„Was machen Politiker eigentlich noch selbst?“: So aufgebläht ist das System Bundestag – Kostenfalle für den Steuerzahler


30.000 Euro Budget für jeden Abgeordneten – Jurist warnt vor teurem Risiko im Bundestag für Steuerzahler

Stand: 18.08.2026, 14:01 Uhr

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Jeder Bundestagsabgeordnete hat im Schnitt acht Mitarbeiter – zu viel, sagt Staatsrechtler Philipp Austermann. Er sieht darin sogar eine Gefahr.

Berlin – Als der britische Stararchitekt Norman Foster Mitte der 90er Jahre die Kuppel für das Reichstagsgebäude entwarf, hatte er eine Idee: gläsern sollte sie sein. Als Symbol für die neue Nähe zwischen Bürgern und Abgeordneten im Bundestag. In Wahrheit ist der Draht von Volk zu Volksvertretern oft aber gar nicht so kurz. Wer mit Bundestagsabgeordneten ins Gespräch kommen will und zum Telefonhörer greift, wird in den allermeisten Fällen bei ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern landen. Die filtern erst einmal.

Deutscher Bundestag

Im Durchschnitt beschäftigt jeder Abgeordnete im Bundestag acht Mitarbeiter. © Peter Sieben

Klar: Spitzenpolitiker können nicht auf jede einzelne Anfrage selbst sofort reagieren. „Abgeordnete können ihre Mandatsaufgaben nicht allein bewältigen“, heißt es dazu bei der Bundestagsverwaltung. Deshalb steht jedem Abgeordneten ein Mitarbeiter-Budget zur Verfügung: Aktuell sind es 27.396 Euro monatlich. Ziemlich hoch, findet der Staatsrechtler Philipp Austermann – vielleicht zu hoch. Denn die Regelung berge Risiken.

Budgets für Bundestagsabgeordnete: „Was machen Politiker noch selbst?“

Bis in die 1960er Jahre hatten Bundestagsabgeordnete gar keine Mitarbeiter oder Hilfskräfte. Heute sitzen in vielen Abgeordnetenbüros in der Regel mehrere Angestellte. Im Durchschnitt beschäftigt jeder und jede Abgeordnete acht Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. AfD-Abgeordnete sind mit mehr als neun Mitarbeitern Spitzenreiter, gefolgt von SPD-Abgeordneten mit knapp acht. „Da stellt sich bei manchen Politikerinnen und Politikern im Bundestag schon die Frage: Was machen sie eigentlich noch selbst?“, sagt Austermann, der an der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung lehrt, im Gespräch mit dem Münchner Merkur von Ippen.Media. Es bestehe die Gefahr, dass gewählte Volksvertreter dadurch den Kontakt zu Bürgerinnen und Bürgern immer mehr verlören. „Das fördert Politikverdrossenheit“, findet Austermann.  

Meist pflegen die Mitarbeiter Terminkalender, nehmen Anrufe entgegen. Oft schreiben sie aber auch ganze Reden, sprechen mit Besuchergruppen, bereiten Sitzungen im Alleingang vor, wie es aus Mitarbeiterkreisen heißt. „Wenn jede Rede komplett von Mitarbeitern geschrieben und jede Sitzung und jedes Papier vorbereitet wird, halte ich das für schwierig. Die Mandatstätigkeit wird dann nicht mehr so ausgefüllt, wie sie sollte“, so Austermann. Dazu kommt: Die Beschäftigungsverhältnisse unterscheiden sich enorm: Je höher die Mitarbeiterzahl, desto weniger verdient jeder einzelne. „Manche haben zwei gut bezahlte Kräfte, andere de facto acht oder neun Minijobber“, so Austermann – und das bei oft ähnlicher Qualifikation. 

Ein großes Risiko, das der Jurist außerdem sieht: Je mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Abgeordnete haben, desto schwieriger lässt sich kontrollieren, wer da eigentlich tagtäglich im Bundestag unterwegs ist. „Das System ist völlig aufgebläht.“ Gerade mit Blick auf Parteien an extremen Rändern sei das gefährlich. „Denn die Mitarbeiter haben ja Zugang zum Intranet und gegebenenfalls empfindlichen Daten“, so Austermann.

Beispiel: Mario Müller, der mehrfach als rechtsextremer Gewalttäter verurteilt wurde. Er arbeitet für den AfD-Abgeordneten Jan Wenzel Schmidt. Zwar hat er keinen Hausausweis für den Bundestag – wird aber dennoch aus Steuergeldern bezahlt. Anderes Beispiel: Der neurechte Autor Benedikt Kaiser, der als ehemaliger Neonazi gilt. Er war bis 2025 wissenschaftlicher Mitarbeiter des AfD-Abgeordneten Jürgen Pohl, hatte ein eigenes Büro im Bundestag. Und der ehemalige RAF-Terrorist Christian Klar war bis 2016 mehrere Jahre für den Linken-Abgeordneten Dieter Dehm beschäftigt, bis die Bundestagsverwaltung ihm einen permanenten Hausausweis für den Bundestag verwehrte.

Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) hatte Anfang des Jahres schärfere Regeln für die Beschäftigungsverhältnisse gefordert. In einem Schreiben Klöckners an die Fraktionen hieß es: „Wer eine Gefahr für das Parlament darstellt, kann nicht faktisch vom Parlament bezahlt werden.“ Verändert hat sich am System bislang aber noch nichts. Austermann hält eine Reform der Mitarbeiterbeschäftigung im Bundestag für längst überfällig. „Man sollte das Budget deutlich senken. Auf 20.000 oder 15.000 Euro monatlich. Das würde die Arbeitsbedingungen für jeden Einzelnen verbessern, Steuern sparen und die Kontrolle vereinfachen.“ (Quellen: Philipp Austermann, dpa, eigene Recherchen)