele-Minister" von Kronprinz Mohammed bin Salman. Ohne das Geld aus dessen Public Investment Funds, wäre die Battle of Britain wohl eine Illusion geblieben. Rund zehn Jahre verhandelten die Lager der Boxer ohne Erfolg. Al-Sheikh hat die Gräben mit seiner Pfund-Bazooka zugeschüttet, so wie er es bei anderen Kämpfen getan hat, die lange Zeit Wunschdenken geblieben waren. Al-Sheikh macht Angebote, die man nicht ablehnen kann. "Ein großer Dank an Turki und Saudi-Arabien. Der einzige Mann, der das möglich machen konnte", dankte Fury via Instagram artig seinem Cäsaren.
Joshua legte Veto gegen New York ein
Und doch dauerte es, ehe Al-Sheikh und Co. "Finally" (so das Motto des 11. Dezember) Vollzug meldeten. Fury und Joshua hatten im Frühjahr separate Verträge mit den Strippenziehern vom Golf ausgehandelt und unterschrieben. In Joshuas Kontrakt stand offenbar ausdrücklich, dass der Kampf in Großbritannien stattfindet. Als sich vor einigen Wochen der legendäre Madison Square Garden in New York als favorisierter Schauplatz herauskristallisierte, legten Joshua und sein Promoter Eddie Hearn ein Veto ein. Ihr Wunsch, im Londoner Nationalheiligtum Wembley-Stadion zu boxen, erwies sich aber als nicht realisierbar.
Zum einen hat der Fußball-Tempel der Briten kein komplett verschließbares Dach. Zum anderen hätte die Hauptstadt ihre Sperrstunde bis tief in die Nacht hinein ausweiten müssen, weil sich Netflix eine Startzeit zur Prime Time in den USA ausbedungen hat (wo der englische Box-Gipfel ironischerweise die Massen nicht hinterm Ofen vor lockt). Wenn den Engländern der Gong schlägt, wird die Uhr auf der Insel um 2 Uhr anzeigen. Letztlich einigten sich alle Parteien auf das nachterprobte Cardiff mit dem vollverschließbaren Stadiondach, Hearn musste zudem die Kröte schlucken, dass sein Intimfeind Dana White als Promoter des vermeintlichen Jahrhundertkampfes involviert ist.
Die walisische Hauptstadt hat schon einmal eine Battle of Britain beherbergt. 1993 gewann Lennox Lewis die Schlacht ums Vereinigte Fäustereich gegen den in England so geliebten Frank Bruno. Nebenbei verteidigte Lewis den WM-Gürtel des Verbandes WBC. Lewis und Bruno standen voll im Saft, als sie sich in Wales Saures gaben. Bei Fury und Joshua lässt sich das nicht sagen.
WBA ruft Mickey-Mouse-WM aus
Aus sportlicher Sicht kommt der Kampf mindestens fünf Jahre zu spät. Sowohl Fury als auch Joshua sind nicht mehr die, die sie einst waren. Fury nicht mehr der leichtfüßige 2,06-Meter-Riese, der seine Gegner im Rückwärtsgang ausboxt oder im Dampfwalzenmodus überrollt. Joshua (1,98 Meter) nicht mehr die selbstbewusste, unwiderstehliche Offensiv-Maschine mit den explosiven Fäusten, die ihre Opfer zielsicher langlegt.
Weltmeister-Ehren weisen die Engländer schon lange nicht mehr aus. Joshua verlor die Titel von WBA, WBO und IBF im Sommer 2021 an Oleksandr Usyk. Fury musste seine WBC-Krone 2024 ebenfalls an den Ukrainer abtreten. Beide Briten traten zur Revanche an - und bekamen erneut auf die Mütze. Usyk hat seine vier WM-Gürtel mittlerweile niedergelegt, zurückgetreten ist er indes noch nicht. Mit Agit Kabayel (WBC), Daniel Dubois (WBO), Filip Hrgovic (IBF) und Murat Gassiev (WBA) erheben vier Verbands-Weltmeister Anspruch auf das Erbe. Fury und Joshua sind lediglich "Contender", mögliche Anwärter auf einen Titelkampf.
Der Weltverband WBA setzt Fury vs. Joshua dennoch eine absurde Krone auf. Als wäre der Kampf nicht groß, die Börse nicht prall genug, hat die WBA den britischen Schlager zum Duell um den Titel ihres Super Champions auserkoren. Auf dem Papier - aber auch nur dort - haben Fury und Joshua also die Chance, zum jeweils dritten Mal in ihrer Karriere einen WM-Gürtel zu erobern.
Der Grund ist schnell erklärt: Für Kämpfe um WM-Titel erheben die Verbände sogenannte Sanktionsgebühren (in der Regel drei Prozent der Börse). Angesichts der gewaltigen Gagen ein erträgliches Geschäft für den ältesten der vier großen Verbände. Da kratzt es die Funktionäre auch nicht, dass die "Boxing Public" die WBA und ihre Mickey-Mouse-Gürtel kaum mehr ernst nimmt (die Boxdatenbank "Boxrec" hat die WBA schon aus der Boxgeschichte getilgt). Nach dem 11. Dezember wird die WBA einmal mehr zwei "Weltmeister" führen: ihren Super Champion und den "regulären" Titelträger Gassiev. Willkommen im Preisboxen.
Battle of Britain hing am seidenen Faden
Die jüngsten Auftritte von Fury und Joshua lassen befürchten, dass auf die blutlustige 80.000-Mann-Meute in Cardiff kein WM-Niveau, sondern bestenfalls gehobeneres Altherrenboxen wartet. Fury kehrte im April nach anderthalbjährigem Rentnerdasein zurück, schlug den eindimensionalen Russen Arslanbek Makhmudov wenig überzeugend über zwölf Runden nach Punkten (zum Vergleich: Der deutsche WBC-Champion Kabayel brauchte 2023 vier Runden, um Makhmudov kurz und kleinzuhacken). Im Juli besiegte der "Gypsy King" in Thailand den 46-jährigen (!) Polen Mariusz Wach in sieben Runden - erneut ohne Spritz und Esprit.
Joshua wendete einen Tag später in Dschidda nur knapp den GAU ab. Gegen den unbekannten, als Aufbaugegner ausgewählten Albaner Kristian Prenga bohnerte AJ in der ersten Runde zweimal den Ringboden. Joshua rettete sich in die Pause, ehe er Prenga in Runde zwei mit einer schweren Rechten noch k.o. schlug. Hätte er verloren, wäre der Showdown mit Fury vom Tisch gewesen.
Wäre es besser gewesen? Das Ballyhoo vor dem 11. Dezember wird gewaltig sein. Fury und Joshua müssen das Spektakel zwischen den Seilen nun mit Leben füllen. In der Nacht auf den 12. Dezember werden in Cardiff 80.000 Briten unterm Dach des Principality Stadium sitzen - in Erwartung ihrer Ringhelden, biergeschwängert und erregt. Besser spät als nie? Kurz vor Weihnachten wird sich zeigen, ob das lange Warten es wert war.
Verwendete Quelle: ntv.de