30 Jahre „Begegnungen auf der Grenze“: „Jeder kennt Hans“ – warum ein Gersheimer Kulturverein bis nach Polen wirkt


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30 Jahre „Begegnungen auf der Grenze“ „Jeder kennt Hans“ – warum ein Gersheimer Kulturverein bis nach Polen wirkt

Homburg/Gersheim · Ein Verein bringt seit Jahrzehnten Saarländer, Franzosen und Polen zusammen. Zum runden Geburtstag gab es Musik, Reden und eine Auszeichnung. Dabei begann die Erfolgsgeschichte vor 30 Jahren mit einer spontanen Idee.

03.10.2026 , 08:00 Uhr

Der Verein „Begegnungen auf der Grenze“ feiert 30 Jahre: Hans (l.) und Daniel Bollinger musizieren beim Festakt im Landratsamt in Homburg.

Foto: Sophia Schülke

Kein Wunder, dass es dafür so viel Applaus geben sollte: Falls bisher jemand mit dem Akkordeon gefremdelt haben sollte, durfte er oder sie an diesem Abend miterleben, wie vielseitig und erstaunlich die Klänge dieses Handzuginstruments sind, wenn ein so versierter Musiker wie Mateusz Dudek seine Finger über die weißen Tasten und Knöpfe flitzen lässt. Die Bandbreite der Gefühle, die Sängerin Dorota Helbin, Dudeks polnische Landsfrau, eben noch mit ihrer Stimme geweckt hatte, transponierte Dudek in ebenso mitreißende Rhythmen. Die berührende Ausdrucksstärke von Helbins Stimme erreichte er – unter anderem – durch wunderbare Crescendi und Decrescendi mit einem dynamisch tadellos geführten Balg.

Für kulturelle Aha-Effekte wie diese steht der Verein „Begegnungen auf der Grenze – Rencontres à la frontière – Spotkania na granicy“ aus Gersheim seit inzwischen 30 Jahren. Das galt es zu feiern und für das Publikum gab es, wie hätte es an diesem Abend auch anders sein sollen, Kultur, und vor allem viel Musik, aus drei Ländern. Dorota Helbin und Mateusz Dudek eröffneten den Abend, weitere Akzente setzten im späteren Verlauf Robert Leonardy, Pianist und Begründer der Musikfestspiele Saar, und Chansonnier Noël Walterthum, der mit Marina Kavtaradze am Piano französische Chansons vorstellte und seinem Sohn Louis für „La Bohème“ die Bühne überließ. Bei bekannten Refrains erwies sich das Publikum als durchaus textsicher.

Nach einem Eröffnungskonzert Anfang Mai im Europäischen Kulturpark Bliesbruck-Reinheim ging der zentrale Festakt des Gersheimer Kulturvereins jetzt im Homburger Landratsamt über die Bühne. „Was nützen die besten Ideen, wenn man keine Menschen hat, sie umzusetzen“, sagte Hans Bollinger, Initiator und umtriebiger Macher des Vereins, der nicht nur seiner aktiven und nicht mehr aktiven Kollegenschaft dankte. Sondern ebenso den kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Unterstützenden der vergangenen 30 Jahre – wie der Landesregierung und dem Saarpfalzkreis. Es war ein Abend voll Musik aus drei Ländern. Aber auch der Reden in drei Sprachen.

Dankes- und Lobesworte kamen von Bildungs- und Kulturministerin Christine Streichert-Clivot (SPD), die erklärte, dass der Verein „uns alle kulturell reicher“ mache, „auf kommunaler und schulischer Ebene viel angestoßen“ habe und die europäische Idee vor Ort lebendig halte. Saarpfalzkreis-Landrat Frank John (SPD) sprach Bollinger „tief empfundenen Dank“ aus und betonte, dass der Kreis „felsenfest“ an der Seite des Vereins stehe. Marek Głuszko, der polnische Generalkonsul, bescheinigte dem Verein eine „Keimzelle für Schüleraustausche und kommunale Partnerschaften“ zu sein. Głuszko konstatierte: „An solchen Orten wie in Homburg, im Saarpfalzkreis, in Gersheim wird sich die Zukunft der europäischen Ideen entscheiden, nicht in den Hauptstädten.“

Bei der Festveranstaltung spielte Robert Leonardy Werke von Debussy und Chopin.

Foto: Sophia Schülke

Piotr Pilch, stellvertretender Marschall von Podkarpackie, bezeichnete die Arbeit des Vereins als „Erfolgsgeschichte“ und überreichte Bollinger die höchste Auszeichnung der Woiwodschaft. Pilch, der seine Rede auf Polnisch hielt, bestätigte, was Streichert-Clivot bei Reisen mit Bollinger nach Polen schon vermutet hatte – „ja, es stimmt, dass jeder in Podkarpackie Hans kennt.“ Das Weimarer Dreieck sei eine Selbstverständlichkeit in unserer Region, bemerkte der französische Generalkonsul Jérôme Spinoza – das sei vor allem für Lothringen der Fall, wo der polnische König Stanislaus I. Leszczyński im 18. Jahrhundert als Herzog von Lothringen Exil fand und 2025 die Präsidenten Tusk und Macron den Vertrag von Nancy unterzeichnet haben.

Podkarpackie wurde zu Partnerregion des Saarlandes

Am Anfang war der Verein binational, inzwischen gibt es auch Beziehungen zur Ukraine. Zuerst galt es, nach einer spontanen Idee im Europäischen Kulturpark Bliesbruck-Reinheim Veranstaltungen für Publikum anzubieten. Dann kam eins zum anderen, und über Reisen, Zufälle und Kontakte, über gute Gespräche und gemeinsame Ziele, wurde schließlich Podkarpackie, die Woiwodschaft Karpatenvorland am südöstlichen Zipfel Polens, an der Grenze zu Ukraine und Slowakei, zum Vereinspartner und schließlich gar zu einer Partnerregion des Saarlandes. Eine legendäre Krakauer Jazzbar, so gibt Bollinger anekdotenlaunig zum Besten, soll dabei keine unerhebliche Rolle gespielt haben. Erst später, so schmunzelt Bollinger schelmisch, sei aufgegangen, dass man damit nicht nur Deutsche, Franzosen und Polen zusammenbringt, sondern eben auch die Partner des Weimarer Dreiecks.

Das Fundament, so erinnern mehrere der Politiker in ihren Reden, stellen neben regelmäßiger kultureller Zusammenarbeit, Schulpartnerschaften und vielen Austauschen im ökologischen Schullandheim „Spohns Haus“ in Gersheim auch Partnerschaften wie zum Landkreis Przemyśl, die inzwischen seit fast 20 Jahren besteht.

An dem Abend griff Hans Bollinger mehrfach selbst zur Gitarre und sang, begleitet von seinem Sohn Daniel Bollinger, Chansons und jiddische Lieder. Für einen besonderen Höhepunkt sorgte Robert Leonardy, der kurz vor dem Ende der fast dreistündigen Veranstaltung eine Arabeske von Debussy und den letzten Satz der Suite in h-Moll von Chopin spielte.

Den Abschluss aber bestritten Gäste aus Polen. Sieben Mädchen und junge Frauen der Jugendtanzgruppe Koralik zeigten ihr Können – indem sie Märchenszenen modern interpretierten. Dass der Abend im vollbesetzten Saal so ausklang, steht ganz in der Tradition des Gersheimer Vereins: Menschen und vor allem die Jugend grenzüberschreitend zusammenbringen, damit Europa vor Ort gelebt und über gemeinsame Kulturerlebnisse auch gefühlt wird. (oli)