300 Jahre alt und trotzdem vital: Oberwarngaus Gerichtslinde besteht alle sechs Monate den Sicherheitscheck


Stand: 12.09.2026, 08:00 Uhr

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Gerichtslinde in Warngau

Stumme Zeitzeugen sind Linden, die oftmals in der Ortsmitte gepflanzt wurden. Unter ihrer Krone wurde getanzt und auch Gericht gehalten. In Oberwarngau steht ein sehr schönes Exemplar. © THOMAS PLETTENBERG

Die Linde in Oberwarngau hat Fäulnis im Stamm, Hohlräume und einen wurzelzersetzenden Pilz. Trotzdem urteilt die Kreisfachberaterin: „Sie steht im Moment sehr gut da."

Warngau – Sie steht in Oberwarngau auf einem kleinen Hügel neben alten Bauernhäusern. Gasthof und Rathaus sind in Sichtweite, um die Ecke steht die Kirche St. Johann Baptist. Majestätisch erhebt sich die Linde mit ihrem Sommerblätterkleid im Zentrum des Orts. Was hat sich im Laufe der Jahrhunderte vor diesem imposanten Baum alles abgespielt? So manche Gerichtsverhandlung, Krankheitsepidemien und Kriege, Feste, Hochzeiten und Friedenszeiten wird er miterlebt haben.

Die Linde, die Julia von Oelhafen, Kreisfachberaterin für Gartenkultur und Landespflege, unserer Zeitung heute vorstellt, zählt mit ihren 300 bis 400 Jahren zu den ältesten Bäumen im Landkreis. Sie ist ein ausgewiesenes Naturdenkmal und steht unter besonderem Schutz – und Beobachtung.

Julia von Oelhafen (Kreisfachberatung) an der Gerichtslinde in Warngau

Kontrolliert den Baum: Julia von Oelhafen von der Kreisfachberatung am Landratsamt. © THOMAS PLETTENBERG

„Der Landkreis ist für die Verkehrssicherung zuständig“, erklärt die Kreisfachberaterin. Deshalb werde die Linde, die an der viel befahrenen Taubenbergstraße steht, alle sechs Monate von der Wurzel bis zur Krone begutachtet. Mit dem Sondierstab, den die Landratsmitarbeiterin heute vorsichtig durch die Borke schiebt, lasse sich überprüfen, ob es im Stamm Fäule oder Hohlräume gibt. Beides ist bei der Linde der Fall.

Steckbrief

Blatt: herzförmig; Unterseite rötlich (Winterlinde), weiße Haare (Sommerlinde);
Rinde: junge Rinde glatt, später rissig und rau;
Früchte: kugelartige Samen an herabhängenden Dolden, ein Flügelblatt;
Wurzel: intensives, tiefgehendes Wurzelwerk;
Höhe: maximal 35 Meter;
Altersgrenze: bis 1000 Jahre möglich;
Vorkommen im Landkreis: selten im Wald, vorwiegend straßenbegleitend, in Alleen oder als Parkbäume;
Holzeigenschaften: weich, hervorragend bearbeitbar, im Außenbereich wenig dauerhaft;
Holzpreis: in der Regel Brennholz, Wertholz (selten) bis zu 250 Euro pro Festmeter.

Auch ein Pilz, der die Wurzeln zersetzt, lebt in und mit ihr. Aber die Linde hat gelernt, mit ihren Wehwehchen umzugehen. „Sie kompensiert ihre Schäden und sie bildet neues Holz“, sagt von Oelhafen. Das können Passanten gut an den aufstrebenden, mächtigen Ästen erkennen, die senkrecht nach oben wachsen. Die Linde ist wie eine Mama, die ihren Nachwuchs versorgt. An einer Astgabel hat sich eine Eberesche eingenistet.

Stattlich ist mit 538 Zentimetern auch ihr Stammumfang. Der Durchmesser der Krone liegt bei elf Metern. Nur bei der Größe müssen Abstriche gemacht werden. Laut von Oelhafen erfolgten in der Vergangenheit sogenannte „Kronensicherungsschnitte“, sprich: gefährdete oder überlastete Äste wurden gezielt eingekürzt. Dadurch werden die Windangriffsfläche und die Bruchgefahr reduziert und die Sicherheit des Baumes verbessert.

Trotz der vielen Wehwehchen ist der Baum vital und treibt immer wieder aus. „Er steht im Moment sehr gut da und ist verkehrssicher“, lautet das Urteil der Expertin. Damit das so bleibt, sind engmaschige Kontrollen nötig. Alle sechs Monate schaut von Oelhafen bei der Linde vorbei, um die Baumkontrolle durchzuführen. Die Daten werden in einem Kataster erfasst.

Linden werden außergewöhnlich alt. Die bekanntesten in der Gegend sind die 1000-jährige Tassilo-Linde in Wessobrunn und die etwa 870 Jahre alte Hindenburg-Linde in der Ramsau bei Berchtesgaden. Oberwarngau war über Jahrhunderte hinweg eng mit dem Kloster Tegernsee verbunden. Das unterhielt dort eine eigene Gerichtsstätte – an der Linde im Ortszentrum. Daher nannte man den Baum auch Gerichtslinde. An einem Thing-Tag, von welchem sich wohl der Name des Dienstags ableitet, wurde der zuvor „thingfest“ (dingfest) Gemachte verurteilt.

Schon zu früher Zeit hat man das weiche, „linde“ (daher wohl der Name), dennoch aber feste Holz des Baums zum Schnitzen genutzt. Aufgrund der häufigen Verwendung in der Sakralkunst wurde es auch als „Heiligenholz“ bezeichnet.

Wirtschaftlich gesehen spielen die beiden Lindenarten (Sommer- und Winterlinde) derzeit eine eher untergeordnete Rolle, ergänzt Försterin Lina Nißl vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) Holzkirchen. Die Qualitäten des Baums liegen woanders: Das Laub ist wertvoller Naturdünger. Es enthalte viel Magnesium, Kalzium und nur wenig organische Säuren.

Die Linde werde als Beimischung zu Ahorn, Esche oder Eiche geschätzt. Sie beschatte die wertvollen Stämme der Edellaubbäume und verhindere, dass die am Stamm vorhandenen Knospen – die sogenannten schlafenden Augen – austreiben, sich zu Ästen entwickeln und damit den Stamm entwerten.

Wegen ihrer geringeren Empfindlichkeit gegenüber Frost und Mäusen seien Linden oft der Buche oder Hainbuche vorzuziehen. In tiefer liegenden Bodenschutzwäldern und den unteren Berglagen seien die tief reichenden Wurzeln der Linden zur Bodenbefestigung geschätzt.

Sommerserie

Welche besonderen Bäume gibt es im Landkreis Miesbach? Wo steht der höchste? Welcher ist der dickste? Und welcher ganz besonders? Mithilfe des Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) und des Landratsamts stellen wir in unserer Sommerserie herausragende Exemplare in loser Reihenfolge vor.